Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 11 (13.8.1897)
- Article
- Juden und Christen
- Date
- 1897-08-13
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315710-3315721-3379969--01060-3380077- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Rr. 11. Seite 8. ersehnte die Zeit, wo man den drückenden Panzer wieder ablegen, wieder sein Haupt bekränzen und in vollen durstigen Zügen von den Brüsten des Lebens trinken konnte. Niemand aber zweifelte daran, daß diese Befreiung erst eintreten würde, wenn vorher wieder in alter Herrlichkeit die alte Stadt Jeruscholajim entstanden wäre und Israel von Neuem ein gewaltiges Reich bildete unter dem Szepter des Geschlechtes Davids. So sah der jüdische Messias aus, der jedenfalls mit dem Sohne Gottes der christlichen Kirche nicht das Geringste gemein hat. Wenige Jahrzehnte nach dem Tode Christi erhob sich noch einmal das gesammte jüdische Volk zu einem Verziveiflungskampse gegen die kölnische Weltmacht. Religiöse Motive wirkten zu dieser Jnsurrection wohl mit, noch viel mehr aber ein überspanntes, fast schon größenwahnsinniges Nationalgefühl. Die Christen aber, auch die jüdisch Geborenen unter ihnen, betrachteten mit Gleichgiltigkeit den Fall Jerusalems, in dem sie wohl gar ein göttliches Strafgericht erblickten. Das Heil ihrer Seele galt diesen Männern unendlich mehr, als das Heil ihres Staates. Sie waren nicht Staatsbürger, sondern Kinder Gottes, richtiger gesagt Metaphysiker — Hellenisten. (Schluß folgt.) Die TD och e. Der Himmel zürnt und grollt und eine unendliche Wasserflut!) strömt zur Erde herab, zerstört Saaten und Felder, vernichtet Menschen und Vieh. Auch die Hauptstadt Wien ist von der Katastrophe heimgesucht worden. In dieser Stunde der allgemeinen Noth und Bedrangniß appellirt die Stadtvertretung an den „Gemeinsinn aller Bewohner Wiens". Die Juden dürfen diesmal auch ein „goldenes Wienerherz" haben. Und auch wir wünschen, daß die Juden in der Hilfsaction nicht die Letzten, sondern die Ersten seien. Nur mögen sie ihre Wohlthaten verschämter als je darbringen, ohne Reclamesucht, ohne Prahlerei. Es könnte sonst ausseheu, als wollten sie sich von den Beschimpfungen loskaufen. Das würde allerdings nicht gelingen. Das wäre ein dummer Handel. Gebet lieber schweigend. * * * Zbaraz ist abgebrannt. Ein kleines galizisches Städtchen weit ab von der großen Verkehrsstraße. Wer kennt es? Wer kennt seine Juden? Polnische Juden! Und wer kennt das Elend dieser Armen, die ihr Haus und ihr Geräth, ihr Handwerkzeug und ihr Vieh in Flammen aufgehen sahen? Wien und Zbaraz, Wasser und Feuer. Zeige dich, goldenes Herz der Wiener Juden! * * * Die Arbeiter-Zeitung ist wieder einmal aus ihrer Rolle gefallen In einem Aufsatze, der sich „Popularität" betitelt und mit Juden ode Judenthum in gar keine Beziehung gebracht werden kann, heißt es: „Wo zu noch zu bemerken wäre, daß die Journale vom Kaliber des jüdischen und christlichen illustrirten Extrablattes sehr viel zur Popularitas beitragen." Das Wort „jüdisch" ist gleichwie bei den Antisemitenblättern auch in der Arbeiter-Zeitung ein unentbehrliches Jnventarstück der Redactionitzeworden. Und da geben die Herren in Lemberg ein Jargonblatt heraus, das sich stolz „Organ der socialdemokratischen Partei" benennt. Freilich, wenn man auf Lueger haut, darf man sich auch einen kleinen Seilenhieb auf die Juden gestatten. Das nennt man dann „eine Concesston an die Massen". Dafür schreibt man sonst für Freiheit und Gleichheit. * * * Der Wiener Stadtrath hat den Hausirhandel und das Agentiren in sämmtlichen Remtern verboten. Nachdem man mit gewissen Großjuden erschiedene Geschäftchen gemacht hat, nruß doch die antisemitische Gesinnung wieder zum Vorschein gelangen. Und dazu sind die armen jüdischen Hausirer gerade recht. / * * * In Lebeschitz wurde der jüdische Friedhof geschändet. Die Grabsteine Mrden herausgerissen und zerbrochen. Der Jude darf auch im Tod keine Ruhe finden. ' .* •. * . .* Gold, Gold! Ein Schauer durchrieselt die Menschen. Im nördlichen Cqnada sind neue Goldadern entdeckt worden, in einer Mächtigkeit und Größe wie noch nie zuvor. Die Welt hört die Kunde und ein rasender Freudentaumel erfaßt sie. Gelehrte und Handwerker, Künstler und Kaufleute machen sich in toller Jagd nach dem abenteuerlichen Glücke auf den Weg. Ein langer, ein gefährlicher Weg! Schon umsäumen ihn frisch aufgeworfene Grabhügel gleich Meilensteinen — den Weg zum Golde. Freilich sind diese Mahnungen fruchtlos, doch die Menge drängt und schiebt und wer nicht aufrecht stehen kann, wird zu Boden getreten. Gold, Gold! Und doch geht die Sonne täglich % aus und bescheint mit ihrem leuchtenden Glanze die Welt. Und unter dem Kusse ihrer Strahlen gehen die Keime auf, sprossen die Triebe und seeliger Friede zieht ein in die Herzen der Menschen. Auch für die Juden gibt es ein Goldland; sie müssen nur den Weg dahin suchen, so werden sie ihn finden. Dort im fernen Osten liegt unser Gold, die Freiheit und das Glück unseres Volkes aus dem eigenen Boden, Krrliner Judenhaß. Von Mathias Acher. Die deutschen, namentlich die Berliner Inden, pflegen von der wunderbaren Veränderung zu erzählen, die bei ihnen zu Hause bezüglich der antisemitischen Bewegung vor sich gegangen sei. Noch vor wenigen Jahren der Hauptsitz des rüdesten Antisemitismus, sei Berlin heute völlig pacificirt. Der Antisemitismus in Berlin sei todt, mausetodt. Man kann sich nun lebhaft vorstellen, wie sehr ein Wiener Jude, der nach Berlin geht, auf diesen großen Grabhügel des Antisemitismus gespannt sein muß. Besonders ich, den das gütige Schicksal durch eine mustersemitische Physiognomie zu einem wunderbaren Thermometer des Judenhasses gemacht hatte, konnte mich vor Neugierde schon rein nicht mehr halten. Und ich muß gestehen, daß meine anfänglichen Erfahrungen sehr angenehmer Art waren. Gewöhnt, in Wien auf Schritt und Tritt von irgend einem dummen Jungen der Werkstatt oder des Hörsaales verhöhnt zu werden, athmete ich hier auf, die Straße schwieg so ziemlich zu meinem Judenthum. Wenn mich alle heiligen Zeiten einmal ein „Jtzig"- oder „Mauschel"ruf daran erinnerte, daß es keine Regel ohne Ausnahme gebe, so hatte ich für diese Ausnahmen eben als solche ein fast dankbares, gerührtes Lächeln. In der letzten Zeit habe ich nun freilich derlei Ausnahmen etwas öfter, als mir lieb war, zu kosten bekommen, ohne daß ich die Ursache dieser plötzlichen Annäherung an Wien ergründen konnte. Mein Gott, es mag Zufall sein, — die bekannte Duplicität der Fälle, oder, wer weiß, vielleicht gibt es irgend eine Beziehung zwischen der warmen Jahreszeit und dem Straßenantisemitismus. Vielleicht ist auch mein Aeußeres ä la Bagdag, wie es einmal einer meiner Freunde nannte, noch bagdadesker geworden. Vielleicht.... Ich grüble übrigens dieser Frage nicht mehr zu viel nach; mein Geist hat wichtigere Beschäftigung bekommen. Ich habe das Geheimniß des Berliner Ex-Antisemitismus erschlossen. Einst las ich in dem ödesten aller antisemitischen Witzblätter, dem „Kikeriki", eine kleine unsinnige Notiz. Sie lautete, wenn ich mich recht erinnere: „Die Engländer sind die Juden unter den europäischen Völkern, die Preußen sind die Juden unter den Deutschen". Bittemeinen Sie nicht, ich schnitte diese Kikerikiaoe an, um zu dem Schlüsse zu kommen, daß es pure Wahlverwandtschaft ist, warum die Preußen den Juden nichts thun wollen. Bewahre! Nichts liegt mir ferner. Ich citire den Ausspruch nur, um gestehen zu können, daß ich ihn seinerzeit nicht begriff, während ich ihn jetzt, nach längerem Aufenthalt in Berlin, begreife. So ganz Unrecht hatte der antisemitische Hahn von Wien mit seinem kleinen, unsinnigen Dictum denn doch nicht. Es gibt eine Aehnlichkeit zwischen den Preußen und jenem Theile der Juden, der einerseits vom modernen Verkehrsstmdel erfaßt ist, andererseits gleich den Protestanten eine rationalistische Geisteszucht erfahren hat. Dieselbe Erscheinung wiederholt sich, wenn man Engländer und Juden vergleicht, nur, daß dann die Aehnlichkeit noch größer ist.