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Die Welt · 1897-09-10 · 15 (10.9.1897) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
15 (10.9.1897)
Article
Rede des Dr. Bodenheimer (Köln)
Date
1897-09-10
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6. MAN«? Nr. 15. verseile“ oder an die amerikanischen „B'nei B’rith“. Allein diese Bereinigungen können schon darum keine nationale Organisation genannt werden, weil sie grundsätzlich den politischen Charakter von sich abgestreist haben und lediglich aus dem Gesichtspunkte der Menschenliebe ihre Stammesgenossen fördern wollen. Diese Vereinigungen stehen überdies zum Theil auf dem Standpunkt der Assimilation; gingen also dieselben dazu über, sich mit politischen Gegenständen zu befassen, so würden sie keine nationale, sondern eine internationale Organisation darstellen. Daß diese Vereinigungen nur aus Juden bestehen, betrachten dieselben nicht als Zweck, sondern als einen zufälligen äußerlichen Umstand, der nach der Meinung ihrer Gründer und Leiter aufhören wird, sobald die Grundsätze der Menschenliebe durch die Beseitigung religiöser Vorurtheile zur allgemeinen Anerkennung gelangt sind. Selbstverständlich erwarten diese Leute einen solchen idyllischen Zustand schon in allernächster Zeit, wobei der Wunsch Vater des Gedankens sein dürfte. Ein im Uebrigen kluger und gebildeter Herr, Großtaufmann, stellte mir dieses paradiesische Zeitalter für die nächsten 5 spätestens 20 Jahre in sichere Aussicht. Und da spricht man uns gegenüber von Utopieen. Alle diese Organisationen bieten daher in keiner Weise die Möglichkeit der Weiterentwickelung zum Staatsgedanken, zur Rechtsausprägung des nationalen Machtwillens. Wenn wir also der Meinung sind, daß das jüdische Volk zu seiner Selbsterhaltnng und culturellen Entwickelung ein besonderes Gemeinwesen nöthig hat, und dieser Ueberzeugung ist Ausdruck gegeben worden, — wenn uns eine Heimstätte Roth thut, an der sich die jüdische Sonderart frei entwickeln, jüdische Begabung und Fähigkeit ungehemmt von dem Druck und der Beschränkung, denen jede Minderheit unterliegt, auf allen Lebens gebieten eine volle Probe ihres Werthes ablegen können, so müßen wir zu diesem Zweck besondere Organe und eine neue nationale Organisation schaffen. Demnach ist aber unsere Organisation nicht nur eine zionistische, sondern ihren Gegenstand und ihre Grundlage bildet das ganze jüdische Volk. Wir sind der Ueberzeugung, daß in den bisherigen assimilatorischen Organisationen nicht das jüdische Volk und dessen Machtiville zum Ausdruck gekommen ist, sondern lediglich eine kleine Clique von Geldmännern, die überhaupt international sind, und ihre materiellen maminonistischen Tendenzen gerne mit dem Mäntelchen eines erheuchelten Patriotismus verhüllen möchten. In dem Munde solcher Leute ist das Wort Patriotismus ein Mißbrauch, und ihr ganzes Gebühren ein Farce. Zur Schaffung einer nationalen jüdischen Organisation brauchen wir kein Mandat, wie die Protestrabbiner wollen. Die Männer, welche von dem Wunsche beseelt, ihrem Volke zur Freiheit von Druck und Unrecht zu verhelfen, zu irgend einer Zeit, in irgend einem Land ihre Brüder zum Werke nationaler Einigung aufgerufen, und ihre Person für diese heilige Sache eingesetzt haben, haben sie etwa jenials das Mandat abtrünniger Knechtseelen und seiger Heuchler abgewartet? Wenn in der Brust von Hunderten begeisterter Männer der Wunsch lebt, ihrem unterdrückten Volk zu helfen, dann ist die Ueberzeugung von der Nothwendigkeit der befreienden That, das einzige Mandat, welches sie zu gemeinschaftlichem Handeln bewegen darf. Da wir also zur Zeit allein das jüdische Volk repräsentiren, so haben wir als jüdische Nationalversannnlung, gestützt auf die Anhängerschaft eines erheblichen Theiles des jüdischen Volkes, diejenigen Einrichtungen vorzubereiten, welche man im hervorragenden Sinne als die Vorbedingungen staatlicher Ereignisse betrachtet, das ist a) die Organisation des national-jüdisch empfindenden Volkes. b) dessen kulturelle Vereinigung mit einem bestimmten Land. Ob sich dann unter diesen Vorbedingungen ein Staatswesen wirklich entwickeln wird, ob dieser Gipfelpunkt nationaler Cultur für das jüdische Volk wieder erreichbar ist, die Lösung dieser Frage können wir getrost der Zukunft, müssen wir der göttlichen Vorsehung überlassen Nachdem wir so erörtert haben, daß und warum wir einer Organisation bediirfen, wollen mir nunmehr untersuchen, wie die Organisation beschaffen sein muß, um unserer Sache zu dienen. Die Grundlage dieser Organisation muß ein klares, kurzes Programm sein, die Aufstellung der Grundzüge, welche uns als Partei einigen und von anderen geistigen Richtungen innerhalb der Judenheit trennen. So wie die Seele, der Geist eines Menschen dessen Handlungen bestimmt, muß auch das Programm stets die Richtschnur unserer Parteitaktik bilden. Naturgemäß muß dieses Programm ein allgemeines sein, welches Zionisten aller Länder durch ein gemeinsames Band mnschließt und ein besonderes in jedem Lande, in welchen! sich eine gesonderte zionistische Gruppe befindet. Das allgemeine Programm darf nur das enthalten, was uns alle einigt, ich darf wohl hier meiner persönlichen Meinung freien Ausdruck geben, die Gründung einer völkerrechtlich gesicherten H e i m st ä t t e für die unterdrückten S t a m m e sgenossen, und die Andeutung der hierzu erforderlichen Mittel. Dieses Ziel können wir verfolgen ohne uns mit den inneren politischen Zuständen der bestehenden Staaten zu beschäftigen. Keiner derselben kann sich durch dieses Programm beunruhigt fühlen. Wir greifen keine Nation oder Consession an, oder beeinträchtigen ihren Besitzstand. Wir wollen im Gegentheil einen Kein: des Unfriedens und des Zwiespaltes Hinwegräumen, indem wir für diejenigen Stammesgenossen, welche sich durch nationale oder confessionelle Reibungen belästigt fühlen, ein Asyl schaffen, wo sie ihre Eigenart entwickeln können, ohne hiedurch mit anderen Nationen oder Confessionen zusammenzustoßen. Auch die türkische Regierung wird durch unsere Bestrebungen nicht bedroht. Das jüdische Volk erkennt dankbar die Toleranz, welche die türkischen Sultane den Juden gegenüber stets geübt haben, an und wird nie vergessen, daß dieselben ihnen zur Zeit der spanischen Vertreibung gastlich ihr Reich geöffnet haben. Wir haben auch den ernstlichen Willen, durch - unsere Organisation eine völkerrechtliche Vereinbarung auf dem Boden gemeinschaftlicher Interessen zu treffen, ohne die Souveränität des Sultans irgendwie zu verletzen. Unser Programm bildet eben so gut eine Sicherheitsventil gegenüber dein Antisemitismus wie gegenüber dem immermehr wachsenden Judenelend besonders im Osten Europas. Kann es eine menschenwürdigere, edlere Aufgabe geben, als dem gewaltigen, hungernden nach Brot lechzenden Volke der russisch-polnischen, galizischen und rumänischen Juden Arbeit und friedlichen Erwerb durch den Fleiß ihrer Hände zu verschaffen? — Während das allgemeine Programm uns von der Beschäftigung mit den Zuständen der jüdischen Bevölkerung in den einzelnen Ländern und deren politischen bezw. socialen Stellung zu den Nationen, unter denen sie wohnen, grundsätzlich ausschließt, wird es Sache der Einzelorganisationen sein, diese Zustände je nach den Verhältnissen in den einzelnen Ländern programmatisch zu regeln. Die Gesichtspunkte, welche hier in Betracht kommen, sind beispielsweise die folgenden: In Galizien herrscht ein furchtbarer, wirthschastlicher und socialer Nothstand der jüdischen Bevölkerung. Soll diese unserer Sache nützen können, sei es durch materielle Unterstützung des Colonisationswerkes, sei es durch Abgabe des geeigneten Menschenmaterials für dieselbe, so muß zunächst dieser Nothstand beseitigt oder wenigstens gemildert werden. Auch genügt es nicht dem Armen, der heute in Folge einer judenfeindlichen Gesetzgebung, dem Verhungern nahe ist, lediglich die Hoffnung auf eine schönere Zukunft

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