Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 15 (10.9.1897)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1897-09-10
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 15. ©eite 18. seiner Existenz, von seinem Wollen und Wirken. Die denkwürdigen drei Tage in Basel haben dem Zionismus zu seinem Rechte verholfen, in Hellem Tageslichte zeigten sie das innerste Wesen der Bewegung, man sah jede Fiber, man hörte jeden Pulsschlag. — Der Congreß hat das Schweigen gebrochen. In Basel gab der Zionisntus sein erstes weittönendes Lebenszeichen von sich. Die Presse trug es weit hinaus. Obenan die jüdischen Blätter, die zionsfreundlichen und die zionsfeindlichen. Mit letzteren ist eine sonderbare Wandlung vor sich gegangen. Ihre Sprache steht.unter dem Eindrücke eines großen Ereignisses. Das ist die überwältigende Kraft, die von einer hundertköpfigen Versammlung begeisterungsvoller Menschen ausgeht, die hinreißende Kraft, die sich ungehenimt auf den Berichterstattertisch fortpflanzt, den Zweifel erdrückt, den Spott entwaffnet und ihren Weg in die Spalten der Blätter nimmt. Das ist der große Moment, der selbst ein kleines Geschlecht zu höherem Schwünge fortreißt und mit der Ahnung einer lichten Zukunft erfüllt, deren erstes Morgenroth man von Angesicht zu Angesicht geschaut hat. Die „Jüdische Presse" schreibt: „Man maq über die Zweckmäßigkeit der Veranstaltung und die zu erhoffenden Ergebnisse wie immer urtheilen, (und die, allerdings vorwiegend gegen das ursprüngliche Berhandlungsprogranun gerichteten Bedeuten find in Ihrem Blatte eingehend hervorgehoben worden) die Thatsache, daß zum ersten Male ein derartiger internationaler Areopag sich zusammenfand, um über die Möglichkeit einer Linderung der schweren Noth der schweren Zeit zu berathen, daß - ein seltsames Schauspiel eine so große Summe von Idealismus und Hingebung, von materiellen Opfern und geistiger Kapazität in den Dienst jüdischer Interessen gestellt wird, muß in jedem Falle wohlthuend empfunden werden und gestaltet den Congreß zu einem bedeutsamen Geschehnis), das ein Anrecht aus das aufmerksame Interesse aller kreise unserer Glaubcnsgenossenschaft hat und dasselbe sicherlich finden wird." Der Mainzer „Israelit" schreibt: „Der Verlauf des Zionisten-Cougresses hat einen Ueberblick über den Stand und die Verbreitung des Zionismus gelehrt, er hat gezeigt, daß diese Bewegung weit größere Kreise ergriffen, weit mehr Anhänger gewonnen, als gewöhnlich angenommen. Der Verlauf des (Kongresses war ein angemessener, die Debatten oft erregt aber iurmer sachlich, jede Polemik vermieden, Fragen der Religion und des CnUus blieben unberührt; das Präsidium in den Händen des Herrn Dr. Herzt war ein objectiv sicheres und energisches. Wie man auch immer über ^den Zionismus denken mag, seine Ziele und seine Bestrebungen, mit Freude muß man begrüßen, daß der kalte JndifserentismuS aufgehört, daß Männer, die nicht die schlechtesten unseres Stammes, sich als Juden fühlen, sich und ihr Können in den Dienst ihrer armen Brüder stellten." Der „Ungarische Israelit" spricht von einer „wackeren Garde" der Zionisten. Der Bericht der „Laubhütte" beginnt folgendermaßen: „Der Zionisten-Eongreß hat in Basel stattgefunden. Auch wer mit dem Wege der eingeschlagen werden soll, nicht oder mehr in jeder Hinsicht einverstanden ist, muß sagen, daß der Congreß eine imposante Kundgebung Jung Israels war. Soweit der Bericht bis jetzt vorliegt, geht der Erfolg zwar nicht über schöne, sogar sehr schöne Reden hinaus. Aber die Begeisterung, die Einmüthigkeit, die herrschte, muß selbst den Feinden Israels Achtung abgewinnen re." Der Lembergs „Israelit" begrüßt — freilich von einen: anderen Standpunkt — den Congreß mit folgenden Worten: „Was ein unerreichtes Ideal der Jahrhunderte, ja der Jahrtausende gewesen, ein Congreß der Gesammtjudenheil, eine Versammlung von Juden aller Zonen und Länder, alter Abstufungen der Gläubigkeit, eine Conferenz der Diaspora, kommt hier zu Stande, und die Umstände Haben es glücklich gefügt, daß es, obzwar ein jüdischer Congreß, doch kein religiöser ist. Religions-Coneile haben in der Geschichte keinen guten Klang. Unsere Zeit des Positivismus liebt nicht das Flackern der Glaubensfackeln. Man gruppirt sich heute nach Nationen und socialen Classen. Daher nennt sich der Judenhaß heute mit dem wissenschaftlichen Namen „Antisemitismus". Also die Auspicien, unter denen der Congreß zusammentratt, sind offenbar günstig". Die Oeffentlichkeit hat den Zionismus kennen gelernt. Es wird wenige angesehene Blätter geben, di^ nicht mindestens eine kleine Notiz dem Zionisten-Congreß widmeten. Durch viele, viele Blätter, von den großen Weltorganen angefangen bis hinab zu den kleinen Provinzblättern, ging die Nachricht von den Juden, die sich in einem freien Lande zusammengefunden, um über Freiheit und Erlösung zu berathen. Besonders die deutschen Blätter beschäftigten sich sehr stark mit dem Congreß: Die „Kölnische Zeitung", die „Norddeutsche allgemeine Zeitung", die „Münchener Neuesten Nachrichten", die „Münchener Allgemeine Zeitung", die „Frankfurter Zeitung", die „Vosfische Zeitung", der „Fränkische Courier", u. s. w. Der Jude mit seinem Leid hat sich „in die Oeffentlichkeit geflüchtet" und die Oeffentlichkeit bewies sich nicht theilncchmslos. Sie hörte aus einmal Zahlen und Daten — eine Statistik von Wunden und den Wehruf dazu. Alles klar und deutlich vernehmbar. E n tausendjähriges Unglück ist von allen Gegenden der Welt auf einen Punkt zusammengeströmt und läßt seine Stimme jählings hineinschallen in die solide „Cultur" und die glatte Behaglichkeit einer modernen Gesellschaft. Und die inoderne Gesellschaft macht große Augen. Früher mochte man kalt an dem Unglücke vorübergehen. Da war eS ei» undeutliches, zerstreules Seufzen und das unbekannte Leid, das gedämpft in die Oeffentlichkeit klang, konnte leicht für Hypochonderie gehalten werden. Der Congreß hat öas Judenelend in fester gesammelter Form der Oeffentlichkeit übergeben und die Blätter haben es festgenagelt. Und wieder ivird das Unglück znsammenströmen und wieder wird es seine Stimme erheben, Jahr um Jahr, immer wieder und immer wieder, bis — bis es ans der Welt geschafft ist. Auch das große, das wunderbare und doch so einfache Erlösungswort hat der Congreß offen vor aller Welt ausgesprochen. Jedes Zeitungsblatt, das die Erlösungsformel ausgriff und in die Welt hinauStrng, war ein Beweis dafür, daß der Zionismus das Licht der Sonne nicht scheue, daß unser Weg zur Lösung der Judenfrage kein krummer, verborgener Schleichweg sei. Der Eindruck, den das Wort „Judenstaat" in der Welt hervorries, war ein durchaus ernster. Der Congreß fand in der Oeffentlichkeit ein ernstes Interesse. Die Pessimisten oder Schadenfrohen, die den Spott des Publicuins über ein lächerliches Schauspiel erwartet haben, sind gründlich enttäuscht. Kein Spott, keine Geringschätzung. Man widinet nicht einem Gegenstände, den man geringschützt, spaltenlange Berichte. .Kleinliches, eitles Getändel übergeht man mit Achselzucken, aber nicht den Willen von Hunderttausenden, die hinter dem Congresse standen. Wohl rief auch das Heilungsniittel erstaunte Mienen in der Presse hervor. Kein Wunder! Man hat den Nachbar langsam hinsiechen gesehen, man hat schon seinen Tod erwartet, dieser oder jener hat vielleicht auch schon die Trauerkunde verbreitet, und auf einmal eines schönen Morgens trifft man den Todtgeglaubten auf der Gasse, sein Gang ist fest und sicher, ans seinem energischen Antlitz sprechen Lebenswille und Lebenskraft. Man war gewöhnt, nur Hiobsposten, nur schmerzvolle Bulletins aus dem 'üdischen Lager zu empfangen. Alls dem Osten die Nachricht von Massenmorden, wo der Jude, in dumpfer, fatalistischer Kraftlosigkeit den Nacken vor dun Schlächter beugt, aus dem Westen eine lange, lange Tausstatistik. - Und auf einmal ertönt in Basel der Protest gegen die stumpfe, fatalistische Geduld. Man vernimmt die kräftige