Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 12 (20.8.1897)
- Article
- Juden und Christen
- Date
- 1897-08-20
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. WAE Nr. 12. gegenüber den dämonischen Mächten in seiner Brust, und darum glaubte es nicht an einen freien Willen, sondern erhoffte Erlösung allein von der Gnade des Herrn. Dieser Erlösergedanke konnte in viel späteren Jahrhunderten dazusühren, daß sich der schwache Mensch ganz ruhig gehen ließ, sich gab, wie er war, und nicht im Geringsten darauf achtete, ob dieser oder jener seiner Schritte eine Sünde wäre. Wozu auch? Aber diese halb epikuräische Auffassung des Christenlhums konnte nicht in Zeitaltern aufkommen, welche die Gluth der Gefühle zur Siedehitze emportrieben — nicht in der untergehenden Culturwelt des Alterthums und noch viel weniger unter den Barbaren, die wie toll gewordene Raubthiere in das Römerreich hereinbrachen und sich dem taumelnden Rausch ganz neuer Genüsse gierig überließen. Hier niußte eine Organisation einsetzen, Dogmen und Principien mußten aufgestellt werden, die an Riesengröße und Felsenstarrheit dem stürmisch erregten Instinkt correspondirten, welchen es zu bekämpfen galt. Vor Allem durften alle diese Einrichtungen, um sich Scheu und Ehrfurcht zu erzwingen, in keinem Fall den Stempel menschlicher Willkür an sich tragen, sondern vielmehr den unendlichen Schinmier des Göttlichen und lleberirdischen. Aber in welcher Form und wie? Das war eine harte Nuß, eine schwere Frage für die Organisatoren. Uralte Institutionen, die sich ini Laufe vieler Jahrhunderte entwickelt hatten, konnten freilich sehr leicht die Weihe des lleberirdischen nnd Heiligen erhalten, nicht jedoch Einrichtungen und Gebote, die sich in hellem Licht der Geschichte unter den Augen alter und hochentwickelter Culturvölker zu vollziehen hatten. An dieser bedenklichen Klippe scheiterten zu ihrer Zeit die Propheten in Israel, welche sich doch an die Staatskirche und Volkssitte anlehnen mußten. Viel glücklicher war das junge Christenthum, welchem die platonische Metaphysik zur Verfügung stand. Plato's Jdeenlehre, welche in mittelalterlicher llmforinung die Grundlage der christlichen Dogmatik wurde, ist dem großen Publikum so wenig bekannt, daß es sich schon verlohnt, recht grob und anschaulich darüber zu reden. Also aus dieser schwachen, beschränkten Erde, dem christlichen „Jammerthal" gibt es viele rothe Gegenstände, zum Erempel rothe Blumen. Aber ach, die Nuancen dieser Farbe sind so unendlich verschieden, von einer fabelhaft verwirrenden Mannigfaltigkeit, blutroth, dunkelroth, rosaroth u. s. w. u. s. w. Dann aber, so folgerte der Philosoph, muß cs doch auch eine Urfarbe geben, ein Roth an sich, welches in nie gesehener Gluth und Farbenpracht alle diese Schattirungen in sich vereinigt. Da aber ein schwaches, sterbliches Auge diese Gluth nicht vertragen könnte, so haben wir hier auf Erden nur einen schwachen und vielfach zersplitterten Abglanz, während das tlrroth auf ferner, jenseitiger Höhe unnahbar thront. Und nicht minder das Nr-Schöne, welches hier auf Erden gleichfalls nur in ganz zerstreuten Strahlen aufzusangen ist — schöne Menschen, schöne Gegenden, schöne Strahlen. Das Urschöne aber, die Idee des Schönen, faßt alle diese Einzelheiten in einem Glanz zusammen, daß schon der bloße Gedanke daran die menschliche Seele erzittern und erbeben läßt, Nicht anders verhält es sich mit der höchsten aller Ideen, mit der Idee des Guten. Auch in ihr concentrirt sich Alles, was an himmlischer Güte und stolzem, heldenhaften Thun auf dieser Erde zuweilen zum Vorschein kommt. .Klar ist jedenfalls, daß der Philosoph sich zu dieser kühnen Lehre durch Worte und abgezogene Begriffe verleiten ließ. Der Allsdruck „rock)" ist nicht minder, wie der Ausdruck „gut" nur ein Begriff, unter welchen eine große Mannigfaltigkeit von Einzelerscheinungen zusammengefaßt wird. Es wäre vergeblich und auch ungeheuer verwirrend für das menschliche Äuge, falls man versuchen wollte, für jede Schattirung und Abtönung des Roth noch einen besonderen Namen zu finden. Also sieht man von diesen Einzelfällen gänzlich ab und seht dafür nur das ihnen allen Gemeinsame. Diese geistige Thätigkeit, geineinhin Abstraction genannt/ ist heute die Mutter aller Wissenschaft, und im Alterthum war sie wenigstens die Mutter aller Dialektik. Der göttliche Plato aber war ja auch in der That ein Sohn des streitlustigen und im höchsten Grade dialektisch veranlagten Griechenvolkes. Freilich nicht nur Dialektiker, auch große Künstler waren die Hellenen, und so empfand Plato die Schönheit dieser Erde, die Herrlichkeit der Einzelerscheinung, die durch seine Abstraction doch ivieder zerstört wurde. Er fühlte das Bedürfniß ein Gegengewicht zu schaffen, und fand es in dem alten ev xal Tzm. Fortan war ihm das Wort „roth" nicht nur eben ein Wort, nur eine Abstraction, sondern der platonische Denker sah zugleich alle diese Strahlen und Farben, vom leisesten und hellsten zum tiefdunkelsten Roth, glühend auf sich einstürmen, und seine Seele schwelgte in den Vorahnungen einer überwältigenden Farbenpracht drüben im Jenseits. Ein verkappter und in die dialektische Begriffsordnung eingesperrter Pantheismus lag dieser Construction offenbar zu Grunde, und das paßte der christlichen Kirche ganz vorzüglich. Denn nun konnte sie Gift durch Gegengift vertreiben. Ihre hierarchische Ordnung war nun angeblich ein Abbild und Symbol der ewigen Ideen, und die strenge, juristische Kirchensatzung wurde in ein schwelgerisches Meer von Stimmungen und Farbengluthen hineingetaucht. Der christliche Heilige mußte ein Asket sein — ja wohl. Aber die Versuchung und sinnliche Anfechtung durfte ihm nicht fehlen. Er mußte schöne, nackte Weiber locken und tanzen sehen und sich dann, wie der heilige Gallus, zur Ablenkung seiner Begierden in brennende Nesseln oder eiskalten Schnee stürzen. Ein einfacher Stoicismus, ein Abstunipfen der Gefühle wurde also gar nicht angestrebt, sondern im Gegentheil eine Aufreizung und ewige Bekämpfung. Die Kirche aber, die mit ihren Strafen und Geboten, mit ihrer durchgearbeiteten, moralischen Dialektik den Kämpfer und Sünder leitete und behütete — sie wußte auch im eigenen Cultus alle Zaubermittel einer farbenglühenden Sinnlichkeit glänzend zu entfalten, Nietzsche konnte mit ihr zufrieden sein. Zu ihrer unsinnlichen, überirdischen Wahrheit verführte sie die menschlichen Sinne. Sie konnte das, -weil sie eben nicht dem jüdischen Volke entstammte, sondern der zwar schon gealterten, aber noch immer schönheitsdurstigen hellenischen Nation. Der rein äußerliche Ausgangspunkt der neuen Religion ist freilich Palästina gewesen. Die Juden besaßen ja, wie alle Semiten, eine glühende Sinnlichkeit und ungeheuere Empfindungskraft, die sich manchmal recht übersinnlich gebahrte. Auch Jesus von Nazareth hat offenbar mehr davon besessen, als die Evangelien, die freilich zwischen den Zeilen lesen lassen, im Allgemeinen zugeben möchten. Aber als eine besondere Eigenschaft seiner Genialität und Persönlichkeit besaß er auch eine erstaunliche Ausgleichungsfähigkeit und eine fast althellenische Harmonie der seelischen und geistigen Gaben. Er bedurfte durchaus keiner Dialektik und sinnreichen Jdeenconstruction, uni zwischen pantheistischem Lebensgefühl und dem furchtbar ernsten Sittengebot einen vollkommenen Ausgleich zu erzielen. Er trug eben in der eigenen Brust das sichere Maß, und so umstoß ihn eine stille, innige Heiterkeit, die selbst die schaurigen Stunden seines Todes mit goldduftigem Schimmer milde verklärte. Diese Höhe und stille Größe seines Charakters gewann ihm die Herzen der Menschen, und es war das instinktive Bemühen seiner Anhänger, durch künstliche Mittel, durch Rausch und Exaltation, zur Höhe des Meisters hinaufzugelangen. Die jüdische Religion und das jüdische Volk gewährten solche Mittel nicht. Sie hatten beide keine Metaphysik, keine Lehre von den Ideen und wußten einem starken Lebensgefühl nichts weiter entgegenzusetzen, als das starre Gesetz. Je rebellischer im Volke es rumorte, desto straffer, desto härter zog man die Zügel an — bis der Rebell erschöpft ins Knie sank und gefesselt wurde. Diese sehr einfache, vielleicht brutale Methode entsprach nicht dem Ideal, welches den ersten Christen vorschwebte. Sie wandten sich darum an das metaphysische,