Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 14 (3.9.1897)
- Article
- Rede von Dr. Theodor Herzl
- Date
- 1897-09-03
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4. Ar. 14. Organisation ist der Beweis des Vernünftigen in einer Bewegung. Hier ist aber ein Punkt, der nich? deutlich und energisch genug herausgearbeitet werden kann. Wir Zionisten wünschen zur Lösung der Judenfrage nicht etwa einen internationalen Verein, sondern nur die internationale Diskussion. Der Unterschied ist für uns von der höchsten Wichtigkeit, wie ich Ihnen nicht erst auseinanderzusetzen brauche. Dieser Unterschied legitimirt auch die Einberufung unseres Congreßes. Es kann sich bei uns nicht um Bündeleien, geheime Interventionen und Schleichwege handeln, sondern nur uni eine freimüthige Erörterung unter der beständigen und vollständigen Controle der öffentlichen Meinung. Es wird einer der nächsten, schon jetzt in großen Umrissen wahrnehmbaren Erfolge unserer Bewegung sein, daß wir die Judensrage in die Zionsfrage umwandeln werden. Eine so große Volksbewegung muß von vielen Seiten angepackt werden. Der Congreß wird sich daher auch mit den geistigen Mitteln zur Wiederbelebung und Pflege des jüdischen Nationalbewußtseins beschäftigen. Auch auf diesem Punkte Haben wir mit Mißverständnissen zu kämpfen. Wir denken nicht daran, auch nur eines Fußes Breite von erworbener Cultur auszugeben, sondern denken an ein weiteres Vertiefen der Cultur, wie es jedes Wissen bedeutet. Uebrigens ließ das geistige Leben der Juden von jeher bekanntlich weniger zu wünschen übrig, als das ihrer körperlichen Bethätigung. Dies haben die praktischen Vorläufer des jetzigen Zionismus eingesehen, als sie anfingen, einen jüdischen Ackerbau hervorzurufen. Von diesen Colonisationsversuchen in Palästina und Argentinien können und werden wir Alle nie anders als mit aufrichtiger Dankbarkeit sprechen. Aber sie waren nur das erste, sie sind nicht das letzte W ort der zionistischen Bewegung. Diese muß größer sein, wenn sie überhaupt sein soll. Ein Volk kann sich nur selbst helfen; kann es das nicht, so ist ihm eben nicht zu helfen. Wir Zionisten wollen aber das Volk zur Selbsthilfe anregen. Dabei sollen keine verfrühten, ungesunden Hoffnungen erweckt werden. Auch aus diesem Grunde ist eine Oeffentlichkeit der Behandlung, wie sie unser Congreß bezweckt, von hohem Werth. Wer die Sache ruhig bedenkt, wird sich doch sagen müssen, daß der Zionismus auf andere Weise, als durch eine rückhaltlose Auseinandersetzung mit den betheiligten, politischen Factoren sein Ziel nicht erreichen kann. Die Schwierigkeiten der Colonisationsbefugniß wurden bekanntlich nicht erst durch den Zionismus in seiner gegenwärtigen Gestalt geschaffen. Man muß sich fragen, welches Interesse die Erzähler solcher Märchen denn eigentlich haben. Das Vertrauen der Regierung, mit der man über eine Ansiedelung jüdischer Volksmassen im großen Maßstabe verhandeln will, läßt sich nur durch eine offene Sprache, durch ein loyales Vorgehen erreichen. Die Vortheile, die ein ganzes Volk als Gegenleistung 3x1 bieten vermag, sind so bedeutend, daß die Unterhandlungen von vorneherein mit genügendem Ernst ausgestattet sind. In welcher rechtlichen Form die Einigung schließlich stattfinden soll, darüber heute viel zu reden, wäre ein niüßiges Beginnen. Nur das Eine ist unverbrüchlich festzuhalten: die Basis kann nur ein Zustand des Rechtes mit) nicht der Duldung sein. Mit der Toleranz und dem Schutzjudenthum auf Widerruf haben wir nachgerade genug Erfahrungen gemacht. Unsere Bewegung hat folglich nur dann einen vernünftigen Zug, wenn sie öffentlich rechtliche Bürgschaften anstrebt. Die bisherige Colonisation hat das erreicht, was sie nach ihrer Anlage erreichen konnte Sie hat die vielbestrittene Tauglichkeit der Inden zur Landarbeit erhärtet. Sie hat diesen Beweis, wie es in der Rechtssprache heißt, zum ewigen Gedächtniß erbracht. Aber die Lösung der Jndenfrage ist sie nicht und kann sie in der bisherigen Form nicht sein. Sie hat auch, gestehen wir es uns offen, einen bedeutenden Anklang nicht gefunden. Warum? Weil die Juden rechnen können, es wird ja sogar behauptet, daß sie es zu gut können. Wenn wir nun annehmen, daß es neun Millionen Juden gibt und daß es der Colonisation gelänge, jährlich zehntausend Personen in Palästina anzusiedeln, so würde die Lösung der Judensrage neunhundert Jahre in Anspruch nehnien. Das sieht unpraktisch aus. Nun wissen Sie aber, daß die Ziffer von zehntausend Ansiedlern jährlich geradezu phantastisch ist, unter den jetzigen Verhältnissen nämlich. Die türkische Regierung würde bei einer solchen Ziffer sofort die alten Einwanderungsverbote auffrischen — und das wäre uns gerade recht. Denn wer da glaubt, daß die Juden sich in das Land der Väter gleichsam einschmuggeln könnten, der täuscht sich oder täuscht Andere. Nirgends wird das Auftauchen von Juden so schnell signalisirt, wie in der historischen Heimat des Volkes, eben weil es die historische Heimat ist. Und es wäre auch gar nicht in unserem Interesse gelegen, verfrüht dahin zu gehen. Die Einwanderung der Juden bedeutet einen Krästezufluß von unverhoffter Fülle für das jetzt arme Land, ja für das ganze osmanische Reich. Seine Majestät der Sultan hat übrigens mit seinen jüdischen Unterthanen nur die besten Erfahrungen gemacht, gleichwie auch er ihnen ein gütiger Souverän ist. Es liegen also Bedingungen vor, die bei einer klugen und glücklichen Behandlung der ganzen Sache zum Ziele führen können. Die financielle Hilfe, welche die Juden der Türkei bieten können, ist nicht unbeträchtlich und würde zur Beseitigung manches inneren Uebels dienen, an dem dieses Land jetzt leidet. Wenn ein Stück Orientfrage mit der Judenfrage zugleich gelöst wird, so ist dies gewiß im Interesse aller Culturvölker. Die Ansiedelung der Juden wäre wohl auch eine Besserung der Lage der Christen im Orient. Aber nicht nur von dieser Seite her darf der Zionismus auf die Sympathien der Völker rechnen. Sie wissen, daß der Judenstreit in manchen Ländern zur Calamität für die Regierung geworden ist. Ergreift man für die Juden Partei, so hat man die aufgewühlten Massen gegen sich. Ergreift nian gegen die Juden Partei, so hat dies beim eigenthümlichen Einfluß der Juden auf den Weltverkehr oft schwere wirthschaftliche Folgen. Es gibt ja dafür genug Beispiele. Verhält sich endlich die Regierung neutral, so sehen sich die Juden ohne Schutz in der bestehenden Ordnung und flüchten in den Umsturz. Der Zionismus, die Selbsthilfe der Juden, eröffnet nun den Ausweg aus diesen mannigfachen und sonderbaren Schwierigkeiten. Der Zionismus ist einfach der Friedensstifter. Es geht^ ihm freilich dabei, wie Friedensstiftern gewöhlich: er muß sich am Meisten herumschlagen. Nur wenn unter den mehr oder minder ehrlichen Argumenten gegen unsere Bewegung auch das vorkommt, daß man uns des Mangels an Patriotismus zeihen werde, so richtet sich dieser verdächtige Einwurf von selbst. Von einem vollständigen Auszug der Juden kann wohl nirgends die Rede sein. Die sich assimiliren können oder wollen, bleiben zurück und werden resorbirt. Wenn nach einem gehörigen Abkommen mit den betheiligten, politischen Factoren die Judenwanderung in aller Ordnung beginnt, so wird sie für jedes Land doch nur so lange dauern, als dieses Juden abgeben will. Wie der Abfluß zum Stillstände kommen soll? Einfach durch das allmählige Abschwellen und endliche Aufhören des Antisemitisnms. So verstehen, so erwarten wir die Lösung der Judenfrage. DaS Alles haben nieine Freunde und ich oft gesagt. Wir wollen uns die Mühe nicht verdrießen lassen, es immer und immer wieder zu sagen, bis man uns versteht. Bei dieser feierlichen Gelegenheit, wo sich Juden aus so vielen Ländern zusammen gefunden haben, auf einen Ruf, auf den alten Ruf der Nation, heute sei. unser Bekenntniß feierlich wiederholt. Muß uns nicht eine Ahnung großen Geschehens überfliegen, wenn wir denken, daß in diesem Augenblick die Hoffnungen und Erwartungen von vielen Hunderttausenden unseres Volkes auf unserer Versammlung ruhen. Nach fernen Ländern, ja über das Weltmeer wird in der nächsten Stunde die Nachricht von unseren Berathungen und Beschlüssen eilen. Darum soll Aufklärung und Beruhigung von diesem Congreß ausgehen. Ueberall soll man erfahren, was der Zionismus, den man für eine Art von chiliastischem