Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 44 (6.11.1908)
- Date
- 1908-11-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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gefordert werden, in das unterzeichnete permanente vorbereitende Komitee ihre Vertreter zu entsenden. -Gleichzeitig wird ein gesondertes 'erweitertes Komifee für die vorbereitenden Arbeiten der Allgemeinen Jüdischen Kolonisationsorganisation in der Weise ins Leben gerufen, daß angesehene Glaubensgenossen aus allen Ländern, die ihre Sympathien für das geplante Werk bereits bekundet haben oder bei" denen lebhafteres Interesse hierfür vorausgesetzt werden darf,- zum Eintritt in dasselbe eingeladen werden. Das permanente Komitee hat alle in Betracht kommenden Verhältnisse einer sorgfältigen Prüfung unterworfen und ist zu der Oberzeugung gelangt, daß die Lage der jüdischen Bevölkerung im Osten dfe Schaffung dergeplanten Organisation heute dringend verlange, daß in den finanziell leistungsfähigen Kreisen unserer Glaubensgenossen gegenwärtig außerordentlich viel Stimmungfür das Kolonisationswerk vorhanden sei und daß die'Umwälzung in der Türkei nicht nur eine tatkräftige Förderung dieses Werkes im Orient begünstige, sondern seine baldigste Eröffnung uns zur Pflicht mache. Wir zweifeln nicht daran, "daß Sie gleich vielen andern hervorragenden Glaubensgenossen die ganze gemeinnützige Tragweite und den zeitgemäßen Charakter dieses Unternehmens anerkennen werden. Es gereicht uns zur Genugtuung. Ihnen mitteilen zu können, daß Herr Geheimer Regierungsrat Professor Dr. H. Aron auf unser Ersuchen sich bereit gezeigt hat. die bis zur ersten Generalversammlung der Organisation erforderlichen Schritte, mit Unterstützung des Initiators der A. J. K. O., Dr. Alfred Nossig, zu leiten. Obwohl die kolonisatorische Tätigkeit der A. J. K. O. von den parallellaufenden, auf die Bildung eines .tändigen Ausschusses der Organisationen gerichteten Bestrebungen für die nächste Zeit formell getrennt sein so 1. möchten wir doch nicht umhin zu betonen, daß nach den uns zugegangenen Informationen diebaldigste Konstituierung einer wirklich "leistungsfähigen, weltumspannenden, jüd'schen Kolonisationsgesellschaft auch für die wirksame Förderung des Zusammenschlusses der Organisationen unerläßlich ist, da erst auf dieser Grundlage der von der Konferenz vom 20. September 1908 in Aussicht genommene Weg mit Aussicht auf wirklichen Erfolg betreten 'werden kann." Bei der am 27. Oktober stattgehabten konstituierenden Sitzung wurden, wie wir ergänzend mitteilen, in den Vorstand gewählt: Justizrat Dr. Edmund Friedemann als Schriftführer. Professor Dr. Ferdinand Blumenthal als stellvertretender Schriftführer, Eugen Panofsky (i/F. Jacquier & Securius) als Schatzmeister. Als Beisitzer: Siegmund Bergel, Geh. Sanitätsrat Br.Blumenthal, Siegfried Brünn. Kommerzienrat Heinrich Eisner, Dr. Isidor Ginsberg. Dr. Hirsch Hildesheimer, Berthold Israel, Alois Marcus ' (i F. Veit. Seiberg & Co.), O. L. Netter, Manuel Schwarz, Generaldirektor Konsul Segall. Außerdem wurde ein ausführendes Komitee unter dem Vorsitz von Dr. Alfred Nossig gewählt. Die A. J. K. O. hat ihre Tätigkeit bereits nach verschiedenen Richtungen kegonnen. Österreich (Von unserm Korrespondenten) Der Kultuswahlkampf in Wien Sonntag den 31. Oktober fand im „Hotel Post" die erste große Wählerversammlung des oppositionellen Wahlkomitees statt, die einen sehr würdigen Verlauf nahm. Es sprachen die Herren Dr. Bernhardt, Dr. Zweig, Markus, Brünner und Plaschkes. Die Kandidatenliste Die von uns vor einigen Wochen mitgeteilte oppositionelle Kandidatenliste hat eine Änderung erfahren. Die Herren Frank und Professor Ehrmann wurden kandidiert, nachdem sie sich verpflichtet haben, für das Programm der Opposition einzutreten. Herr Frank äußerte bei der entscheidenden Unterredung Bedenken gegen die Gleichheit des Wahlrechts, die zu einer Majorisierung der Besitzenden führen könnte. Das Wahlkomitee hat diesen Befürchtungen Rechnung getragen, indem es die Forderung des Proportionalwahlsystems zum Schutze der Minoritäten in sein Wahlprogramm aufgenommen hat. Ebenso wurde in einer mündlichen Unterredung mit dem betreffenden Herrn versprochen, daß bei der Wahlkreiseinteilung auf die Steuerleistung Rücksicht genommen werden wird. Damit gab sich Herr Frank zufrieden, lehnte das an ihn gerichtete Ansinnen als bloße Formsache ab und wies auf sein gegebenes Wort hin, für das Programm jederzeit einzutreten. Trotzdem gab Herr Frank in der Vorstandssitzung vom 25. Oktober, über die wir bereits berichtet haben, die Erklärung ab, daß er, sowie Professor Ehrmann das Programm der Opposition nicht bedingungslos akzeptieren, es deshalb auch nicht unterschrieben haben. Darauf beschloß das Wahlkomitee in seiner Sitzung vom 29- Oktober, von der Kandidierung der beiden Herren abzusehen. Zu diesem Entschluß führte, nebenbei erwähnt, außer den grundsätzlichen Differenzen auch die. Mißstimmung über das Verhalten der beiden Kandidaten bei den Sitzungen des Kultusvorstandes, wo sie, wie alle andern Kultusräje, die Temperamentsausbrüche des redelustigen Präsidenten ruhig hinnahmen und keine Lust zeigten, die Angriffe Dr. Sterns gegen die Opposition, deren Kandidaten sie waren, zurückzuweisen. Die Ergebnisse der Landtagswahten Die Landtagswahlen in Niederösterreich, dem Stammland der Christlichsozialen, brachten keine Überraschung. Es gibt nur zwei Parteien in diesem Kronland, die Antisemiten und Sozialdemokraten. Es ist eine unwiderlegliche Tatsache, — das Wiener Bürgertum, Mittelstand und Bourgeoisie, stimmen christlichsozial. Das Proletariat wählt sozialdemokratisch. Die Liberalen erobern kein einziges Mandat. Sie vertragen nicht das Lic.it des allgemeinen gleichen Wahlrechts. Der „jüdische Bezirk", die Leopoldstadt, wählte im ersten Wahlgang Lueger zu ihrem Vertreter. Warum nun alle so erstaunt tun. Auch in der allgemeinen Kurie zum Gemeinderat, wo dasselbe Wahlrecht besteht, wählte die jüdische „City" christlichsozial. Dr. Ofner, Dr. Schwarz-Hiller und alle „Deutschdemokraten" bewiesen zwar sehr eindringlich, daß die Antisemiten mehr christlich, als sozial sind, und belehrten die Wiener über das Wesen des Christentums und des Klerikalismus, — die Freisinnigen wurden mit keinem Mandat betraut. Ihre Niederlage weckt jedoch kein Mitgefühl. Denn in ihrer größten Ohnmacht klammerten sie sich krampfhaft an die Lüge ihres Daseins, dem Tod geweiht gaukelten sie einen deutschen Liberalimus und eine deutsche Partei vor. Nicht nur die Existenz der Judenfrage durfte in ihren durchwegs von Juden besuchten Versammlungen nicht erwähnt werden. So weit wurde das Gaukelspiel getrieben, daß die „Deutschen" es ablehnten, in einer Versammlung der „Israelitischen Union", wo ihre treuesten Trabanten hocken, zu erscheinen. Auch das war ihnen zu jüdisch! Sie sind drollig im Kampfgetümmel und erbärmlich in der Niederlage. Amerika Am Montag den 19- Oktober fand in New York die Vermählung des Rev. Dr. Judah Leon Magnes, Rabbiner des Tempels Emanuel, mit Miß Bet: rice Loewenstein aus New York statt. Die Trauung volkog Rev. Dr. Solomon Schechter, Präsident des Jewish Theological Seminary of American und Rev. Jos. Silberman vom Tempel Emanuel. Mr." Magnes, bekannt als einer der eifrigsten und begabtesten Führer der amerikanischen Zionisten, seit mehreren Jahren auch Mitglied des Großen A.-C,- ist einer der jüngsten Rabbiner New Yorks. Er ist 1877 in San Francisco geboren und begann seine Studien an der Universität in Cincinnati, im Jahre 1898. Von 1900 bis 1902 studierte er in Berlin und machte 1902 seinen Doktor an der Universität Heidelberg. 1904 folgte er einem Rufe als Rabbiner des Tempels Israel in Brooklyn, und 1906 wurde er einstimmig zum Rabbiner der vornehmsten New Yorker Gemeinde, der von Emanuel, gewählt. Anläßlich der Vermählung Dr. Magnes schreibt „The American Hebrew", das vornehmste amerikanisch-jüdische Wochenblatt; „Wenige junge Leute haben die New Yorker jüdische Gemeinde in so kurzer Zeit für sich eingenommen, wie Dr. Magnes. Man sagt nur die Wahrheit, wenn man feststellt, daß er beliebt ist bei allen Teilen der Gemeinde. Sein Mut und seine Höflichkeit, sein Eifer fürs Judentum und seine ausgezeichnete Mannhaftigkeit, seine Sympathie mit allem, was gut ist, vereinigen sich in ausgezeichneter Weise, die sich als eine unwiderstehliche Anziehungskraft für alle erwiesen hat, die mit ihn in Berührung kommen. Seine Heirat, die andernfalls lediglich von privatem Interesse wäre, interessiert daher auch seinen weiten Freundeskreis, und wir übermitteln ihm daher im Auftrage der jüdischen Gemeinde New Yorks deren herzlichste Glückwünsche." Die Wahlen in der Türkei In Konstantinopel hab^en die Parteien ein Kompromiß geschlossen, durch das u. a. auch die Wahl eines Juden gesichert erscheint Aus der Provinz wird die Wahl eines jüdischen Abgeordneten, des bekannten Anwalts Carasso, gemeldet. Im Kreise Salonik sind 15 von den 63 Wahlmännern Juden, 25 Christen und 23 Muhamedaner.'