Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 41 (16.10.1908)
- Date
- 1908-10-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Redlich und die christliche Kultur Noch bemühen sich redegewandte Zungen und spitzfindige Federn, der staunenden Welt zu beweisen, daß der Bruch eines internationalen Vertrags kein. Vertragsbruch ist, und wandeln in unzähligen Variationen den Satz, daß die Annexionnur die rechtliche Formel für eine längst feststehende Tatsache war. Nicht einmal die Vertreter des „christlichen Volkes von Wien" fanden es für möglich und der Situation entsprechend, die diplomatische Aktion Baron Aehrenthals mit dem Christentum in irgendeinen entfernten Zusammenhang zu bringen. Diese Verbindung und Begriffsverknüpfung herzustellen, blieb dem Abgeordneten der Juden von Ungarisch-Brod vorbehalten. Der getaufte Herr Prof. Redlich schloß seine Rede in der österreichischen Delegation,' in der er natürlich dem armen Minister des Äußern den Schutz seiner Be- . redsamkeit hat angedeihen lassen, mit dem großartigen Ausspruch: „Die Annexion stellt sich dem wirklich historisch Denkenden (!) nicht als ein Rechtsstreich dar, sondern als eine Revindikation jener Länder, welche der christlichen Kultur des Westens durch die Türkei entrissen worden sind ..." Der Herr Abgeordnete entwickelt sich seit seiner Anstrudelung Gessmanns bei der Debatte über das Ministerium für öffentliche Arbeiten ganz ausgezeichnet. Nach einem Jahre werden wir ihn den christlichen Charakter des Staates Österreich hervorheben hören. Zusammenschluß und Programm der Opposition Das oppositionelle Wahlkomitee für die Wiener Kultuswahlen hielt Montag den 12. d. M. eine Sitzung ab, in -der das Wahlprogramm einer eingehenden Beratung unterzogen wurde. Im Wahlkomitee sind alle oppositionellen Gruppen vertreten: die Zionisten, der Verband der Wohltätigkeits- und Minjanim-Vereine und die Poale-Zion. Die Wahlplattform und die Forderungen werden vornehmlich dem Gemeindeprogramm der Wiener Zionisten entnommen, das im Jahre 1902 geschaffen worden ist Auch der dritte Zionistentag in Wien (1903) hatte bekanntlich ein großzügiges Gemeindeprogramm beschlossen. Einzelne Forderungen der Minjanim-Vereine und der Poale-Zion, die seit ihrem IX. Parteitag ebenfalls ein detailliertes Gemeindeprogramm besitzen, werden in der Wahlplattform selbstredend". Aufnahme finden. Das zionistische Programm vom Jahre 1902 verlangt das allgemeine gleiche Wahlrecht, Abschaffung der Kurie der Höchstbesteuerten, gründliche Herabsetzung der Mindeststeuer und bezirksweise Wahl. Die Besteuerung soll mit Einbeziehung der Einkommensteuerlisten vorgenommen werden. Auf dem Gebiete der Wohlfahrtseinrichtungen verlangt das Programm eine Reform und Zentralisation des Armenwesens und der Waisenfürsorge, Errichtung von Wärmestuben, Subventionjerung der Arbeits- und Stellenvermittlungen jüdischer gewerkschaftlicher Organisationen, Errichtung von Frauenerwerbsschulen, Förderung der Kreditorganisationen und Volksvorschußkassen, Unterstützung genossenschaftlicher Mittelstandsorganisationen. In einer Reihe von Forderungen auf kulturellem Gebiete wird die Nationalisierung des Schul- und Religionsunterrichts verlangt, die Gründung von Toynbeehallen usw. Mit dem Hinweis auf die Auswanderung aus Rumänien und Rußland wird die Schaffung eines Katastrophenfonds begehrt. Es sollte nicht wundernehmen, daß alle diese Forderungen an die Kultusgemeinde gerichtet werden. Die Opposition vertritt eben die Ansicht, daß sich die sogenannten israelitischen-Kultusgemeinden zu jüdischen'Nationalgemeinden hinaufentwickeln müssen. Rußland (Von unserem Korrespondenten) Die Judenfrage und die . . . Cholera Oberflächliche Psychbiogen wären geneigt, anzunehmen, daß zwischen der Judenfrage und der ... Cholera gar kein Zusammenhang bestände, und daß die erfindungsreichen Antisemiten wenigstens die Urheberschaft dieser Plage den Juden nicht zuschreiben werden, aber das wäre ein leichtsinniger Optimismus. Wir sehen, daß die Judenfresser aus dem Lager der „Russkoje Znamja" die günstige Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen lassen, sondern geflissentlich auf die sanitären Kommissionen, „die aus Juden und Kadetten zusammengesetzt sind",- die Schuld und die Verantwortlichkeit für die erschreckende Ausbreitung der .Epidemie in Rußland wälzen. Als Gegenstück dazu veröffentlichte Fürst Paul Dolgorukoff, der gewesene Vizepräsident der zweiten Duma, einen höchst interessanten und sympathischen Aufsatz, der ebenfalls das Verhältnis der Judenfrage zur Cholera, aber von einem entgegesetzten Standpunkt, behandelt Fürst Dolgorukoff erzahlt, daß, als er während seines Aufenthalts in Paris das -Institut Pasteurs besuchte, Pasteur ihm seinen Assistenten, einen jungen Gelehrten, Dr. Hafkin, vorgestellt hatte. Hafkin äußerte während seiner Unterhaltung mit dem Fürsten den sehnlichsten Wunsch, nach Rußland, das er als sein Vaterland betrachtet, zurückzukehren. Aber leider — fügte Hafkin hinzu — ist eine wissenschaftliche Arbeit in Rußland für mich ausgeschlossen, weil ich Jude bin. Hafkin siedelte dann nach England über und errang dort einen Weltruhm. „Rußland, das so arm an wissenschaftlichen -Kräften ist schreibt Fürst Dolgorukoff weiter, könnte auf einen solchen Gelehrten stolz sein. Und wer weiß, ob, wenn die Entdekung des Choleraserums In Rußland stattgefunden hätte, der Ausbreitung der Epidemie nicht erfolgreich Halt geboten werden könnte." So beschwert sich der aufrichtig liberale Mann. Zu den Ereignissen der letzten Woche gehört der Tod Schwanebachs, eines der Hauptsäulen der russischen „Star Chamber". Schwanebach nahm den hohen Posten eines Staatskontrolleurs ein. Ein Deutscher von Geburt und Erziehung war er trotzdem der „Inspirateur der extremen Rechten, ein edler Gönner der „Echtrussen", ein verbissener Gegner des konstitutionellen Regimes und selbstverständlich auch der Juden. In den Reihen der Reaktion hat der Tod Schwanebachs eine klaffende Lücke gerissen. Der" zweite echtrussische Deutsche, Minister Schwarz, ging augenscheinlich in seinem Patriotismus zu weit, so daß seine Stellung ernstlich zu wanken beginnt. Der zu scharfe Kurs seiner Politik hat ihn um die Sympathien seiner Kollegen im Ministerkabinett gebracht die die Fortdauer seiner Amtstätigkeit als unmöglich betrachten. Vielleicht wird sein Nachfolger eine kleine Schwenkung -nach links vollziehen; für die jüdische studierende Jugend würde der Rücktritt dieses Ministers ein erfreuliches Ereignis sein. Zangwills neues Drama Die „Times" berichtet aus Washington über die dort in der vorigen Woche stattgehabte Aufführung des neuen Zangwillschen Stückes „Der Schmelztiegel". Die Erstaufführung fand vor einer zahlreichen Zuhörerschaft statt, darunter Präsident Roosevelt und Frau. Der „Schmelztiegel" sind die Vereinigten Staaten, der Kessel, in dem die Menschen jeder Rasse und jedes Glaubens von allen Unreinheiten gereinigt und zu einer einzigen glänzenden Nation verschmolzen werden. Als extremsten Beweis dieser Theorie führt nun der Dichter die Liebe eines russischen Juden zur Tochter eines russischen Adeligen vor, der an der Spitze seiner -Truppen zugegen war, als die Eltern des jungen Mannes im Pogrom von Kischinew hingemetzelt wurden. Der Autor erzählt uns, wie der Jude nach Newyork geht um dort seinen ärmlichen Unterhalt als Musiker zu finden, wie er das Mädchen liebt, das wegen revolutionärer Tendenzen ebenfalls aus Rußland vertrieben ist, wie er alle Beziehungen zu seiner Umgebung, deren anständiges, aber.beschränktes Leben glänzend geschildert ist, aufgibt, um dem Mädchen zu folgen, bis zur Ankunft ihres Vaters, dessen Gesicht, das verhaßte, verfluchte Gesicht des Mörders seiner Eltern, ihn in dramatischer Weise zur Orthodoxie zurücktreibt. Aber am Schlüsse triumphiert doch der amerikanische Geist der Hoffnung und Freiheit, die Überlieferungen der Jahrhunderte gehen über Bord, und die beiden werden vereinigt Der jüdische Held ist der Verkünder vorr Zangwills Ansichten über die Zukunft Amerikas, und seine glänzendem Lobreden über die Möglichkeiten des Landes für die, die in der Heimat unterdrückt werden, wurden stürmisch beklatscht, insbesondere von Mr. Roosevelt. Neben der Idee des „Schmelztiegels" -weht aus dem Stück ein stürmischer Protest gegen die Behandlung, der Juden in Rußland. Außerdem kommen auch mehrere sehr komische Personen im Stück vor, die lebhafte Heiterkeit erwecken. Nachdem das Stück in Washington und Baltimore gegeben ist, wird es auch in Newyork gespielt werden, wo es, mit einigen- Kürzungen, wohl Erfolg haben dürfte. Jetzt wird das wahre dramatische Interesse einzelner Szenen durch zu große Strenge und eine Tendenz zu Wiederholungen beeinträchtigt. Jüdischer Frauenbund In Breslau fand eine Versammlung des Jüdischen Frauenbundes statt, über die man uns berichtet: Nach den Begrüßungsworten von Frau Justizrat Heilberg legte Frau May-Berlin die Ziele des Jüdischen Frauenbundes dar. Unter allen Frauenvereinen sind die jüdischen die ältesten. Ursprünglich Wohltätigkeitsvereine, haben sie heute in der Zeit des kulturellen Aufschwungs auf allen- Gebieten ihre Aufgaben erweitert. Fand früher die Frau ihren Wirkungskreis ausschließlich in der Familie, so ist nun auch die jüdische Frau durch die erhöhten sozialen Anforderungen in die Welt hinausgedrängt. So sehr auch interkonfessionelle Vereine zu unterstützen sind, so ist doch manche Arbeit nur auf konfessionellem Boden möglich. Aus diesen Erwägungen ist an»