Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 12 (20.8.1897)
- Article
- Juden und Christen
- Date
- 1897-08-20
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Hr. 12. geschmeidige Hellenthum und thaten es zur rechten Zeit. Den Hellenen war durch die lange Römerherrschaft ihr Volksthum gründlich zerstört worden, und mit dem Volksthum auch ihre Religion, die heitere Welt des Olympos. Auch befanden sie sich an jenem entscheidenden Wendepunkte ihres Geisteslebens, welcher eine Loslösung des Bildes vom Begriff verlangte. Denn auch in die hellenische Welt waren die Kritik und unvermeidliche Aufklärung hineingezogen. Aber dem künstlerischen Volkscharakter widerstrebte diese Zersetzung und so griff er begierig zu dem Auskunftsmittel des göttlichen Plato, welcher es so wunderbar verstanden hatte, in das starre und strenge Reich der Begriffe recht viel Sinnlichkeit und farbenglühendes Lebensgefühl hineinzuschmuggeln. Und nicht minder eifrig ergriffen die Hellenen die neue Kunde aus Nazareth, welche ihnen Gelegenheit gab, die immerhin noch abstrakte Jdeenlehre zu einer neuen dichterisch greifbaren zu gestalten. Wohl konnten sie nicht mehr naiv das Leben genießen, wie ihre glücklicheren Vorfahren. Sie mußten sich in das Reich der Gedanken und strengen Sittengebote hineinwagen — aber sie ergriffen diese Gedanken, sie umarmten sie mit Gluth und Leidenschaft. Diese versetzte Sinnlichkeit ist der natürlichen, erdgeborenen Sinnlichkeit nachmals so furchtbar gefährlich geworden und hat das Thun und Treiben der Menschen zwar symbolisirt und verfeinert, wie nie zuvor, aber auch gewaltsam aus der Bescheidenheit der Natur herausgerissen. Das Christenthum, wie mehrfach schon gesagt, hat recht eigentlich den Kampf zwischen dem natürlichen Staat und der Gottesidee in die Welt gebracht. Das Judenthum hat aber einen solchen Kampf, abgesehen von einer rasch vorübergegangenen Episode seiner Geschichte, niemals gekannt, und die jüdische Religion war immer eine Staats-', zum wenigsten ein Volksreligion. Der Zwang des Ceremonialgesetzes wirkte freilich furchtbar hart und wurde eben darum auch immer als ein Zwang empfunden. Die Unterdrückten schmückten ihre Ketten nicht mit Blumen, und auch der starrste Orthodoxe hielt es für ausgemacht, daß die Gesetze fallen würden, wenn nur erst der Messias gekommen wäre, um das Haus Davids wieder aufzurichten. Der jüdische Messias war eben ein ganz irdischer Weltbeherrscher, während der christliche oder vielmehr hellenistische Messias gleichbedeutend war — mit dem Logos, mit der fleischgewordenen Idee des göttlichen Plato. Der Unterschied ist ungeheuer groß, und so werden wir uns wohl überzeugen müssen, daß diese beiden welthistorischen Erscheinungen nicht das Geringste mit einander gemeinsam haben. Ihre Beziehungen wurden nicht durch innere Nothwendigkeit herbeigeführt, sondern durch einen historischen Zufall. Ein Spätkino des hellenischen, nicht des jüdischen Geistes, ist das Christenthum, und Alles, was es in die Menschheit brachte, darf deni Judenthunr weder zur Schuld, noch zum Verdienst gerechnet werden. Die TDoche. Wien, de» 19. August 1897. Einem der hervorragendsten Führer der antisemitischen Bewegung wird der Vorwurf der Defraudation gemacht. Er klagt die Verleumder und sie werden freigesprochen, weil ihnen der Wahrheitsbeweis für ihre Behauptung gelingt. Die Person oder Persönlichkeit des Mannes, der die Titelrolle spielt, muß von vorneherein aus dem Rahmen der Betrachtungen ausgeschaltet werden. Sie bietet an sich nichts Interessantes, nichts Ungewöhnliches, das zum näheren Studium herausfordern würde. Auch der Proceß und sein Ausgang hat weiter keine tiefergehende Bedeutung. Nicht einmal den Reiz der Neuheit. Einer antisemitischen Koryphäe wurde wieder einmal die „Larve vom Gesichte gerissen" wie der Fachausdruck lautet. Daß dahinter moralische Schäden zum Vorschein kamen, ist schon öfter dagewesen und wird möglicherweise noch öfter Vorkommen. Was an der Sache interessirt, ist das Echo des Processes im Publikum, sein Widerschein in der öffentlichen Meinung und was speciell Seite 3. uns interessirt, ist die Stimmung, die er unter den Juden weckte — eben deshalb, weil der Fall nichts Neues an sich Hat, weil das Echo bekannt und der Jude mit seiner Stimmung Typus ist. -ft -ft * Wir haben Aeußerungen der Freude gehört. Diese Freude sieht nicht die Niederlage Ernst Vergani's, sondern die vermeintliche Niederlage des Antisemitismus. Der alte Jrrthum, daß mit der Beseitigung von Personen, die nichts anderes sind als das Ergebnis, als das Aushängeschild einer Bewegung, die Bewegung selbst Schaden leide. In den Fabriksräumen, im Rauschen und Zischen der Räder bleiben dieselben Kräfte lebendig, auch wenn der Regen aus der Firmatafel einige Buchstaben verwischt hat, auch wenn ein anderer Namen statt „Vergani & Co." auf die Tafel gemalt wird. -ft -ft * Es wurde viel von der „moralischen Seite" des Processes gesprochen. Es wird als „Abwehr" betrachtet, wenn man den Antisemiten Fehler nachweist. Man will so den antisemitischen Vorwurf „von jüdischer Unmoral, verderblicher, semitischer Weltanschauung" widerlegen. Es ist nun möglich, — keineswegs sicher — daß einzelne Personen sich mit Abscheu von Herrn Vergani abwenden werden. Aber wer ist so naiv, zu glauben, daß sich irgend ein Antisemit vom Antisemitismus abwenden werde, weil Herr Vergani sich in Geldsachen nicht als der geläutertste Gentleman gezeigt hat? -ft -ft * Die moralischen Gebrechen der Antisemiten können uns kein Trost, kein Anlaß zu freudiger Hoffnung sein. Ihr Anblick erweckt in uns nur ein Gefühl der Bitterkeit. Der Mann, dem im Gerichtssaal die Unterschlagung fremden Eigenthums nachgewiesen wurde, glaubt trotzdem noch das Recht zu haben, die Juden verachten zu dürfen, er fühlt sich noch inimer vollwerthig. Der Jude ist in seinen Augen noch immer weniger als ein Dieb. Und welcher Jrrthum ist es, wenn man in der Entfernung Vergani's aus der antisemitischen Oeffentlichkeit oder dem öffentlichen Antisemitismus eine Schwächung der judenfeindlichen Partei erblicken will. Eine Stärkung ist es für sie. Wenn diese Partei sich auch noch von den unsauberen Elementen reinigen kann, dann wird ihre Macht unwiderstehlich. * * -ft Und siehe, sie halten die Abstoßung Vergani's nicht einmal für nöthig. Seine Partei setzt sich nonchalant über das Urtheil der zwölf Männer hinweg, die „zufälligerweise Geschworene waren". Dieses „zufälligerweise" ist ein unbezahlbares Wort, es wird den politischen Sprachschatz bereichern. Es klingt unvorsichtig, ja oerwegen, es trotzt. Allem, was wir für Recht und Gesetz halten. Aber die es ausgaben, wissen wohl, daß sie sich schon ein Wörtchen über den Durst erlauben können. Es wird ihnen ebensowenig schaden, wie der ganze Fall Vergani. Zufälligerweise. Die Anden in der Bukowina. Von Dr. I. Maria«. Auch die Juden haben ihren Particularismus. Aus schlecht verstandener Assimilationssucht haben sie allgemein giltige Stannnesmerkmale übersehen und die culturellen Verschiedenheiten der Länder, in denen Juden wohnen, zum Anlaß genommen, principielle Unterschiede zwischen östlichen und westlichen Juden zu machen. Insbesondere in Oesterreich hat diese anthropologische Lehre des jüdischen „Michel" mehrfache Scheidewände aufgerichtet. In Wien spricht man allen Ernstes von polnischen und „modernen" Juden als zwei verschiedenen Menschenarten — die wenn es gerade paßt — nur in der „geistigen Mission" des Judenthums einen Berührungspunkt mit ein-