Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 13 (27.8.1897)
- Article
- Die ideale Hilfe
- Date
- 1897-08-27
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. MAE -kr. 13.. Im klebrigen ist es gar nicht richtig, daß es heute tein uninterefsirtes Eintreten für Recht, Freiheit, Wohlfahrt Anderer, mit anderen Worten, keinen Idealismus mehr gebe. Der Idealismus sollte ausgeftorben sein? Die das sagen, sind entweder Leute, die damit ihre eigene schäbige Gesinnung entschuldigen wollen, oder — Idealisten. Allerdings Idealisten, die es — zu ihrer und anderer Leute Trübsal — nur mehr zu sein glauben, in Wahrheit aber den wissenschaftlichen Materialisten Dinge nachplaudern, die diese nie gesagt haben. Sie haben höchstens mit den oberflächlichsten unter denselben den gemeinsamen Zug, daß sie neben den logisch wägbaren die unwägbaren, neben den groben primären die feinen secundären Ursachen vernachlässigen, d. h. unmoderne Gedankenmodemenschen sind. Sic mögen mit ihrem überlegensten Weisheitslächeln den Idealismus begraben, — er lebt ruhig weiter, als ob nichts geschehen wäre, Nicht der Idealismus der Ritterburgromantiker und Mondscheinlyriker, der überhaupt nie gelebt hat, sondern einfach die Thatsache, daß die Menschen in ihren Handlungen nicht bloS von wirthschaftlichsn Gründen bestimmt werden. MU dieser Thatsache, in deren Sinne alle Menschen Idealisten sind, wenn auch nach verschiedenen Richtungen und in ungleichen, Grade, — rechnet Jeder, der etwas durchzuführeu hat, wozu er Menschen braucht. Bor Allem der Politiker. Sogar die dogmatischen Socialdemokraten, die ja auf den allerstrengsten ökonomischen Materialismus eingeschworen sind, können auf die Hilfe derer nicht verzichten, die aus Idealismus gegen ihr eigenes persönliches und Claffeuinteresse eintreten. Wie sollten da die Zionisten nicht auch! zum Theile ihre Hoffnungen auf den Idealismus setzen dürfen? Es müßte dies allerdings ein Idealismus höherer Art sein, als der ist, auf den die Humanitätszionisten speculiren, indem sie sich auf den Wohlthätigkeitssinn und eine vage jüdische Pietät verlassen, er müßte sich auf jüdischer Seite als national-individualistische Gesinnung, auf Seite der Nichtjudeu als Begeisterung für den ZivnisuulS, als Phil o z i o n i S m u s deelariren. Sympathiebewerbungen für nationale Freiheitskümpfe hat es zu allen Zeiten gegeben. Daß sie auch noch heute möglich sind, hat der letzte türkisch-griechische Krieg bewiesen. Wenn es den Griechen beim Friedensschluss nicht so schlecht ergeht, als sie nach strengem Kriegsrecht erwarten konnten, so ist das nicht allein der geringen Freundschast der Mächte für die Tlirkei, sondern auch der philhellenischen Stimmung einiger Völker, die aus die Cabinette zurückwirkte, zuzuschreiben. Und was mären die Schaareu von Freiwilligen, die für Griechenland kämpften, weil sie damit für ein Ideal zu kämpfen glaubten, anderes, — als großartige Zeugnisse des politischen Idealismus? Oder sollte den Juden gegenüber nicht Platz greifen, was inan so reichlich für die Ungarn, die Polen, die Griechen hatte? Za, das ist eben der Einwand der zweiten Zweiflersorte. Sie sagen: Was für Andere da ist, ist nicht für uns da, für uns, die Alleriveltsgehaßten, die Juden, iverdeu sich keine Synipathieit finden. Es muß zugegeben iverdeu, daß dieser Einivlirf der schwerwiegendste ist. Im Munde eines Gegners des Zionismus würde er sich etiva folgendermaßen formuliren: „Wenn Ihr so viel Liebe von Euren Goluswirthen erivartet, dann können sie nicht so arg sein, wie Ihr vorgebet, und dann braucht Ihr ja gar nicht aus Eurem Golus heraus." Aber trotz dieser scheinbar niederschmetternden Logik liegt ein arger Trugschluß vor. Denn erstens sind Sympathien für ein Volk als solches und Begeisterung für ein Princip als solches keineswegs Dinge, die zusainmengehören müssen. Und zweitens ist die schlechte Behandlung, die die Juden seitens der europäischen Volker erfahren, auf alte, vorläitfig noch vorhandene Bedingungen zurückzusühren, während sich ein etwaiger PhitozionismuS erst ans neue, erst zu schaffende Voraussetzungen gründen müßte. Bisher weiß man nur, wie die Völker mit den Ghetto- oder Assimilationsjuden umgingen: wie sie sich gegen ein neues Judengeschlecht, das eine eigene Heimat anstrebt, oder besser, wie sie sich gegen dieses Streben selbst verhalten werden, darauf kann man aus den alten Erfahrungen nicht schließen. Die Juden, die ihnen sonst antipathisch sind, können ihnen durch den Zionismus und für das Gebiet desselben sympathisch werden. DaS ist einleuchtend. Diese Ueberzeugung muß sich uns aber noch mehr aufdrängen, wenn wir das Wesen jener Sympathien untersuchen, die Europas Völker anderen nationalen Freiheitsbestrebungen entgegenzubringen pflegen. Am charakteristischesten ist hier wieder der PhilhellenisnmS. Am Anfänge unseres Jahrhunderts war er Schwärmerei für das hellenische Culturideal, in seiner neuesten Erscheinung ist er theils christliches, theils europäisches Solidaritätsgefühl, theils Hingebung an das Nationalitätsprincip. Haben wir entsprechende Motive für den Philozionismus zu bieten? Was die Schwärmerei für das hellenische Culturideal betrifft, so entspricht ihr die Schwärmerei für das jüdische Culturideal, einerseits als romantisches Hoffen aus eine neue Bibelzeit, andererseits als modernes Hoffen auf sociale Großthaten des wiedergeborenen jüdischen Volkes denkbar. Für beide Gestalten gibt es ein empfängliches Publicum; für die erste die anglikanischen — zum Theile auch schon die germanisch-protestantischen — Bibelmenschen, von denen ja schon jetzt eine stattliche Schar auf unserer Seite kämpft; für die zweite die Europäer mit hervorstechendem socialen Empfinden. Von ihnen sind allerdings noch wenige zu uns gestoßen. Sollte aber das Gros derselben nicht etwa nur deshalb ferne stehen, weil es überhaupt noch nichts oder nichts Genaues von uns weiß? Weil Niemand hingeht und die Männer auf die Unumgänglichkeit unserer Sache und auf die social-fortschrittliche Natur unseres Volkes verweist. Doch davon später! Dem christlichen Solidaritütsgefühl, das übrigens heute im Philhellenismus und ähnlichen Bewegungen die geringfügigste Rolle spielt, können wir allerdings kein gleichwertiges Motiv für den Philozionismus gegenüberstellen. Wohl aber müßte sich das europäische Solidaritätsgefühl auch zu unseren Gunsten regen, ja noch in weit höherem Grade. Denn alle Jene, die von der hohen welterobernden Bedeutung der europäischen Civilisatiou tief durchdrungen sind — und es sind das gerade die auserlesenen Geister ohne Unterschied der politischen und socialen Parteistellung — werden sich einer Bewegung nicht verschließen können, die geeignet ist, dem Europäismus neues Gebiet, und zwar auf durchaus friedlichem Wege zu öffnen. Mit dem Philozionismus auS dem Nationalitätsprincipe heraus scheint es wieder eine schmierigere Sache zu sein. Denn hier spricht bei einigen Nationen eine merkwürdige Begriffsverwirrung mit. Namentlich die Deutschen, obwohl die am meisten judenfeindlich veranlagte Nation, pflegen — mit Ausnahme der ausgesprochen antisemitischen Elemente — trotzdem von den Juden das Aufgeben ihrer jüdischen Sonderbestrebungen zu verlangen. Sie sind sich dabei ihres Widerspruchs, der theils Folge ihrer im Gedankenfortschritte etwas langsamen doktrinären Art, theils Erbschaft aus der Emancipations- und Assimilations-Aera ist, gar nicht bewußt. Glaubt nun Jemand im Ernste, daß sich eine so hochbegabte Nation wie die deutsche nicht endlich von solch' einem Ueberbleibsel befreien werde, und daß es nicht gelingen müsse, diese Entwicklung zu beschleunigen? Umsomehr als ja von der anderen Seite die Antisemiten neben vielem Gedankenwust mit immer mehr Erfolg die unzweifelhafte Verschiedenheit der deutschen und jüdischen Nationalität predigen? So sehen wir also, daß es Motive genug geben kann, um einen lebhaften und zielbewußten Philozionisnms hervorzubringen. Aber wir müssen auch Sorge dafür tragen, daß wir in den Richlinden, und namentlich in den führenden Geistern unter ihnen, diese Beweggründe wachrufen. Das soll eine unserer vornehmsten Aufgaben sein, an die