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Die Welt · 1908-12-18 · 50-51 (18.12.1908) · page 25

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
50-51 (18.12.1908)
Date
1908-12-18
Page
– (sequence 25)
Language
German
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No. 50 ■ DIE^ EHST RUF AUS Mit jedem Tage wird die Überzeugung; stärker, daß die neue Ordnung in der Türkei als gesichert zu betrachten ist. Entgegen allen Befürchtungen scheint der Friede nach innen und außen befestigt zu sein und eine Zeit zu kommen, in der lange unterdrückte Kräfte zur mächtigen Entfaltung gelangen und ein großes- Reich mit vielen Völkern von bedeutender natürlicher Begabung in intensiver Arbeit in das Gebiet der weltbeherrschenden Kultur vorwärts bringen wird. Und eine Hoffnung überkömmt uns; daß jetzt vielleicht auch, für das jüdische Volk die Zeit angebrochen ist, um im Lande seiner Ahnen eine große Kulturarbeit zu leisten, eine Kulturarbeit vom Grunde auf. Und die Hoffnung'beflügelt unsere Phantasie und läßt uns schauen, . wie auf dem von regsamer Arbeit befruchteten palästinensischen Boden in rascher Aufeinanderfolge immer neue Ansiedlungen erstehen, Industrie und Handel erblühen, glückliche, heitere Menschen sich mehren und ein neues Geschlecht in Glück und Schönheit aufwächst. Doch beschleicht uns bald auch die Furcht : Ist das Judentum der Größe des Augenblicks gewachsen? - Wird es sich zur Erfüllung, dieser Aufgabe aufraffen? Jetzt ist es noch an der Zeit. Jetzt harrt das Land noch unserer Arbeit. Aber bald kann es für uns zu spät werden. Bald können wir den Platz durch andere besetzt finden, — und dann haben wir einen der wichtigsten historischen Momente sträflich verpaßt, und wir bleiben für ewig — ruhelose Ahasvergespenster. Jetzt ist die Zeit gekommen, in der das gesamte Judentum sich versöhnen und zur Arbeit für seine Zukunft sich vereinigen soll. Diejenigen, die bis jetzt am energischsten und mitunter ungestüm zu dieser Arbeit gemahnt haben, werden nicht in Engherzigkeit hinter ledernen Doktrinen sich verschanzen, sondern jedem in Freude die Hand reichen, der an dem Aufbau des neuen Heims für unser Volk in seinem alten Lande uns zu helfen bereit ist. In jedem, der Jude zu nennen sich nicht schämt, glimmt noch ein Funke jenes unauslöschlichen Feuers, das unsere Seele viele Jahrhunderte hindurch vor dem Erstarren bewahrt hat. Im Goluth ist unter dem Einfluß einer verschiedenen Stellungnahme zu den Ereignissen des Tages in manchen Ländern eine scharfe Spaltung eingetreten zwischen Juden und Juden. Aber wer von Palästina aus auf das Judentum schaut, der erhebt sich auf einen höhern Punkt, von dem aus sub specie aeterni Risse und Klüfte nicht bemerkt werden, und sieht ein einiges Judentum, welches den Willen zum . Leben noch immer nicht aufgegeben hat. Denn hier in Palästina befindet man sich im Brennpunkt, wo unsere Vergangenheit und Zukunft zusammentreffen, in dem sich zurzeit unserer ganzen Diaspora die besten Gefühle und edelsten Wünsche unsere Volkes konzentrierten. Auch jetzt ergeht aus diesem Lande an alle unsere Brüder in der Zerstreuung der Ruf, über die Vergänglichkeit des Augenblicks hinweg sich auf das jüdische Volk inseiner Unvergänglichkeit zu besinnen. Kehret in euch, blicket in eure Seele, bis ihr den Zusammenhang zwischen euch und dem Volksganzen in Vergangenheit und Gegenwart erfühlt habt. Dann wird ein jeder freudigen Herzens an der Arbeit der Wiederbelebung Erez-Jisroels teilnehmen. *) Dieser Artikel war für die Propagandanummern bestimmt, traf aber zu spät bei uns ein. Zelt ■ - 27 PALÄSTINA*) Tatsächlich ist dieses Land niemals von seinem Volke vergessen worden. Wenn wir auch von jenen Momenten, in denen das Volk nach Zeiten blutiger Verfolgungen und Unterdrückungen sich erhob, um Freiheit und die alte Heimat wiederzugewinnen, absehen und uns nur der Geschichte der neuen Zeit zuwenden, in der das baldige Verschwinden des Judentums wegen der angebrochenen glücklichen Tage allgemein prophezeit wurde, sehen wir, wie die Hoffnung und das Streben nach Zion nicht vergehen. Zion lebt ungeschwächt unter den ersten Söhnen des Volkes, die an sich persönlich am meisten den Stempel einer freiem, bessern Zeit tragen, doch da sie das Judentum zu führen sich berufen fühlen, das alte Land der Juden in den Mittelpunkt ihrer Tätigkeit rücken. Charles Netter, der erste große Jude der neuen Zeit, der in seinem Grabe auf palästinensischem Boden von den zukünftigen Generationen verehrt und verherrlicht werden wird, Cremieux, Moses Montefiore, Zadoc Kahn und alle andern Begründer und Leiter der Alliance lsraelite Universelle, die den Gedanken eines einigen, in Glück und Not zusammenhaltenden Judentums erhoben, sahen bewußt und unbewußt in dem heiligen Lande der Väter ein vereinigendes Band aller Juden der Zerstreuung, und schätzten es und liebten es wie das Judentum selbst. Niemals wird das jüdische Volk das vergessen, was einer der besten Juden der Geschichte für sein Land getan hat. Zahlreiche Wohltäter in kleinem und großem Stil hatten die Juden zu jeder Zeit und insbesondere in der letzten aufzuweisen; aber nur sehr wenige gibt es, die mit ihrer Wohltätigkeit über einen gewissen beschränkten Gesichtskreis hinauszugehen verstehen, um bleibende Werke zu schaffen. Was der Baron Edmund Rothschild für Palästina getan hat, war bahnbrechend und hat einen weit über die Gegenwarthinausgehenden historischen Wert. Der Baron Rothschild hat mit seinen großzügig angewandten Mitteln, die er trotz vieler Enttäuschungen und Durchkreuzungen seiner Pläne nicht zurückzogt sondern vermehrte, den Grund für die landwirtschaftlichen Kolonien der Juden in Palästina gelegt. Wenn wir heute, in diesem wichtigen Momente, die Arbeit nicht ab ovo zu beginnen gezwungen sind, sondern eine feste Basis bereits besitzen, auf der wir weiter bauen können, so haben wir dies vielleicht zum größten Teile Edmund Rothschild zu verdanken. Man empfindet dies, wenn man die jüdischen Kolonien besucht und auf Schritt und Tritt sich überzeugt, wie weit des Barons Hand reichte und welche bedeutenden Mittel angewendet werden mußten, damit diese im Anfang außergewöhnlich schwierige Aufgabe der landwirtschaftlichen Kolonisation von Juden gelöst wird. Nun ist der schwierige Anfang überwunden, der Weg für die weitere Arbeit geebnet und wesentlich leichter gemacht. Diesen Weg wird in weit größerem Umfange als es bis jetzt geschieht die Jewish Colonisation Association einschlagen, die Testamentsvollstreckerin des Baron Hirsch. Baron Hirsch wollte mit seiner großen Erbschaft, die er dem jüdischen Volke hinterlassen hat, die Rückkehr der Juden zur Landwirtschaft ermöglichen. Aber dazu gehören außer den Mitteln zunächst auch Menschen mit dem Willen zum landwirtschaftlichen

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