Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 10 (6.8.1897)
- Date
- 1897-08-06
- Page
- 1 (sequence 3)
- Language
- German
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Nedartion nult ,BImum|iratitin Wien II., Nembrandtstraße 11. Tcleplzon Nr. 8805. Fveitrrs Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaktion oder Administration: Wien, II., Rembrandstraße 11, zu richten. Unfrankirte Briefe werden nicht angmonunen und Manuscripte nicht zurückgesendet. G--O Preise der Nnxergen: Die viermal gespaltene Petitzeile 10 kr. Einzelne Kümmern 15 kr. G—-* üflltltHttt** Oesterreich-Ungarn: halbjährig 3 fl. — 6 Kr., ganzjährig 6 fl. — 12 Kr.; Für das Ausland: Deutschland ganz- . jährig i3 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Schweiz, Frankreick, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Egypten ganzjährig 17 Frcs. halbjährig 8 Frcs. 50. Amerika ganzjährig 3 Doll. 40 Ur. 10. Wien, 6. August 1897. 1. Jahrgang. Vrazianlstische Gestalten. Von Spectator. I. Mit Verlaub, die Leute die gemeint sind, hatten vom Zionisnius keine Ahnung. Und waren dennoch complete Zionisten. Zionisten vor dein Zionismus, wie man von Reformatoren vor der Reformation spricht, Präzionisten wie etwa Mantegna ein Prärafaelit geheißen wird. Das ist aber keineswegs paradox. Ergreifende Bewegungen allgemeiner Art stecken immer vorher im Bewußtsein wie das Fieber, bevor es ausbricht, in den Gliedern steckt; die scholastische Philosophie nannte das ..universalia ante rem“ und Arthur Schopenhauer übersetzte es in Willenserregungen, welche vor den Handlungen und vor den Begriffen da sind. Also, wenn ich mein Gedächtniß um etliche Jahrzehnte — sagen wir um vier — zurückwende und mir die Gemeinden vergegenwärtige, wo Aron Bernsteins Judengeschichten spielen, so sehe ich lauter Zionisten vor mir, welche ihre heilige Fernsucht vor Niemaudenl, nicht einmal vor dem „Schandar" . verheimlichten, wenn sie auch keine rechte Vorstellung davon hatten, wie sich der „Seufzer nach Jerusalem" verwirklichen sollte. Ihr ganzes religiöses, wirthschaftliches und sociales Dasein ging in der Gemeinde und iw der Familie auf, sie hatten kein Augenmerk außer von Gemeinde zu Gemeinde und von Familie zu Familie; vor dem Staat, der nicht der ihre war, hatten sie den Respect des Schwachen, der das bischen Sonnenschein zum Leben verstohlen auffangen und conserviren muß, um im Schatten des Starken nicht zu verkümmern. Aus Familie und Gemeinde entwickelt sich, wenn die nothwendigen Bedingungen vorhanden sind, gleichsam wie aus Protoplasmen, der Staat, der nationale Staat. Den Gemeinden und Familien, in denen „Vögele der Maggid" und „Mendel Gibbor" gediehen, fehlten jene Bedingungen, aber es fehlte ihnen nicht der unausrottbare Zug zum nationalen Staate, zum eigenen Staate, der aber in der Vorstellung ein ganz anderer war, als der Staat, welchen der Landrath und der Kreisrichter und der „Rosche" Kerkow repräsentirte. Dieser unsterbliche Zug zum eigenen Staate war der latente Zionismus. Freilich, dann kam das merkwürdige Achtundvierzigerjahr. Da beugte sich der Staat, der nicht der eigene war, sehr leutselig und sehr tief auch zu den Gemeinden nieder, die er vorher durch besondere Judeugesetze sozusagen an sich selbst punktirt hatte, wie der Arzt' auf der Haut eines Kranken den Krankheitsherd punktirt. Und der Zionismus wurde für eine geraume Weile noch latenter. Gegen die aufrührerischen polnischen Sensenmänner zog man auch aus den Gemeinden aus; ich entsinne mich, daß ich als kecker Bube nieinem mit der Büchse bewehrten Vater, der noch dazu Vorsteher der Khille war, das Pulverhorn »achtrng. Dafür wurde man von dem Lnndrath sehr belobt, von dem „Schandar" herablassend wie seinesgleichen behandelt und man fühlte sich ungeheuer beglückt, daß man sogar in die Reihen der „Staatsbürger" einrücken sollte, die bekanntlich in der Theorie vor dem Gesetze allesammt gleich sind. Ich erinnere mich sehr lebhaft, wie damals das Gestirn des weltbnrgerlichen Schiller vor dem jüngeren Stern Karl Gutzkows verblich und in den schöngeistigen Häusern der Gemeinde nur noch aus dem jüdischen Drama des Jungdeutschen die Stelle von Elisa ben Abuja citirt wurde, dem Acher, der ein „Anderer" sein wollte und den Strengen als ein Ketzer erschien, weil ihm hellenische Lieder von den Lippen troffen. Wir jungen Leute in der Gemeinde wollten plötzlich jeder ein „Acher" sein, wir priesen uns mit besonderer Betonung als Deutsche und wer uns nicht glauben wollte, den nannten wir verächtlich einen Zeloten, einen Finsterling, einen de Santos. Nur daß die Skeptiker und Kopfschüttler in der Gemeinde nicht aussterben wollten, auch nicht, als die Verfassung publicirt und die Gleichberechtigung zum Grundgesetz geworden war. Da saß der kleine, schmächtige, gebrechliche Rabbi — Reb Beineschel hieß er — im Bethhamidrasch und sah mit den halberloschenen, großen Augen fragend von seinem Talmudfolianten aus. Er verstand die Neuerungen nicht, aber er hatte den Jnstinct, ihnen zu mißtrauen. Von dem Judenthums-Reformer, Abraham Geiger, klagte er mit seiner weinerlichen Stimme: „Der Posche sagt nicht, man darf trefe essen, er sagt, man muß trefe essen", und so oft er hörte, daß abermals ein Knabe aus der Gemeinde in das Gymnasium der Provinzhauptstadt geschickt worden, machte er eine Bewegung mit den knöchernen Händen, als ob er sich das Gewand zerreißen wollte. Die ahnungslose Seele! Es ging ja aufwärts mit uns, wir konnten unbesoldete Assessoren und Vice-Feldwebel werden unb sogar Minister, wenn wir den väterlichen Glauben verließen; man behandelte uns wie vollbürtige Deutsche und wir wollten auch nichts anderes sein, wir glaubten, daß es immer so bleiben würde. Das war der Traum der nationalen Assimilation, den zu träume» die „Protestrabbiner" noch heute vorgeben.