Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 14 (3.9.1897)
- Article
- Rede von Dr. Theodor Herzl
- Date
- 1897-09-03
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
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Rr. 14. Seite 5. Schrecken ausgab, in Wirklichkeit ist: eine gesittete, gesetzliche, menschenfreundliche Bewegung nach dem alten Ziel der Sehnsucht unseres Volkes. Was die Einzelnen unter uns schrieben oder sagten, konnte und durfte man achtlos übergehen, — nicht mehr das, was der Congreß hervorbringt. Möge darum der Congreß, der fortab der Herr seiner Debatten ist, als ein weiser Herr wirthschasten. Und endlich wird der Congreß für seine eigene Dauer sorgen, damit wir nicht wieder auseinanderlaufen, spurlos und ohne Wirkung. In diesem Congresse schaffen wir dem jüdischen Volke ein Organ, das es bisher nicht hatte, das es aber dringend, zum Leben dringend braucht. Unsere Sache ist zu groß für den Ehrgeiz und die Willkür einzelner Personen. Sie muß ins Unpersönliche hinaufgehoben werden, wenn sie gelingen soll. Und unser Congreß soll ewig leben, nicht nur bis zur Erlösung aus der alten Noth, sondern nachher erst recht. Heute sind wir hier auf dem gastlichen Boden dieser freien Stadt — wo werden wir übers Jahr sein? Aber wo wir auch seien, und wie lange unser Werk bis zur Vollendung dauere, unser Congreß sei ernst und hoch, den Unglücklichen zum Wohle, Niemandem zum Trutz, allen Juden zur Ehre und würdig einer Vergangenheit, deren Ruhm wohl schon fern aber unvergänglich ist. * * * Nach der einleitenden Rede des Alterspräsidenten und der Rede Dr. Herz l's fand die Wahl des Bureaus statt. Im Sinne der von der Conferenz gemachten Vorschläge wurden gewählt: Dr. Herzl, Präsident; Dr. Max N o r d a u, erster, Dr. Abraham Salz, zweiter, Samuel P i n e l e s, dritter Vice-Präsident; Dr. Ehrenpreis, Dr. Mintz, Dr. Schnirer und W o l f s o h n, Beisitzer; als Schriftführer: Dr. Schauer (deutsch), Ing. U s i s ch k i n (hebräisch), Temkin (russisch), De Haas (englisch). Nach Dr. Herzl sprach Dr. Max Nordan zum ersten Punkt der Tagesordnung. Als unser beühmter Gesinnungsgenosse die Tribüne bestieg, bricht die Versammlung in einem stürmischen Jubel aus. Man klatscht, schwenkt Hüte, Tücher, der Enthusiasmus der Versammlung will gar kein Ende nehmen. Nach einigen Minuten tritt eine lautlose Stille sein. Dr. Nord a u spricht. Die Versammlung wird begeistert, sortgerissen. Die Rede wird an vielen Stellen von stürmischem Applaus unterbrochen. - Wir geben die Rede vollinhaltlich wieder. Kede m\i Dr. Mar Uordau. Die allgemeine Lage der Juden. Die Sonderberichterstatter für die einzelnen Länder werden Ihnen die Lage unserer Brüder in den verschiedenen Staaten eingehend schildern. Einige ihrer Berichte haben mir Vorgelegen, andere nicht. Aber auch von den Ländern, über die'ich von meinen Mitarbeitern nichts erfuhr, habe ich theils aus eigeüer Anschauung, theils aus anderen Quellen einige Kenntniß, so daß ich es vielleicht ohne Selbstüberschätzung unternehmen darf, das Gesammtbild der Verfassung der Judenheit am Ausgange des neunzehnten Jahrhunderts zu entwerfen. Dieses Bild kann ungefähr aus einem einzigen Farbenton gemalt werden. Ueberall, wo Juden in einigermaßen größerer Zahl unter den Völkern siedeln, herrscht Judennoth. Es ist nicht die Durchschnittsnoth, die das wahrscheinlich unabänderliche Erdengeschick unserer Gattung ist. Es isb eine besondere Noth, die die Juden nicht als Menschen, sondern als Juden erleiden und von der sie frei sein würden, wenn sie keine Juden wären. Die Judennoth hat zwei Formen eine sachliche und eine sittliche. In Osteuropa, Nordafrika und Westasien, also gerade in den Gebieten, welche die ungeheuere Mehrheit, wahrscheinlich Neunzehntel, unseres Stammes beherbergen, ist die Judennoth buchstäblich zu verstehen. Es ist ein tägliches Drangsal des Leibes, ein Bangen vor jedem folgenden Tage, ein qualvolles Ringen um die Erhaltung des nakten Lebens. In Westeuropa ist den Juden der Kampf ums Dasein etwas leichter gemacht, obschon neuerdings die Neigung sichtbar wird, ihn ihnen auch hier wieder zu erschweren. Die Brot- und Obdachsrage, die Frage der Sicherheit von Leib und Leben martert sie weniger. Hier ist die Noth eine sittliche. Sie besteht in täglichen Kränkungen des Selbst- und Ehrgefühles, in der rauhen Unterdrückung ihres Dranges nach seelischen Befriedigungen, nach denen zu streben kein Nichtjude sich zu versagen braucht. In Rußland, dessen jüdische Bevölkerung über fünf Millionen beträgt und das die Heimat von mehr als der Hälfte aller Juden ist, sind unsere Bruder nianchen gesetzlichen Beschränkungen unterworfen. Nur eine wenig zahlreiche jüdische Secte, die der Karaiten, genießt dieselben Rechte, wie die christlichen Unterthanen des Czaren. Allen übrigen Juden ist der Aufenthalt in einem großen Theile des Reiches untersagt. Der Freizügigkeit erfreuen sich nur gewisse Kategorien von Juden, z. B. Mitglieder der ersten Kaufmannsgilde, Besitzer akademischer Titel u. s. w. Aber um zur ersten Kaufmannsgilde zu gehören, muß man reich sein, und das sind nur wenige russische Juden, und akademische Titel können auch nicht viele erwerben, denn die staatlichen Mittel- und Hochschulen lassen jüdische Schüler nur in beschränkter Zahl zu, ausländische Diplome aber gewähren keine gesetzlichen Rechte. Es ist den Juden untersagt, gewisse Gewerbe zu betreiben, deren Betrieb allen christlichen Russen freisteht. Die Bedauernswerthen sind in einige Gouvernements zusammengepfercht, wo es für sie keine Gelegenheit gibt, ihre Kräfte und ihren guten Willen zu bethätigen. Die Bildungsquellen des Staates fließen spärlich für sie, eigene können sie sich nicht erschließen, weil sie zu arm sind. Wer irgend kann, der wandert aus, uni in der Fremde Luft und Licht zu finden, die ihm in der Heimat versagt sind. Wer dazu nicht jung oder muthig genug ist, der bleibt in seinein Elend und verkommt dariii geistig, sittlich, leiblich. Von Rumänien mit seiner Viertelmillion Juden hören wir, daß unsere Brüder auch dort rechtlos sind. Sie dürfen nur in den Städten wohnen, sind aller Willkür der Behörden und selbst der niederen Beamten preisgegeben, manchnlal den blutigen Gewaltthaten des Pöbels ausgesetzt und in den schlechtesten wirthschastlichen Verhältnissen. Unser rumänischer Sonderberichterstatter schätzt die Zahl der völlig mittellosen auf über die Hälfte aller rumänischen Juden. Grauenhaft sind die Zustände, die unser galizischer Berichterstatter enthüllt. Von den 772.000 Juden Galiziens sind nach den Angaben des Herrn Dr, Salz 70 Procent buchstäblich Bettler, Berussarme, die Almosen verlangen, freilich meist ohne es zu empfangen. Die übrigen Einzelheiten des Berichtes will ich nicht vorwegnehmen. Sie sollen nicht zweimal das Grauen empfinden, das der Bericht in Ihnen erwecken wird. Für die Verhältnisse Westösterreichs mit seinen rund 400.000 Juden ist die Angabe des Herrn Dr. M i n tz kennzeichnend, daß in Wien von 25.000 jüdischen Haushaltungen 15.000 wegen Armuth zur Cultussteuer gar nicht herangezogen werden können. Von den übrigen 10.000 sind 00 Procent zum niedersten Steuersatz veranlagt. Aber auch von dieser Kategorie der Niedrigstbesteuerten sind Dreiviertel nicht im Stande, ihrer Steuerpflicht zu genügen. Das Gesetz kennt in Oesterreich, anders als in Rußland und Rumänien, keinen Unterschied zwischen Juden und Christen, aber vielfach behandelt man das Gesetz kühl als tobten Buchstaben und die Sitte richtet den Judenbann wieder auf, den der Gesetzgeber niedergelegt hat. Die gesellschaftliche Aechtung erschwert den Juden den Broderwerb und wird ihn in naher Zukunft vielfach ganz unmöglich machen.