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Die Welt · 1897-08-20 · 12 (20.8.1897) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
12 (20.8.1897)
Article
Die Juden in der Bukowina
Date
1897-08-20
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4. Nr. 12. ander haben. Ja, die subtile Gelehrsamkeit der Schottenring-Liberalen hat sogar die Leopoldstädter als eine Spielart der Modernen erklärt. Die Unterscheidung nach Staaten und Provinzen kann für uns nur insoferne Bedeutung haben, als die ökonomischen Verschiedenheiten dieser Länder auf den Volkscharakter zurückwirken und einzelne Seiten derselben verdunkeln oder schärfer ausprägen, ohne ihn uniändern zu können. Nur von diesem Gesichtspunkte sollen die Juden der Bukowina Gegenstand besonderer Betrachtung sein. Der Bukowinaer Jude unterscheidet sich in mehreren Punkten von seinem galizischen Nachbar. Der Kaftan ist gekürzt, eher ein etwas zu lang gerathener Rock, ein degenerirter Kaftan. Die Stirnlocken sind unentwickelt, mehr symbolisch angedeutet, und seine Tracht ist nur insoweit orthodox als es nöthig ist, um ihn von einem „Deutschen" zu unterscheiden. Seine Frömmigkeit hält die Mitte zwischen galizischer Orthodoxie und westlichem Freidenkerthuni. Das kleine Quantum deutscher Kultur, das ins Land kam, reichte gerade hin, um seine religiösen Anschauungen schmiegsam und entwicklungsfähig zu erhalten, ohne ihn jedoch zn einer Assirnilation zu führen, die auf demonstrative Verleugnung jüdischer Tradition hinausläuft. Bibel und Talmud finden so eine freimüthige Auslegung und die rituellen Vorschriften eine zweckmäßige, zwanglose Anwendung. Anderseits sind aber auch die althebräische Literatur und die jüdisch-philosophischen Schriften des Mittelalters nicht in dem Maße wie in Galizien Gemeingut der breiten Massen geblieben. Was dort Regel, ist hier nur eine seltene Ausnahme. 4kur Fachgelehrte beschäftigen sich eingehend mit dem jüdischen Schriftthum, und der praktisch thätige Jude ist nur selten jüdisch wisfenschaftlich gebildet. Stellenweise, besonders auf dem flachen Lande, war bis zum letzten Jahrzehnt das Bildungsniveau sogar bis zum Analphabetenthum hinabgesunken. Darin zeigt sich der empfindliche Mangel einer strengen Orthodoxie, die in Galizien in bewunderungswürdiger Weise für die Juden eine allgemeine Volksschulbildung geschaffen, so daß der letzte Jude sin hebräischen Buchstaben) zu lesen und schreiben verniag. Insoweit die ökonomische Entwickelung und die historischen Begebenheiten eines Landes den Bewohnern ihr Gepräge verleihen, zeigen die Juden der Bukowina einige interessante Abweichungen von den Juden des übrigen Oesterreich und speciell von den Inden Galiziens. Zunächst fehlt hier der stolze, herrschsüchtige Feudaladel Galiziens, der die Juden zu würdelosen, verachteten Geschöpfen herabdrückte. Der Adel, der ebenso wie zum Theil die Landbevölkerung in das ursprünglich fast unbewohnte Land iniportirt werden inußte, konnte sich hier nicht zu einer geschlossenen Macht organisiren, vor Allein schon deshalb nicht, weil ec mehreren Nationalitäten angehört. Daher konnten auch die Juden sich um so leichter Freimuth und und Selbstbewußtsein bewahren und vor jener feigen Demuth fernhalten, die unter dem Drucke adeliger Herrschsucht sich herausbildet. Günstige Bodenverhältnisse, Ackerbau im Norden, eine gut entwickelte Holzindustrie im waldigen Süden, dazu eine national stark zersplitterte Bevölkerung und der Mangel jeder judenfeindlichen, wirthschaftlichen Organisation haben bis jetzt noch jene erschreckende Armuth ferngehalten, die in Galizien die Juden zu einem Scheinwesen verzerrte, das dem Tode näher ist als dem Leben. Nur in der Landeshauptstadt und in dem Galizien angrenzenden Theile haben bereits die ersten Vorläufer des Massenelends ihren Einzug gehalten. Die Proletarisirung der Juden schreitet fort — man merkt bereits, daß das Land dem Westen stark angegliedert wird. Die Juden wandern aus, sie fahren nach Amerika oder kommen nach Wien, um als „galizische" Juden den kümmerlichen Kleinhandel zu betreiben. Die. Palästina- Colonisation fände in diesen robusten, arbeitsfähigen Leuten ein vorzügliches Material. Die Politik hat die Juden noch nicht corrumpirt. Der politische Jndifferentismus der Bevölkerung und die große Zähl der Nationalitäten, Deutscher, Polen, Rumänen, Ruthenen, Armenier, Lipowener rc. ersparten ihnen die aufreibenden, politischen Kämpfe, in denen sie anderorts als Chauvinisten deutscher, polnischer oder böhmischer Nationalität sich lächerlich gemacht haben. Dieser gesunde, politische Sinn zeigte sich erst neulich bei der Wahl eines nicht schablonenhaft liberalen jüdischen Abgeordneten in Czernowitz, und er wäre bei Wahlfreiheit auch anderswo zur Geltung gekommen. Der Bukowinaer Antisemitismus verdient vom theoretischen Gesichtspunkte — zu helfen ist auch hier nicht — Beachtung. Er existirt in mehreren Ausgaben. Von der dumpfen, mehr empfundenen Abneigung des ungebildeten Bauers bis hinauf zur modern zugestutzten Erscheinungsform unter den gebildeten Kreisen besteht er, noch variirt unter den einzelnen Nationalitäten, in mehrfachen Arten. In Czernowitz besteht eine organisirte, starke christlich-sociale Partei, die rapid zunimmt, je mehr die Juden verarmen — aus wirthschaftlichen Gründen, würden unsere Liberalen sagen. Das Beamtenthum ist asemitisch nach polnischem Ritus, zunial da die Polen im administrativen und politischen Dienste immer nrehr an Einfluß gewinnen. Das deutsche Bürgerthum und der deutsche Bauernstand in den rein schwäbischen Dörfern ist antisemitisch-deutschnational. Hier beginnt das Merkwürdige. Trotz des geringen Percentsatzes der deutschen Bevölkerung ist die "deutsche Cultur in der Bukowina dominirend geworden. Wir haben eine deutsche Universität, drei Gymnasien mit rein deutscher Unterrichtssprache, von den anderen deutschen Bildungsanstalten gar nicht zu sprechen. Die Amtssprache ist deutsch und macht den anderen Sprachen nur einige billige Concessisnen. Nie und ninnnermehr hätte das Deutschthum ohne Unterstützung der Juden, wenn diese z. B. rumänisch oder ruthenisch gelernt hätten, derartige Erfolge erreicht. Dabei haben sie sich nicht der deutschen Nation angegliedert. Sie sind gute Juden geblieben. Ihr einziges Verbrechen bestand darin, die überlegene deutsche Bildung anzunehmen, wie man etwa eine bahnbrechende Erfindung einer fremden Nation im eigenen Lande einführt. Welcher Kampf wird um die Integrität des deutschen Cilli geführt. Hier in der Bukowina fällt ein Land durch jüdische Hilfe den Deutsche» mühelos in den Schoß, und sie sind offene oder verschämte Antisemiten. Wer es nicht glaubt, erkundige sich, warum z. B. eine reiche schwäbische Dorfgemeinde bei Suczawa eine Bahnlinie der Localbahn niit Haltestelle für ihr Dorf abgelehnt hat, weil der gesteigerte Verkehr Juden ins Dost bringen könnte. Wir sind nicht sentimental, wir klage» nicht über deutsche Undankbarkeit. Wann haben die Jude» je Dank geerntet? Es soll damit nur das Aprioristische de- Antisemitisrnus unabhängig von jüdischen Tugenden uni Fehlern an einem Beispiel bewiesen werden. Anders wieder ist der Antisemitismus der rumänische! Intelligenz. Ein Theil schillert etwas stark national, pan rumänisch, chauvinistisch. Die Juden heißen sie „Fremde' Der andere Theil steht im conservativen Lager. Es sind di Dipauli und Jaworski mit ihrem abgeklärten Antisemitismus der in lautloser Stille zu wirken berufen ist. Es gibt mnv Rumänen mit edler, vornehmer Gesinnung den Jude» gegenüber. Sie sind zu wenig, um eine Partei zu bilden. Nun der Antisemismus der Landbevölkerung. D» müffen wir zunächst die Ruthenen ausnehmen. Sie sind di' Aermsten int Lande, sind schwermüthig und sentimental u» innig verwachsen mit ihren unglücklichen Brüdern in G»' lizien. Sie verachten blos die Juden. Es bleibt somit noch das rumänische Landvolk zurm Hier wären die Liberalen erst recht in Verlegenheit, den Am > semitismus zn erklären. Ihn vielleicht als eine wirthschas liche Erscheinung, als Folge von Neid und Habsucht hi» stellen wollen? Welch ein Jrrthum. Die Armenier betreibe»

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