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Die Welt · 1897-08-13 · 11 (13.8.1897) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
11 (13.8.1897)
Article
Juden und Christen
Date
1897-08-13
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 3. Skr. 11. Haltepunkten umsehen, gleichsam nach hochragenden Felsen, an die er sich festklammern kann, wenn er im wogenden Meer seiner Gefühle einmal zmn Scheitern kommt. Beide Theile fordern und ergänzen sich: das Meer verlangt den Felsen, und die Sinnlichkeit die heilige Askese, den Wahnsinn des Styliten. Darum wird auch die kirchliche Organisation, die Hierarchie, um so durchgearbeiteter, feiner und geschmeidiger sein, je dunklere Kräfte und Gemüthsstürme sie zu leiten und zu bändigen hat. Je stärker aber die Hierarchie ist, desto selbstständiger nnd selbstsüchtiger ist sie auch, desto mehr muß sie mit der Gegenorganisation des Staates in Kampf gerathen. Es ist dies ein eireulus vitiosus. Der religiöse Demagoge lehnt sich gegen den Staat auf, welcher den Kirchenfürsten zur Hilfe ruft. Der Kirchenfürst bändigt auch den Demagogen, bedarf dazu aber einer Reihe von Machtmitteln, welche in die Competenz des Staates hinübergreifen. Diese typischen Formen des kirchlichpolitischen Kampfes hat, wie schon gesagt, das Christenthum zu besonders scharfer Ausprägung gebracht, weil seine ganze Entwicklung auf einen solchen Conflict geradezu hintrieb. Mit sicherem Instinkt haben seit nun neunzehn Jahrhunderten alle Generationen auf die Propheten hingewiesen, auf Jesaias, aus Jeremias, welche durchaus die Vorverkünder Jesu Christi sein sollten. Wenigstens war im alten Palästina jener Tage das Instinkt- und Gefühlsleben, die furchtbare Heftigkeit der Empfindung in einer Weise auf die Spitze getrieben worden, wie nachmals nur im Christenthum. Der trunkene, tolle Baalsdienst, welcher über Israel hereinbrach, entsprach diesem Zustand einer maßlos exaltirten Sinnlichkeit. Die Propheten aber standen im Wogensturm wie Felsen und strebten nach Zügelung und Bändigung der bösen Triebe. Ihre Kampf- und Organisationsmittel entnahmen sie zwar der herrschenden Staatskirche, machten aber im Grunde etwas ganz anderes daraus. Sie verwarfen beispielsweise den Opfercultus, welcher im Alterthume das Gebiet war, aus welchen: der Staat seine religiösen Beziehungen herholte. Nicht Weihrauch und Opfer wollte der Gott der Propheten, sondern Demuth, Zerknirschung, Reinheit des Herzens. Mit anderen Worten, die Propheten wandten sich viel weniger an die politische Volkheit, als gerade an den Einzelnen, mit dessen dämonischen Trieben sie rangen, uni ihn niederzuzwingen und dann doch wieder emporzureißen — zu Gott empor. Dieser Zweck überwog jede andere Rücksicht bei ihnen, auch die Rücksicht auf die Politik und staatliche Größe ihres Volkes. Zu gelegentlichen Zusammenstößen mit der Königsmacht ist es ja auch gekommen, und wäre es den Propheten gelungen, einen dauernden Einfluß auf die Geschicke der Nation zu gewinnen, so hätte sich vermuthlich schon in Palästina ein Papst erhoben, welcher Bannsprüche gegen widerspenstige Könige schleuderte. So weit kam es aber nicht und höchstens als Stimme aus dem Grabe schreckte der todte Samuel den abtrünnigen König Saul. Es hatte eben seine guten Gründe, wenn das Judenthum auch aus der Höhe seiner religiösen Entwicklung nicht zum letzten Schritt, zur überstaatlichen und überpolitischen Hierarchie gelangte. Alles besaßen schon die alten Juden, was nachmals das Christenthum an sich trug: die Schwermuth, die Fähigkeit zum schrecklichsten Martyrium und den Fanatismus. Eines aber, und das ist der Wesenskern des Christenthums, besaßen sie ganz und gar nicht — nicht die Metaphysik, den sinnlich-übersinnlichen Jenseitstraum. Wenn man dem Geschichtsschreiber Grätz und andern Bibelkundigen Glauben schenken darf, so ist das vierte Makkabäerbuch in den ersten Jahren der christlichen Aera entstanden Es enthält die Erzählung von der Mutter und den sieben Kindern, welche unter Qualen von den Syriern abgeschlachtet wurden, weil sie den Götzendienst verweigerten. Ein Martyrium wird also geschildert, welches im Grunde uur aus einer überstiegenen heroischen Exaltation, aus einer grauenhaften Auspeitschung aller Instinkte entspringen konnte. Aber warum, zu welchem Zwecke wird diese Geschichte uns erzählt? In majorem gloriam rationis humanae! Der Erzähler polemisirte gegen den Apostel Paulus, welcher das „Gesetz", dieses Product eines systematisirenden Verstandes, verwarf und daran zweifelte, daß sich der Mensch aus eigener Kraft von seinen Trieben je befreien könnte. „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach", hatte Paulus gespottet, und sein Gegner wollte nun beweisen, daß die menschliche Vernunft, eben der Geist, nicht nur willig ist, sondern auch stark genug, das schwache Fleisch zu zwingen. Mithin wird das durch und durch politische, rationalistische Princip des freien Willens aufgestellt, und dem Verstände wird zugemuthet, durch seine Logik und sein Gesetz dem Fleisch, soll heißen den: Jnstinktleben, das Ungeheuerlichste abzutrotzen. Wenn ein Volk vor dem Schauspiel des eigenen Martyriums und der eigenen Heldenthaten nur zu solchen Reflexionen gelangt, dann muß man wohl sagen, daß ihm der metaphysische Sinn fehlt, daß es keine Neigung hat, über die Verknüpfung des Menschen mit dem Weltall, über das ganze Räthsel des Daseins so lange nachzugrübeln, bis es nur noch im Ueberirdischen und Geheimnißvollen des Räthsels Lösung dunkel zu ahnen wagt. Nein, wozu? Der durch Vernunft und Gesetz geregelte menschliche Wille vermag ja doch Alles. Da aber der Wille auch stets nach Bethätigung sucht, so sah sich der altjüdische Nationalgeist bald wieder auf das praktische, politische Gebiet zurückgewiesen, und auf der ganzen Linie wuroe der Angriff der Propheten zurückgeschlagen. Der Staat nahm die Sache wieder in die Hand und in der nachexilischen Zeit, unter Esra und Nehemia, gelang es ihm in der Thal, durch straffe Zucht die exaltirten Gemüther zu beruhigen. Das jüdische Voll ging nun ganz und gar in der Theokratie auf, und Religion und Staatswesen deckten sich vollkommen. Das war aber keineswegs nur eine Mische Eigenthümlichkeit, sondern ein kennzeichnendes Merkmal des politischen Lebens im classischen Alterthum. Auch in Aegypten, auch in Rom, in Athen, in Karthago war der Priesterthum und das Opferwesen vor Allem ein Bestandtheil der staatlichen Bureaukratie. Nirgends aber bildete damals die Hierarchie einen wirklichen Staat im Staate und machte dem Politiker das Leben schwer. Ansätze dazu haben sich ja gezeigt: in Aegypten, in Etrurien und endlich in Palästina selbst, in der Prophetenzeit. Diese Ansätze entwickelten sich aber nicht, und erst dem christlichen Mittelalter blieb es Vorbehalten, den Kampf zwischen Staat und Kirche herbeizuführen, welcher dann später die Jndividualisirung von Moral und Sitte zur ungeahnten Folge hatte. Darum traf Max Stirner den Nagel auf den Kopf, als er die Juden mit den Griechen und Römern in eine Gruppe stellte und sie gleichsam als den übriggebliebenen Sprößling des Alterthums bezeichnete. In der That hat zum Beispiel das jüdische Ceremonialgesetz viel mehr Verwandtschaft mit dem pedantischen Gebahren der griechischen und römischen Stoiker, als mit dem asketischen Wahnsinn der Anachoreten, der Geißelmönche und des Simon Stylites, welche alle nach überirdischen und überschäumenden Gesühlsexaltationen systematisch hinstrebten. Hier liegt eben der Unterschied zwischen politischer und individueller Moral vor. Politiker blieben die alten Juden stets, wenn auch allerdings bei ihnen der Gefühlsüberschwang das politische Gefäß oft zu sprengen drohte und manchmal auch gesprengt hat. Da ihnen aber alle rettende Metaphysik und Dialectik vollkommen abging, so sahen sie sich genöthigt, den politischen Reif wieder zusammenzuschmieden, immer härter und enger, je heftiger von Außen her die Angriffe wurden — am engsten und härtesten im furchtbarsten Mittelalter mit seinen entsetzlichen Judenschlächtereien. Denn auch die Juden des Mittelalters waren nichts weiter als eine politische Theokratie in zersprengten Resten. Und nicht aus religiösen, sondern aus nationalen Gründen wurde der „Zaum der Gesetze" geschaffen. Er bezweckte nichts weiter, als Erhaltung des Volksthums in stürmischer Zeit. Natürlich empfand man diesen Zustand einer ewigen Rüstung sehr hart und

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