Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 33 (21.8.1908)
- Date
- 1908-08-21
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Interesse der Nation am. Herzen hegt. Diejenigen, die die Lage benutzen wollten, um Stimmung gegen den Chacham-Baschi-Stellvertreter zu machen, ließen unter den Tausenden von Flugblättern, Spottliedern und Karikaturen, die die Camelots auf den Straßen verkaufen, eine Karikatur des Chacham-Baschi-Stellvertreters in Gesellschaft des abgesetzten armenischen Patriarchen und Zensors mit einer sehr wenig schmeichelhaften Aufschrift verbreiten. Am Tage des Zusammentritts des Volksrats, wurde vor dem Versammlungslokal der Synagoge in Galata, eine spaniolische Flugschrift „la eicha nuowa" verkauft, in welcher im Stile der Klagelieder die Taten des alten Regimes beklagt werden. Vor der Synagoge befand sich eine große Menschenmasse, die vergebens Einlaß begehrte. Heftige Reden gegen den Mischlisch wurden gehalten, bis endlich das Volk mit Gewalt sich den Einlaß erzwang. Es ist absolut nicht zu begreifen, weshalb der Volksrat hinter geschlossenen Türen verhandeln wollte, es beweist dies nur die parlamentarische Unerfahrenheit des organisierenden Komitees. Bei Eröffnung der Sitzung, die wenig parlamentarisch und nicht vollkommen programmmäßig verlief, verkündet Herr Nissim El Nekawe im Namen des Chacham-Baschi-Stellvertreter, letzterer erkläre die Versammlung als legal und werde ihre Beschlüsse akzeptieren. Hierauf wird die Wahl der drei Chachamim vorgenommen. Von 45 abgegebenen Stimmen erhalten Chaim Nahoum, der eben von der von der Alliance ausgerüsteten Falascha-Expedition zurückgekehrt ist 42, Abraham Danon, der Leiter des von der Alliance subventionierten Rabbinerseminars 39 und Rabbiner Dr. Markus, Direktor der Schulen des Hilfsvereins 37 Stimmen, die hiermit als gewählt hervorgingen. Der Ausgang der Wahlen war nach der geschickten Agitation Frescos klar, die Kandidaten hielten sich in der Nähe bereit, um nach ihrer Wahl sich an den Wahlen des Mischlisch gaschmi zu beteiligen. Bei ihrem Erscheinen wurden sie dem versammelten Volkemit den Rufen „Es lebe die Freiheit", „Es lebe die Nation" begrüßt. Es war interessant, die jungen, modernen Rabbinen in einfacher Kleidung neben den patriarchalischen Gestalten der greisen Chachamim in ihren langen, breiten Talaren mit dem atlasgewundenen Turban auf dem Haupte zu beobachten. Es ' schien als wenn ein Stück romantisches, traditionelles Judentum einem neuen, werdenden unbestimmten Geist Platz machen müßte. Die drei neuen Chachanim begrüßte S. Ex. Abraham Farchi in einer längeren Ansprache. Er feierte in ihnen neben dem Geist des Judentums den Ernst der Bildung und des Fortschritts, er gedachte der Alliance, die zuerst den Juden des Orients europäische Bildung zuführte, und des Hilfsvereins, der mit idealistischem Opfermut sich der geistigen und materiellen Interessen der ottomanischen Juden annehme. Die darauf folgenden Wahlen des Mischlisch gaschmi schienen sich zu komplizieren. S. Ex. Behor effendi Eskenazi, Mitglied des Staatsrates, machte den Vorschlag, diesen engeren Rat per Akklamation zu erkennen. Advokat Cohen wünschte die Beteiligung des Volkes an den Wahlen, Redakteur Fresco machte darauf aufmerksam, daß vorläufig das alte Gesetz maßgebend sei, worauf schließlich die Wahlen durch Stimmzettel vorgenommen wurden. Vorher hielt es noch ein Fleischer, dessen Laden vom Großrabbinat geschlossen, er selbst ins Gefängnis geworfen war, für angebracht, gegen den Rabbi Ammon, den Hauptschuldigen seines Unglücks, zu protestieren. Gewählt wurden: S. Exz. Abraham effendi Farchi, Dr. Victor. Bey Galimidi, Jacques Bey Nachmias, Jacques effendi Samanon, Behor Schabataj Hacoheri, Abraham effendi Hacohen, MoTse Elie, Jacques Benzonana und Isaac Crespi. Die Gewählten schworen vor der Thoralade, daß sie mit Gerechtigkeit für die Nation arbeiten werden. Nach einem Hanothen teschua für den Sultan und das Komitee „Union et Progres" und einer Ansprache Abraham Danons, in der er ausführte, die iüdischen Intelligenzen seien durch den bisherigen Despotismus des Großrabbinats unterdrückt gewesen, wurde. die historische Versammlung des jüdischen Volksrates geschlossen. Mehrfach wurde die Demission des Chachara-Baschi-Siellvertreters angekündigt, aber die Nachrichten sind den Ereignissen vorausgeeilt. Tatsächlich suchte MoTse Halevi seine Position zu behaupten, solange er konnte, auf Drängen des neuen Mischlisch gaschmi mußte er sich schließlich zurückziehen. Heute ist die Demission des Chacham-Baschi-Stellvertreters Wahrheit. Das Ministerium des Innern hat offiziell die Ernennung Erkrem Beys, des Paschas von Jerusalem, zum Vali von Beyrut bekannt gegeben. Ob er lange diesen Posten bekleiden wird, ist zweifelhaft, da er in jungtürkischen Kreisen als reaktionär gilt, was ihm um so mehr verargt wird, als sein Vater Kiemal Bey einer der freiheitlichen türkischen Poeten war. Die Wahl des neuen Chacham Baschi Konstautinopel, 17. August (Privattelegramm). Heute fand die Wahl des neuen Chacham Baschi an Stelle des zurückgetretenen Moise Levy statt. Gewählt wurde Häim Nalioum,« Professor am Rabbinersemiuar der Alliance israelite Universelle .. in Konstantiriopel. Nahoum war bekanntlich -der Leiter der Expedition zu den Falaschas, die die Alliance Israelite entsendet hat und die erst vor kurzer Zeit aus Abessinien zurückgekehrt ist. ^KORRESPONDENZEN^! Deutsch-jüdische. Studentenverbindungen In Nr. 30 der „Welt" vom 31. Juli ds. Js. erschien '-unter. obigem Titel eine auf die im K. C. vereinigten jüdischen Verbindungenbezügliche Notiz, die sachliche Unrichtigkeiten enthält und daher der Berichtigung bedarf. Es ist in dieser Notiz dem K. C. 'bezw. der ihm angehörenden Verbindung „Rheno-Silesia" in Bonn der Vorwurf assimilatorischer Gesinnung gemacht worden. Diese--Behauptung entspricht nicht den Tatsachen. Der K. C. verfolgt nach § 3 seiner Statuten als oberstes Prinzip die Erziehung seiner "Mitglieder zu selbstbewußten Juden. Jede assimilatorische Gesinnung wird daher vom K. C. als ehrlos schärfstens verurteilt. Für Assimitanten bietet somit der K. C. keinen Raum. Dieses positive und freudige Bekennen zum Judentum vertreten die K. C.-Verbindungen — als zeitlich erste bereits in den achtziger Jahren die Viadrina in Breslau — bis heute in gleicher Schärfe. Die K. C.-Verbindungen sind daher in dieser Beziehung lange vor der zionistischen Bewegung, und zwar mit unbestrittenem Erfolg, tätig gewesen. Das unrichtigerweise als „assimilatorisch" bezeichnete Bestreben der „Rheno-Silesia", Vertretung im Studentenausschuß zu erlangen, wird niemand, der die studentisch-akademischen Verhältnisse auch nur einigermaßen kennt, in obigem Sinne deuten. Es ist für jede Verbindung, die den andern Verbindungen gleich geachtet sein will, selbstverständliche und notwendige Voraussetzung, im Ausschuß der Studentenschaft vertreten zu sein, aus dem einfachen Grunde,- weil nur-diese vertretenen Verbindungen in akademischen Kreisen als vollwertig gelten. Die Rheno-Silesia fühlt sich als K. C.-Verbindung mit Recht verpflichtet, die ihr zustehende Gleichberechtigung mit sämtlichen andern Korporationen auch in äußerlich erkennbarer Weise zu erkämpfen. Der Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung für Deutschland stellt uns mit der Bitte um Abdruck ein Schreiben des Herrn Haus Block, Berlin, in dieser Angelegenheit zur Verfügung, das wir unter Weglassung einiger Stellen, die nicht für die Veröffent-. lichung bestimmt sind, mitteilen: „Mit Bedauern-' habe ich gesehen, daß die letzte Nummer der „Welt" (Nr. 30 vom 31. Juli Oö) einen in der Form gehässigen, in der Sache selbst unberechtigten Artikel gegen den K. Cim allgemeinen, die Rheno-Silesia im besonderen brachte. Was die Redaktion dazu veranlaßte, ist mir unverständlich; der betreffende Vorgang liegt überdies, soviel ich weiß, "ungefähr ein halbes Jahr (oder noch länger) zurück.- Der Redaktion der „Welt1' dürfte es nicht .unbekannt sein, daß den K. C.-Korporationen eine große Anzahl organisierter Zionisten angehören; umsomehr wäre es ihre Pflicht gewesen, diesen Angriff zu unterlassen. Ich möchte Sie ferner daran erinnern, daß der jüngste Dele- Äiertentag eine Resolution angenommen hat, in dem er sich prinzipiell für ein Zusammenarbeiten mit den andern jüdischen Organisationen ausgesprochen hat. Es ist daher Pflicht der Parteigenossen, sich aller gehässigen Provokationen zu enthalten." (Wir haben hierzu folgendes zu bemerken: Wir sind nicht der Ansicht, daß die Form unseres Aufsatzes die Bezeichnung .gehässige Provokation" rechtfertigt. Auch in der Sache selbst können wir nicht zugeben, daß unser Standpunkt nicht gerechtfertigt ist. Die Tatsache, daß der Deutsche Deiegiertentag sich für ein Zusammengehen mit den andern jüdischen Organisationen ausgesprochen hat, ist uns bekannt, kann uns aber nicht hindern, unseru nationalen Standpunkt gegenüber Mißständen von prinzipieller Bedeutung zum Ausdruck zu bringen. Wenn tatsächlich den K. C.-Korporationen eine große Anzahl organisierter Zionisten angehören, können wir nur lebhaft bedauern, daß es diesen Gesinnungsgenossen nicht möglich war, ein Vorkommnis, wie das von uns glossierte, zu verhindern. Die "Redaktion)