Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 1 (3.1900)
- Article
- Gespräche über den Zionismus aus dem Haag
- Date
- 1900-03-01
- Page
- 12 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 12 „Die $ Welt" „In der That, Am häufigsten wird, und besonders in unseren dem Chauvinismus abholden Kreisen, das folgende Argument vorgebracht: Seien wir froh, dass wir in den Juden ein kosmopolitisches Element besitzen, dass die Gelehrten und Künstler und Denker unter ihnen ausserhalb der nationalistischen Ideen wirken und schatten. — ,----Als ob alle .Juden nach Palästina gehen müssfen," unterbrach ich — „wenn es für die Verfolgton unter ihnen eine Zufluchtsstätte gäbe'." „Das Argument ist noch nach anderer Richtung falsch," versetzte Bourgeois. .Man könnte hoffen, dass die humanitär-kosmopolitischen Principien, die einen Theil der Judenschaft beseelen, zum Allgemeingut werden Könnten, wenn die Juden stark und zahlreich genug wären, um die anderen zu absorbieren; das ist aber nicht der Fall." „Gewiss. — Und um mit Nachdruck Kosmopolit sein zu können, d. h. zu erkennen, dass die Interessen der Menschheit die Interessen des Vaterlandes überragen oder vielmehr in sich begreifen, inuss man —* „Muss man vor allem ein Vaterland haben." ergänzte Bourgeois. „Beklagenswert ist es, dass jetzt in Krankreich die Presse eine so hetzerische Rolle übernommen hat, nämlich jene Presse, die das Volk liest. . „Das ist nicht so schlimm. Nirgends liest das Volk — namentlich die Arbeiter — so viel Zeitungen wie bei uns — aber man glaubt nicht an sie. Der französische Arbeiter kauft ein Blatt, liest es, „blaguiert" es, schwört aber nicht darauf. Sein Sinn ist offen, geweckt und dürstet nach allem, was frei und was gerecht ist. Die Rassenhetze ekelt ihn an. Ich weiss doch, wie man in Arbeiterkreisen denkt und fühlt — ich stamme ja selber daraus . . So ungefähr verlief meine Unterhaltung mit Leon Bourgeois über den Zionismus. Für wörtliche Genauigkeit kann mein Gedächtnis nicht garantieren. Tischgespräche / sind keine Interviews. Eine Stunde später, als wir auseinander giengen, war Bourgeois auf dem Wege nach Paris. Offenbar berufen, ein Cabinet zu bilden. Schon wollte man seinem Wiederkommen entsagen. Nach wenigen Tagen war er aber wieder auf seinem Posten im Haag. Hier galt es die Mitarbeit an etwas, das doch wichtiger ist. Wieviel tausend Cabinette wurden schon gemacht, gestürzt und wieder gemacht? . . . Aber die Bildungeines »ständigen internationalen Gerichtshofes": das sollte hier zum ersten-, zum allererstenmale geschehen. Der Grossherzog von Baden über den Zionismus. St. Moritz, den t. Augast 1899. Der bekannte jüdische Gelehrte und Geschichtsforscher Dr. A. Berliner, Docent am Rabbinerseminar in Berlin, wurde am 25. Juli vom Grossherzog von Baden in St. Moritz, wo Se. königl. Hoheit jetzt zum Curgebrauche weilt, in Audienz empfangen. Die Audienz währte Stunden und da der Grossherzog dem Herrn Dr. Berliner unter anderem auch seine volle Sympathie für den Zionismus und dessen Führer Dr. H e r z 1 ausgedrückt, nahm ich sofort Veranlassung, Herrn Dr. Berliner hier zu interviewen, und er theilte mir von der Audienz Folgendes mit: „Nachdem ich am 1». Juli dem Grossherzog ein Exemplar von meinem Werke „Geschichte der Juden in Rom" zugesandt und brieflich Se. königl. Hoheit unterthänigst gebeten hatte, mein Werk in Seine Bibliothek aufzunehmen, wurde mir am 24. Juli im Namen des Geheimen Legationsrathes Babo gemeldet, dass der Grossherzog mich am folgenden Tage in besonderer Audienz zu empfangen wünsche. Ich habe mich zur bestimmten Stunde in der grossherzoglichen Villa eingefunden und wurde sofort von Sr. königl. Hoheit sehr freundlich empfangen. Der Grossherzog fragte mich, woher ich meine Materialien für die Geschichte genommen habe, dankte für die Freude, die ich Ihm mit meinem Buche bereitet und gieng dann gleich zum Zionismus über. „Sie kennen doch gewiss die zionistische Bewegung. Herr Doctor," sagte der Grossherzog, „wie auch deren Führer Dr. Herzl. Ja, Herr Dr. Her/.l ist ein edler Mann, der ohne jede Selbstsucht, aus den reinsten Motiven, sich an die Spitze gestellt hat. Die Bewegung ist von Bedeutung und bedarf einer kräftigen Unterstützung. Leider haben die Regierungen noch nicht das ganz richtige Verständnis für die Sache, aber es muss mit der Zeit komm e n. Für unsere deutschen Juden brauchen wir gottlob solche Zufluchtsstätten nicht, aber für Ihre Glaubensgenossen im Osten und Norden . . . Der Grossherzog erkundigte sich dann nach der Gemeinde Berlin, nach den verschiedenen Rabbinerseminarien, sprach länger über die Gemeinden Badens, lobte sehr die deutschen Juden, und sodann zum Antisemitismus übergehend, bemerkte er: „Auch in unserem Vaterlande haben sich gewisse Personen zusammengethan. und sich zur politischen Partei gemacht, aber nur aus Eigennutz und Interesse, ein Verderbnis unserer Zeit, Diese Bewegung wird aber nicht mehr schaden, denn sie hört auf und verschwindet.* P. K a t z e n e 1 s o h n. Die Woche. Wien, IV: Juli 189!). Wenn man als Reporter neben oder hinter den Kindern Israels einhergeht und ihre täglichen Erlebnisse zu notieren sucht, so merkt man, dass eine gewisse Monotonie in dem Lebensgange der Judenheit ist. Zwei bis drei Monate braucht man, um alle Schicksale der heutigen Juden kennen zu lernen. Innerhalb eines Vierteljahres spielen sich regelmässig alle Ereignisse ab, welche den Inhalt der modernen, jüdischen Geschichte bilden. Hat man ein Vierteljahr aufmerksam zugesehen, so sieht man dann kaum mehr etwas Neues. Damit ist nicht gesagt, dass ein solches Vierteljahr für sich einförmig und arm an Geschehnissen ist. Nein, gerade weil sich in jedem kleineren Zeitabschnitte alle charakteristischen Geschicke der Judenheit auf einen engen Raum zusammendrängen, ist so eine kleine jüdische Geschichtsperiode bunter und ereignisreicher, als die kleinen Geschichtsabschnitte anderer Völker. Man könnte dieses Verhältnis vielleicht folgendermassen veranschaulichen: Da sind zwei Schaubühnen, eine ist die Bühne der Juden, die -zweite ist die Bühne eines anderen Volkes. Auf jeder der beiden Bühnen wird ein Schauspiel mit — sagen wir — dreissig Scenen aufgeführt. Auf der jüdischen Bühne werden alle dreissig Scenen an einem Abend gegeben, am nächsten Abend dieselben dreissig Scenen, am drittnächsten Abend wiederum, und so fort. Im Schauspielhause des anderen Volkes wird am ersten Abend die erste Scene gegeben, am nächsten Abend die zweite Scene u. s. w., so dass man erst in dreissig Abenden das ganze Volksschicksal durchläuft. So ist ein Tag der Juden inhaltsreicher, als ein Tag der anderen, doch weil sieh im Dasein der Juden derselbe vielfarbige Tag immer wieder an denselben vielfarbigen Tag reiht, wird die Reihenfolge monoton. Der Tag der anderen ist ereignisleerer, doch ihre Tagesfolge weniger monoton. * S}i * Aus der Zerstreuung der Juden lässt sich das leicht erklären. Ein Volk, das auf einer beschränkten Scholle wohnt, hat heute seinen Sonnenschein in Monaten den