Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1897-07-16 · 7 (16.7.1897) · p. 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
7 (16.7.1897)
Article
Die junghebräische Literatur
Date
1897-07-16
Page
15 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315710-3315717-3378988--00680-3379054
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 7. jPk^sWdtr Sekte 15. Wie ihre Vorläufer haben sie ihre Entwicklung im engen Geistesghetto, in einer Art sophistischer Gymnastik, begonnen. Dann sind sie über den Umweg des neuhebräischen Schriftthums nach Europa gewandert. Von der großen Menge aufklärerischer Tiraden und bildungseifriger Gedichte, die ihnen die hebräische Lectüre vermittelt, blieb ihnen Nichts, als ein Heißhunger nach Europäerthum, nach Cultur, nach Wissenschaft, nach Kunst — nach allem Kraftvollen und Großen, das die starken Geister da draußen gestaltet und geschaffen. Und nach dem Leben sehnten sie sich. Nach dem wirklichen, vollen, reichen Leben, welches hell ist und freudig, welches dem Dasein einen Inhalt gibt und der Arbeit ein Ziel. Unbefriedigte waren sie Me und Hungrige. Die gebeugte Menschenseele erhob sich in diesen spätgeborenen Ghetto-Kindern und lechzte nach Befreiung. So entstand in ihnen die große Europasehnsucht. Aber in Europa konnten sich diese jungen Stürmer und Dränger nicht ganz heimisch fühlen. Es blieb doch ein letzter Rest übrig, der in der Rechnung nicht aufgehen wollte. Sie haben da redlich Alles mitgelernt und mitgelebt, die kühnsten Gedanken und die verwegensten Formen, den naiven Eifer und die rasfinirte Müdigkeit. Aber die Liebe und den Haß des - europäischen Menschen konnten sie nicht miterleben. Ihr Herz blieb in der Judengasse zurück. Dort konnten sie lieben und hassen. Was sie verachten mußten — das liebten sie, und worüber sie in edlem Jugendeifer längst den Stab gebrochen — das war .der Inhalt ihrer Träume. Ihr Judenthum war ihr Schicksal, sie mochten sich dagegen sträuben wie sie wollten. Mancher unter ihnen lebte vielleicht im Glauben, sein Judenthum bereits überwunden zu haben; ein Anderer fühlte in sich vielleicht den Beruf eines Weltbeglückers und Menschheitbefreiers -— aber als sie reif geworden, da merkten sie ihren Jrrlhum. Denn mitten in ihren uferlosen Träumen vernahmen sie den Schmerzensschrei des arg bedrückten jüdischen Volkes, der mahnender und eindringlicher denn je an ihre Ohren drang. Und ihr Auge sah eine neue Welt erblühen aus den Ruinen. In der stillen Judengasse ist es rege geworden, die Feigen haben Muth gelernt und die Schwachen sind gestärkt aus der Verfolgung hervorgegaugen. Wie Verheißung blitzte es in den Ihränenfeuchten Augen. Jetzt wußten die Stürmer und Dränger, was sie sollten. Die Jadengasfe rief sie, und sie folgten diesem Rufe. * * * Nun halten sie ihren Einzug in die hebräische Literatur und jüngst haben sie in einigen lapidaren Manifesten gesagt, was sie wollen.*) Eigentlich in erster Linie: was sie nicht wollen. Sie negiren zunächst die Literaturabeit derjenigen, die bis jetzt in unserem Schriftthum den Ton angegeben. Da können sie nicht mitthun. Sie wollen nicht fortsetzen, was jene begonnen. Denn eine ganze Welt trennt sie von jener armseligen Literaturarbeit. Vor Allem der Inhalt. Alles was seit der Judenemancipation hebräisch geschrieben und gesungen wurde, ist Uebergangsliteratur, Tendenzwerk. Alles, was die Feder führen kann, agitirt für Aufklärung und Verbürgerlichnng. Die Literatur konnte ja keinen reicheren Inhalt haben, als das Volksleben selbst. Diesen Uebergangscharakter behält die literarische Production aber auch bis in die letzten Jahre, trotzdem sich inzwischen im Volksbewußtsein so Vieles geändert hat. Der neue, reiche Lebensinhalt des Volkes hat noch keinen adäquaten Ausdruck in seiner Literatur gefunden. Ein neues, unvergleichliches Ideal ist in unseren Herzen erstanden, neue Hoffnungen sind erwacht und von der Ferne winkt uns verheißungsvoll eine freie, herrliche Zukunst — aber in unseren Schriften ist nichts davon zu merken. Auch in den Produkten der allerjüngsten Zeit verspürt man noch Nichts von den Gährungen und Zuckungen im Innern der Volksseele. Und dann die Schaffensart. Da stecken noch die Meisten tief in der Scholastik. Dinge, die in jeder europäischen Literatur unmöglich wären, gehören hier zur Regel. Man denke sich eine Literatur mit einer principienlosen und indolenten Presse, welche den guten Geschmack geradezu verheert und das jammervollste Scribententhum großzieht, das je die Druckerschwärze mißbraucht hat; mit einer kleinkrämerischen, lebensfremden Wissenschaft, welche armselige Resultate mit noch armseligeren Mitteln zu erreichen *) In der Monatsschrift „Haschiloah", Bd. I. sucht; mit einer Belletristik, in der unreife Dilettanten Dinge darstellen, die sie nie gesehen, und Gefühle besingen, die sie nie gehabt — das ist, mit wenigen Ausnahmen, unsere Literatur von heute. Sie fühlen sich berufen, die liierarische Arbeit von Neuem anzufangen. Das Alte muß ganz vcrgeffen, die literarischen Traditionen müssen überwunden werden. Das Neue ringt in ihnen nach Gestaltung: der neue Lebensinhalt unseres Volkes, die neuen Ziele uud die neuen Hoffnungen. Das pulsirende Leben der Gegenwart soll in unserem Schriftthum zum Ausdrucke kommen. Was sich überlebt und abgenützt hat, muß ausgeschieden werden; nur ein zukunftsloses Volk muß in seiner Vergangenheit aufgehen. Wir aber können vom Gestern nur das brauchen, was ein Element des Morgen werden kann. Für uns gibt es kein dogmatisches Judenthum, das als historisches Abstractum aus leblosen Folianten starr in die Gegenwart hineinglotzt; für uns gibt es nur Juden, lebende, fühlende, werdende Menschen, welche Werlhe schaffen und Werthe vernichten. Für uns gibt es keine versteinerte Cultur, die wir wie eine Last immer weiter schleppen müssen. Die Cultur, die wir brauchen, muß immer frisch und lebendig und entwicklungsfähig sein. Diese lebendige Geistesarbeit von heute soll sich in unserer Nationalliteratur zu einem kraftvollen Gesammtausdruck verdichten. Aber das kann nicht unser ganzer Geistesinhalt sein Wenn wir unsere nationale Wiederbelebung auf unserem historischen Heimatsboden anstreben, so wollen wir doch deshalb nicht wieder Asiaten werden. Wir sind Juden, aber europäische Juden. Deshalb muß auch unsere Cultur, die jetzt aus uns herauswächst, national und europäisch zugleich sein. Wir perhorresciren jede nationale Assimilatition, weil sie unmöglich und widernatürlich ist: aber mit dem europäischen Gesammtgeiste, mit dem Geiste der gesammten Culturmenschheit wollen und müssen wir uns assimiliren. Die jüdischen Volksmassen, die hebräisch lesen, müssen hinausgezogen werden aus der gewohnten Enge des Geistes zu freier Gedankeuentwicklung. Sie müssen aufhören, dem „Menschlichen" als etwas Fremdem kalt oder gar feindlich gegenüberzustehen; sie müssen lernen, es als ihr Eigenes zu lieben und zu Pflegen. Die allgemeinen Culturideale müssen auch die Ideale der Juden werden. Deshalb darf die hebräische Literaturarbmt sich nicht auf das ausschließlich Jüdische beschränken. Die Junghcbräer wollen die Zeitcultur ins Judenthum hineintragen. Und schließlich: eine jüdische Kunst muß entstehen, herausgewachsen aus dem eigenen Bolksboden, genährt von den eigenen Volkssäften. Die Judengasse kannte keine Kunst. Dort konnte nur das primitive Volkslied gedeihen. Dem wahren künstlerischen Schaffen fehlte in jener Enge die Wärme und der Schwung. Unsere besten Talente mußten in die Fremde gehen, um als Heimatslose fremde Sehnsucht zu besingen. Jetzt werden sie bei uns bleiben können und das Lied singen, das in unserer eigenen Seele lebt. Das Ideal der nationalen Wiedergeburt wird der Nährboden für eine eigene, nationale Kunst werden. Die Golusjuden konnten nur Kopfarbeit verrichten; die freien Nationaljuden werden ihre Seele sprechen lassen. * * * Die Junghebräer wollen an dem Ausbau der jüdischen Zukunftskultur arbeiten, wie der Politische Zionismus den Zukunftsstaat der Juden vorbereitet. Denn mit der politischen Wiederbelebung unseres Volkes muß die geistige Hand in Hand gehen. Es muß ein Centrum geschaffen werden für alle geistige Kräfte der Nation, ein Gesammtorgan für all unser Kämpfen und Ringen, für unsere Sehnsucht und unser Hoffen. Wir müssen wieder sprechen lernen, in starken, gesunden Lauten. Wenn wir ob unseres Volksjammers seufzen, so müssen unsere Bücher davon erzählen; und wenn wir, in stiller Einsamkeit stolze Träume hegen, so müssen unsere Lieder davon singen. Die hebräische Literatur muß wieder unsere Volksliteratur werden. Was wir als Juden und als Menschen denken und glauben, was wir zerstören und was wir bauen — das muß in der hebräischen Literatur zum Ausdrucke kommen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.