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Die Welt · 1897-09-10 · 15 (10.9.1897) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
15 (10.9.1897)
Article
[Kommentar]
Date
1897-09-10
Page
14 (sequence 3)
Language
German
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Seite 14. FirHMk Nr. 15. Sprache des Lebenswillens und staunt. Aber man nimmt die Lebenskraft ernst und den Willen findet man berechtigt. Ein Votum für die Existenzberechtigung des Zionismus. Das Staunen der Blätter ist durchaus nicht die lächelnde Neugier, die auf der Jagd nach Sensation ein Curiosum in Basel aufgeftöbert hat und es jetzt freudig beäugelt. Ja, es findet sich eine geringe Zahl von Blättern, die sich so geriren. Leute, die in einem Glashause sitzen und aus andere Steine werfen, Blätter, die für entlegene Zukunftsstaaten operiren und den Zionismus bizarr finden. Man kann ihnen wohl die erkünstelte Blafirtheit und die angenommene Ueberlegenheit in Worten und Gesten gönnen. Das sind unschuldige und unschädliche Liebhabereien. Es gab auch Blätter, allerdings ist ihre Zahl verschwindend klein, die den Congreß mit jenem Stoffe bewarfen, der das Lebenselement der genannten Preßpflanzen bildet. Das sind die Berufskläffer. Sie beißen jeden, der vorübergeht, in die Wade, und als der Congreß vorüberging, da schnappten sie auch hin. Ihr Wille ist immer gut, aber das Fleisch ist gewöhnlich schwach. Auch fehlen die Zähne. Der weitaus größere Theil der Presse begegnete dem Congreß mit Sympathie. Es ist oft eine zurückhaltende, gedämpfte Sympathie, die nicht von der Warte der Objectivität und 'Neutralität hinabsteigen will und mehr zwischen den Zeilen lesen läßt, aber man merkt, daß der "Berichterstatter — vielleicht der jüdische Berichterstatter — seine Meldung niederschrieb, während ihm noch der Beifallssturm ans dem Casinosaal im Ohr summte und das frische Erinnerungsbild des erhebenden Anblickes sich zwischen die Buchstaben hineindrängte. Je freier ein Blatt ist, desto freier, desto freundlicher berichtet es über den Congreß. Die Schweizer Blätter haben das gezeigt. Schweizer SlirUer. Die „Allgemeine Schweizer Zeitung" schreibt: „Noch immer wimmelt es in der Schweiz von Eongressen und Versammlungen. Die vergangene Woche sah in Basel den Zionisten- Eongreß, in (5hur die schweiz. reformirte Predigerversnmmlnng. lieber beide berichten nur an anderer Stelle.. Mur eines sei hier, noch hervorgehoben. Die Zionisten haben es verstanden, bei aller Betonung ihres Nationalbewnhtseins verlebende Worte gegen die Christen zu vermeiden', ein einziges Mal wurde der Mission im heiligen Lm;de das Wort Seelenfängerei gebraucht', aber bei der ergreifenden Schilderung der Jndennoth wurde mit keinem Worte dessen gedacht, das; auch Basel einst seine grauenvolle Judenverfolgung hatte oder das; das Land, in dein sie tagten, vor wenigen Jahren erst den Juden eine kultische Handlung, das Schächten, verboten hat. Das war tactvoll. Glicht dasselbe kann man leider von einigen Mieden an der schweizerischen Predigerverfanunlnng sagen." „Die Zähigkeit und eiserne Ausdauer ist eine hervorragende Eigenschaft der jüdischen Nasse, und die Männer, die an der Spitzeder Bervegung stehen, sehen darnach, uns, als ob sie auch ihnen eigen. Wir aber wünschen ihnen zu ihrem Beginnen Glück und Erfolg. Wir freuen uns der idealen Gesinnung, von der sie erfüllt sind, wir bewundern den Mnth und die Freudigkeit', die sie beseelen. Und sind auch ^die Schwierigkeiten, die sich ihren; Unternehmen entgegenstellen, riesengroß, so darf doch nicht' vergessen werden, das; auch bei der Rückkehr ans den; babylonischen Exil unendliche Schwierigkeiten zu überwinden waren und überwunden worden sind, und das; einem Volke, das während 1800 Jahren mitten unter fremden Völkern seine Eigenart bewahrt hat, wohl anch noch eine große Aufgabe bestimmt sein kann." „Orientalisch oder doch zum wenigsten südländisch ist auch das Benehmen, sind die Gesi'lhlsausbrnche. Tie ungezügelte Begeisterung, mit der nicht nur einzelne Ausführungen der Redner bejubelt, sondern auch diese selbst, ein Herzl, ein Nordau, schon bei ihrem Erscheinen ans der Rednerbühne empfangen werden, das Händeklatschen, das Bravorufen, das Strampeln mit den Füßen, das Anfspringen von den Sitzen, das Zujauchzen und Zuwinken, das sind alles Erscheinnnge;;, die uns kühleren Nordländern in dieser Intensität völlig ungewohnt sind und uns fremdländisch anmuthen. Was von den Rednern je und je mit Nachdruck betont wurde, daß sie ein besonderes Volk, eine besondere Nation sind, das bestätigt der Anblick der Versatumlung vollauf. Und wie fühlen sie sich'als ein besonderes Volk! Mögen sie noch sosehr verachtet und mißhandelt werden, so sind sie doch stolz darauf, Juden zu sein. Uns fiel dabei jenes selbstbervußte Wort Disraelis ein, der, als einer der Lords ihn als Inden geringschätzig behandeln wollte, den; versammelten englischen Oberhanse die Worte entgegenschleuderte: er sei stolz auf seine Abstammung, denn seine Ahnen Haben das^ Hohepriester lirhe'Diadem getragen, als die 'Ahnen der englischen Aristokratie, noch sanmN und sonders Schweinehirten waren." Die „Baseler Nachrichten" erklären am ersten Tage: „Uns aber scheint sich heute schon das Hauptergebnis; dieses Congresses als ein flammender Protest von 200 aus aller Wett gekommenen Juden gegen den Antisemitismus zu charakterisiren." Daraufhin schreibt die Schweizer „National- Zeitung": Die „Baseler Nachrichten" bezeichnen das Hauptergebnis des Congresses als „einen flammenden Protest gegen den Antisemitismus von 200 aus aller Welt gekommenen Juden," wie auch ich — auf das Risico für einen „Abschreiber" zu gelten — oben gesagt habe. Nun, das Hauptergebnis; ist meiner unmaßgeblichen Meinung nach ein viel „Größeres": Es ist die Anerkennung des Antiseinitismus als eine Riesengefahr für die ganze Welt, die zu-bekämpfen die Pflicht eines Jeden istz der auf den Ehrentitel „Mensch" Anspruch inachen will, und ich möchte denjenigen sehen, der hier den Kopf in den Sand steckt wie ein gewisser Vogel, llnd noch ein anderes Ergebnis; wird der Congreß haben: Die Bekehrung der ungläubigen ----- Gläubigen. In dieser Beziehung fing ich gestern ein Wort auf, das einem hochgeachteten Haupte entsprungen war: „Wir alle haben die zionistische Bewegung unterschätzt!" In sie ist unterschätzt und wird unterschätzt von Juden wie von Nichtjuden, und von ersteren nicht am Wenigsten; aber sie wird ihren Siegeslauf fortsetzen, bis das Endziel erreicht ist und das ist: Die Aberkennung der Ehrenrechte einer gewissen Sorte Parasiten und die Anerkennung der Juden als — Menschen! * * * Anch die „siebente Großmacht" hat die Anerkennung gefunden, auf die sie oftmals gern verzichten wurde, wenn die übrigen sechs „College;;" sie nur etwas besser zu behandeln verstünden. Herr Dr. Herzt hat die Gelegenheit ivahrgenoiumen, um ihr die "ri'ihevolle Arbeit bestens zu verdanken, llnd sie hatte sich revanchiert, fet ehe Herz!, der ja auch von der Sippe ist, das Wort gesprochen: Es : sich aus den anläßlich des Congresses amvesenden jüdischen Journalgten ein „Verein zionistischer Journalisten" gebildet, der jeden in seine Mitgliederliste aufninunt, der die zionistische Bewegung mit seiner Feder zu unterstützen sich bereit erklärt, jeden, ohne Ansehen der — Confessio;;. Der Berner „Bund" schreibt: „An; Sonntag-Morgen sind sie in Basel zusannnengetrete;;, die Vorkämpfer dieses großen Planes, um die genaueren Linien zu ziehen, u;u die Schwierigkeiten der Verwirklichung näher ins Auge zu fassen. Es ist eine ungewöhnlich feine und elegante Bersanunlung, obgleich die eigentlichen Finanzjud.cn nicht dabei sind. Es ist da,, wie uns scheinen will, überhaupt der syn;pathischere Theil der Söhne Abraha;ns beieinander, die Männer der Kunst und Wissenschaft, die eine nupvnirende Summe von Intelligenz und schönen; Wagemuth rcpräsentiren. Ein steinalter hagerer Mann, Dr. Lippe, der aus Jassy in Ruinänien gekommen ist, hat den Congreß eröffnet. Er hat mit einer Entschlossenheit und Hoffnungslust, die seinen tveißen Haaren gut anstanden, die Fahne des Zionismus aufgepflanzt. Wie lange haben wirauf ein iibernatürliches Ereignis; gewartet, sagte er. Nun sind wir des Harrens müde und wollen auf natürlichen; Wege mit natürlichen Mitteln unseren; Ziele zustreben. Das Judenthun; hat noch Lebenskraft genug, sich zu einen; selbständigen, geschlossenen Volksthnm ansznraffen. Alle Unterdrückung und Zersplitterung haben unser starkes Nationalbewußtsein nicht zu ersticken vermocht." _ „Der Zionisten-Eongreß in Basel hat schließlich trotz der stürinischen Seenen ein gutes Ende genommen, das die Führer der Bewegung;ni G.'nngthnung und Befriedigung erfüllen darf. Wie es auch um die Ausführbarkeit und die Aussichten ihrer Pläne stehen mag, diese Versammlung der geistig hervorragendsten Vertreter des Judenthnins. aus allen Ländern war für den Unbetheiligten eine hochinteressante Erscheinung und für die jüdische Nation ein Ereignis;, das dereinst vielleicht als „welthistorischer Moment" gefeiert lverden wird." Auch die schweizerische socialdemokratische Presse tritt dem Zionismus sympathisch entgegen. Die „Arb eiterst i m nt e" in Zürich, „das officielle Organ der socialdemokratischen Partei der Schweiz und des Gewerkschaftsbundes" bemerkt: „Dor Z-joiiistcn-Coilgrcß ist die erste jüdische Natioiialversaiumlimg. Als solche lst sie von culturgeschlchtlicher Bedcutimg und es ist ein Ruhm für die Schweiz, dnß er ans ihrem Boden stattfand/' Englische Matter. Schon während der Congreßtage stellten sich die „Times" mit einem Artikel Oswald Simons gegen den Congreß ein. Dieser Herr, dessen Rcfonn-Projecte seit Jahren in den verschiedensten Revuen herumspuken, glaubte darauf Hinweisen zu sollen, worüber sich sonst niemand graue- Haare wachsen ließ, daß die öffentlichen jüdischen Körperschaften Englands auf dem Congresse nicht vertreten sind, daß die Orthodoxen blos auf ein Wunder warten. Er, der durch seine Neuerungssucht alle Traditionen zerstören will, stellte den Judenstaat als eine „Verletzung" der jüdischen Tradition hin. Darauf erhielt Herr Si m ön

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