Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-08-21 · 33 (21.8.1908) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
33 (21.8.1908)
Date
1908-08-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316330--50957-3378419
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE ELT KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6 \s/ ERSCHEINT JEDEN FREITAG : ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XII. JAHRG. KÖLN, 21. Angust 1908 pTirfc E&nn'ft DN DIE JAHRESKONFERENZ Unsere letzte Jahreskonferenz hat ein gutes Stück Arbeit vollbracht. Eine Reihe von Bewilligungen für grundlegende palästinensische Zwecke, die Begründung eines Palästina-Kulturfonds u. dgl. bilden die sichtbarsten Resultate der Verhandlungen und der Be-. Schlüsse. Die Praktiker nach dieser Richtung können mit Recht behaupten, man habe nicht umsonst gearbeitet. Zwar unternimmt man keine welterschütternde Gründungen, aber man schreitet doch langsam vorwärts. Man ist vorsichtiger, man hat mehr Erfahrungen, die Schlagwörter genügen nicht mehr. Die zionistische Arbeit palästinisiert sich sozusagen immer mehr: wir haben schon um und um lauter Palästinenser und nicht nur Palästinenser, 'die soeben aus Palästina angekommen, sondern auch manche andere, die Palästina . besucht und sich dort eine Meinung über diese oder jene Frage gebildet haben. Die Dinge lassen sich in diesem fortgeschrittenen Stadium nicht mehr durch einen volltönigen Ausruf: „Realarbeit" lösen. Man geht den Dingen mehr auf den Grund. Die letzte Jahreskonferenz stand nicht nur unter dem Zeichen: Palästina, sondern auch unter dem Zeichen: Türkei. . Begreiflicherweise reagieren wir jetzt im höchsten Grade auf die Ereignisse, auf die Möglichkeiten und Hoffnungen, die die neuen Entwicklungen im osmanischen Reiche mit sich gebracht haben. Kein Wunder,' daß sich eine- Stimmung regt, die zu einer Stellungnahme drängt. Man möchte -gerne unter die aktiven Faktoren treten und; nicht nur in abwartender Stellung verharren. Es ist unangenehm, untätige Zuschauer von Ereignissen zu sein, die die größte Bedeutung für unsere Zukunft haben. Die Einen erachten es für gut, eine Organisation zur Wahrnehmung unserer Interessen zu schaffen, die Anderen — für eine jüdischnationale parlamentarische Vertretung zu sorgen, und noch Andere — von der soeben eingeführten Preß- .. freüieit Gebrauch zu machen. Diese Stimmung ist zweifelsohne psychologisch berechtigt, aber auch in unserer, eigenen Mitte können die leitenden Kreise nicht in aller Hast sich von Tagesströmungen treiben lassen. Wir sind alle gleich enthusiastisch, wir sind alle Volksmänner und wir stehen im Kontakt mit den Massen; wir haben keine „Regierung* und kein „Volk",- keinen „Offizialismus" und keine „öffentliche Meinung" als getrennte Begriffe. All diese Worte, die man auch unter uns so oft gebraucht, sind nur ganz euphemistisch aufzufassen. Aber eins muß zugegeben werden: die Leiter der Institutionen müssen mehr Verantwortungsgefühl haben, als die Anderen; sie müssen auch mehr Vorsicht üben und mehr Ruhe behalten. . Es unterliegt keinem Zweifel, daß angesichts der Neugestaltung der Verhältnisse in der Türkei der. Zionismus in eine neue und wie wir hoffen günstige Entwicklungsphase tritt. In wenigen Monaten tritt ein türkisches Parlament zusammen; unsere Bewegung tritt einer neuen gesetzgebenden Körperschaft gegenüber, die bisherige diplomatische Aktion muß in eine parlamentarische umgewandelt werden. Andere gehen in ihren politischen Prophezeiungen noch weiter: die Türkei habe jetzt ihre Selbstemanzipation durchgeführt, es liege deshalb kein Grund vor, andere Großmächte noch in den Kreis der Kombinationen zu ziehen. Und mit jedem Tag mehren sich die Interviews: der eine Jungtürke hat dies, der andere jenes gesagt. Daß all diese Hypothesen, Aussichten, Befürchtungen und Hoffnungen auf die zionistischen Gemüter wirken, daß sie einen Wiederklang in den Debatten fanden, ist selbtverständlich. All diese Gedanken liegen so nahe, daß sie sich nicht nur jedem journalistischem Anfänger, aber auch jedem Zeitungsleser aufdrängen. - Es genügt auch nur etwas Kritizismus dem eigenen Gedanken gegenüber, um sich zu sagen, daß all diese Ver* mutungen einem jeden klar und zugleich auch nicht absolut sicher sind, und daß es noch jetzt verfrüht ist — wie es im Berichte heißt —.Horoskope zu stellen. Die Jahreskonferenz hat denn auch, nach Anhörung sämtlicher Redner, kein Horoskop gestellt, aber trotzdem hat sie ihren Standpunkt im Prinzip präzisiert. Man kann kaum etwas mehr oder etwas weniger von dem sagen, was im Jahresbericht steht. In einem konstitutionellen Staate, wie es die Türkei werden soll, werden wir die wichtigsten rechtlichen Grundlagen nicht erst auf dem Aushahmewege schaffen müssen; sie werden durch die Grundgesetze gegeben. Was ferner noch daran fehlen wird, die weitern Möglichkeiten einer Selbstverwaltung, werden wir in loyaler, konstitutioneller l*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.