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Die Welt · 1900-03-01 · 1 (3.1900) · p. 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
1 (3.1900)
Article
Gespräche über den Zionismus aus dem Haag
Date
1900-03-01
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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„Die & Welt1 Seite 11 gezogen sind. So jung er ist, hat er schon an der Spitze der französischen Regierung gestanden; wenn er auch nicht lange im Amte war, so konnte er doch der Welt schon einen Vorgeschmack seiner liigensehaften geben. Er hat sich nicht gerade als „Friedenstaubegezeigt. Weder in Sachen Chinas, noch Aegyptens, noch Madagaskars hat er sicli besonders nachgiebig erwiesen, sondern stets entschlossen, die Forderungen Frankreichs mit Knergic aufre;:Sr. zu halten. Ehe er Ministerpräsident war, hatte er — von 1*>0 bis 189-2 — das Ministerium des Unterrichtes inne. Dann wurde er Justizminister, und es fiel ihm die peinliche, aber uolhwendige Aufgabe zu, zur Zeit, als Iii hol an der Spitze des Cabmets stand, die Panamisten zu verfolgen. Nach dem Sturze Kibots blieb Bourgeois ein jähr ausser Amt. wurde aber dann mit der Bildung des ('abinets betraut. Nebst der Präsidentschaft übernahm er das Portefeuille des Innern : doch dauerte seine Regierung nur sechs Monate. An seinem Sturze war der Senat schuld, der ihm wegen seiner Begeisterung für die Einkommensteuer stets abhold war. Bourgeois ist ein Mann der Feder und hat gar vieles veröffentlicht; unter anderem eine Studie über die Soli d a r i t ii t des M e n s c h e n g e s c h Uchte s. Der Hauptdienst, den er seinem Lande geleistet hat, besieht in der Förderung des Realus.terrichtes; er ist mit allen Theilen der Administration vertraut, da er eine Zeitlang als Polizeipräfect und als Generalseci etär der Seine-Präfeetur gedient hat. In seinem Wesen isi Bourgeois eher energisch als diplomatisch und ist, im Principe, vollständig einig mit den Einberufern der <'onferenz. Er ist zum Vorsitzenden der dritten Commission (über Schiedsgericht) ernannt worden und hat in diesem Amte die nöthigen Kigenschaften von Takt und Festigkeit entwickelt, die eine erfolgreiche Leitung verbürgen. Obige Notizen sind einer Broschüre entnommen, die unter dem Titel „The parlament of Peace and its members", von der „Review of Reviews" herausgegeben, die Porträts, Biographien und Charakteristiken sämmtlicher Confereuzmitglieder bringt. So viel hatte icli von Leon Bourgeois nicht zu erzählen gewusst, nur das kann ich aus eigenem hinzufügen: er ist ein „eharmeur". Dass er sich im Principe mit den Zielen des Czarenmanifestes eins fühlt, auch das kann ich, nach allem, was er sagte, und wie er es sagte, bestätigen. Und was die vorhergesagte erfolgreiche Vorsitzführung betrifft, so hat sie sich bewährt. Wir wissen heute, dass die dritte Commission ihre schwierige Arbeil glücklich zu Ende geführt hat, dass ein ständiger Schiedsgerichtshof ins Leben tritt. .Der Appell an dieses Tribunal ist aber nicht obligatorisch erklärt worden" — sagen die kritischen Gegner — „das Ganze ist also ein Trug, denn facultativ war es ja bisher auch — jeder Streit konnte, wenn man wollte, vor ein Schiedsgericht gewiesen werden." Ganz richtig: das Schiedsgericht war aber nicht schon da. nicht zur bequemen Benützung bereit, musste erst eigens ernannt werden und lag der öffentlichen Meinung und den Regierungen überhaupt ganz fern. „Wenn der Staat eine Eisenbahn baut-', bemerkte das Haag'sche „Dagbladd", „so erklärt er deren Benützung auch nicht für obligatorisch. Ist die Linie verkehrsfördernd angelegt, erweist sie sich als nützliches, angenehmes und wohlfeiles Reisemittel, so wird das Publicum schon freiwillig auf dieser Eisenbahn fahren." Damals — es war der 1-2. Juni — hielt man noch nicht so weit: Die Linie war noch nicht traciert. Aber Bourgeois war voll Zuversieht: „Wir werden etwas zustande bringen, und mehr, als wir selber hofften." Natürlich kam das Gespräch wieder bei der „Affaire" an. „Es ist mir unfasslieh," meinte ich, „wie jetzt gegenüber der Evidenz die Antirevisionisten noch immer bei ihrer Meinung bleiben und wie überhaupt Menschen, die doch sonst Verstand und Herz haben, sich in so ungerechte und harte und, mau kann sagen, brutale Haltung verrannt haben!" Bourgeois erklärte das so: Aller Ehrgeiz der Menschen gipfelt in dem einen Bestreben : „plaire ä ses pairs", nämlich es denen recht zu tiiun, zu denen man gehört. Jeder Stand, jede Gesellschaftseiasse, jede Bildungskategorie hat ihr verschiedenes Jugendideal - das ist das (ieheiinnis lies Corpsgeistes. Ueberall liegt einem nur an dem Beifall, an der Achtung der Gesinnungsgenosssen. »Der ganze Process hat seine Quelle doch zumeist im Antisemitismus," bemerkte ich. „Was sagen Sie zu diesem?" Bourgeois antwortete nur mit einem Wort, in leidenschaftlichem Tone : ..Abominable!" „Ist Ihnen bekannt, dass es eine Bewegung gibt — sehen Sie, unser Tischgenosse drüben — er kann uns nicht hören, er ist ins Gespräch vertieft — steht an der Spitze •--einer Bewegung, durch welche sich die Juden der Verfolgung entziehen wollen — — — „Der Zionismus", unterbrach Bourgeois — „gewiss ist mir der bekannt. Man muss ihn ermuthigen. Denn —" Und Bourgeois fuhr fort, mir mit Feuer die Gründe auseinanderzusetzen, aus welchen, seiner Ansicht nach, die Bewegung unterstützt werden solle. Die volle Assimilation - nach langen Zeiten zwar nicht unmöglich, liege noch in zu weiter Ferne; bis dahin müssten noch, wenn sie sich nicht losreissen, zu viele Individuen leiden. „Das Individuum ist doch überall die Hauptsache — Allgemeinheit ist nur ein abstracter Begriff. . . Bis jetzt ist die Judenheit noch zu sehr charakteristisch von den Uebrigen verschieden, als dass sie unbemerkt sich amalgamieren könnte. Sowohl an ihren Fehlern, wie an ihren hervorstechenden Tugenden erkennt man sie. Verschiedenheit bedeutet nicht Minderwertigkeit — niemand soll es sich gefallen lassen, wegen seiner | Zugehörigkeit zu dieser oder jener ethischen Gruppe insultiert ' zu werden. Zionist sein, heisst: gegen den Antisemitismus Front machen. Und mehr noch fast, als die Juden, wird die übrige Bevölkerung durch den Judenhass geschädigt — er wirkt verrohend, er wirkt culturhemmend, namentlich hemmt er die Verwirklichung der Ideale, in deren Namen wir im Haag versammelt sind . . . Freilich bringt die Cultur nach und nach doch alle ihre Aufgaben zuwege — sie hat ja die endlose Zeit vor sich — aber um was es sich bei aller Wohlfahrtsthätigkeit handelt, das ist die Beschleunigung des Fortschrittes — darum willkommen alle frische, kühne Bethätigung der Energie! Von einer neu zusammengeschlossenen Nation, die sich zu bejahen wagt, und die aus so intelligenten, erwerbsklugen und talentvollen Elementen zusammengesetzt ist, Hesse sich eine Bereicherung der allgemeinen Culturabeit erhoffen und dem Antisemitismus wäre sein Hauptaclionsfeld entzogen, dass Hauptobject seiner Schmähungen — nämlich .ein versprengtes Volk". Ich bleibe dabei, man soll den Zionismus encouragieren." „Sie vergessen eines in Ihrem Piaidoyer. Es handelt sich vor allem, Bedrängten und Unglücklichen Hilfe, rasche Hille zu bringen . . ." „Natürlich — dies in erster Linie. Das ist aber selbst» verständlich — ich wollte nur diejenigen Seiten der Frage beleuchten, die entfernter liegen, nur solche Argumente vorbringen, die mau bestreiten könnte. „Selbstverständlich — naheliegend . . . ach, das ist's, was gewöhnlich am schwersten verstanden, am wenigsten beachtet wird! Wenn man über Zionismus debattieren hört, so bekommt mau alle möglichen philosophischen und socialpolitischen Dinge zu bedenken, dass aber hunderttausende von armen Menschen, die im tiefsten Jammer schmachten, gereitet werden können — werden müssen: daran denkt man nicht."

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