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Die Welt · 1908-08-07 · 31 (7.8.1908) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
31 (7.8.1908)
Date
1908-08-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Tradition erneuern. Binjomin-Zew hatte sich mit tränenerstickter Stimme vom Stadtrabbiner verabschiedet. Sein langes und bleiches Gesicht vertiefte sich ganz fürchterlich. Er fühlte sich in dieser Gesellschaft so fremd und verwaist — er, „der Sohn der Thora", der im „Bet-haxMidrasch" auf seinem Platze war, empfand nicht nur die Todeswehen seiner Seele, sondern auch die Todeswehen seiner sterbenden Welt. Welwel und Pinie waren in der letzten Zeit so bedrängt und geknickt, daß sie sich nach irgendeiner Veränderung sehnten. Die Frauen weinten, und die Kinder waren willfährig-träge, willen- und bewußtlos. Aus den finsteren Schlupfwinkeln, aus dem Elend und der Not wurde eine menschliche Gesellschaft herausgerissen. Sie hatte sich aus ihrer Geburtsstätte und aus dem Schutthaufen herausgerissen und begab sich auf die Wanderung. Ein schmerzerfülltes kleines Weltchen wanderte durch eine große, fremde Welt. Welke, dürre Knochen wälzten sich, wirre Barte flatterten in der Luft, Kindergewinsel drang weiter und weiter in eine Welt, die voll war fremder, sonderbarer Leute. Eine Karawane wandernden, versteckten Elends. Schmul-Aron verbarg sein ausgestochenes Auge. Man verbarg die Kinder mit den krummen Beinchen: Man beschattete Binjomin-Zew mit dem großen Schmerz auf dem Gesicht. Man reiste und drückte sich mit gebrochenem Herzen und mit Jener schlauen Verschmitztheit, die die Not der Jahrhunderte geschärft hat. Die Fetzen flatterten in der Luft wie Fledermäuseflügel. Ein brennendes Gift biß und bohrte sich in das Herz Schmul-Arons. Binjomin-Zews Kopf platzte schier von dem Geheul der Kinder. Alles konnte er ertragen, nur kein Kinderweinen. In Deutschland schauten die Träger der Pickelhauben mit so kalten und strengen Augen diese sonderbare Gesellschaft an. Aber Groinem durchbrach alle Schranken. Die Hemmnisse mochten noch so groß und noch so unüberwindlich sein, — er fand immer einen Ausweg. Mit den Hindernissen stieg seine Energie. Verstand er doch mit der Polizei in ihrer Sprache zu sprechen. Bald zeigte er Dokumente, bald flehte er, überall drang er durch. Sogar Chaim'l Kaplan, der „tüchtige Kerl" der polnischen Edelleute und Bauern, stand ganz unbeholfen da. Er konnte sich in dieser fremden Welt, in der Mitte so vieler fremder Dinge nicht zurechtfinden. Auch der heilige Geist Binjomin-Zews war ganz verschwunden. Wie vielemal hatte er schon nicht zur rechten Zeit gebetet, wie vielemal hatte er nicht in ein Sefer (Buch) hineinschauen können, — er konnte einfach nicht leben. Er hatte aufgehört, Mensch zu sein. Seine Worte waren kaum halbe Worte; seine Bewegungen waren gebrochen. Was im Tiefsten der Menschenseele steckte, schrie ringend auf: Das Bedürfnis nach einem Stein, den Kopf daraufzulegen; die Unmöglichkeit, inderLuftzu schweben. Da kam ein Moment, indem diese Gesellschaft aufgerüttelt wurde. Eins der krummbeinigen Kinder war schwer erkrankt. Die Bestürzung hatte alles aus den Fugen gebracht. Der Fall ereignete sich vor Rotterdam. Die Gesellschaft lief Gefahr, den Dampfer zu versäumen. Man war gezwungen, unterwegs kurze Rast zu machen. Das Kind starb. Ganz ohne Opfer geht ein solcher Kampf nicht vorüber. Im schwarzen Nebel sah man das marmorweiße GesichtBinjomin-Zew's, das Gelehrtengesicht! Er hatte selbst entschieden, daß er nicht „sieben Trauertage" sitzen müsse. Wird er doch nicht in Deutschland an einen Rabbiner eine Frage darüber richten. Er überwand sich selbst mit eigener Kraft. Das Geräusch eines von einem Baum herunterfallenden Blattes. Der Baum blieb. Ein Kind wurde entrissen. Der Glaube kam und-sagte: Das war Bestimmung. Und die Reisegesellschaft setzte die Wanderung fort. Schon war sie in Rotterdam. Die Seereise von Rotterdam glich den Grabestorturen (Chibut ha-Kewer), wie sie die jüdische Sage schildert. In einem Winkel des Zwischendecks lagen alle, wie die Schafe, während eines Sturmes zusammengepfercht. Mit entstellten Gesichtszügen, die meisten seekrank, stumpf, trübsinnig, bewegungslos, ein Knäuel. Bewegungslos in einer Brandung im stürmischen Gepolter, daß sich Gott erbarme! Als ob alle sieben Himmel und die Tiefen der Abgründe zusammenstürzten. Und da war auch kein einziger Stern, die Wolken hingen wie Blei, kein Lichtstreifen durchdrang die graue Decke, — Sturm, Sturm, Sturm! Alle Würgengel und alle Gespenster der Hölle schleuderten die dürren Menschenknochen, daß sie knackten; die Glieder schlugen aneinander, die Gelenke wurden locker, in den Köpfen ward es wirr und wirrer, — die Menschen spien ihre Galle aus. Die Minuten wurden lange wie die Jahre, die Tage glichen den Nächten, — alles umwehte ein dichter -Schleier der Verzweiflung. Die Frauen lispelten leise; sie zwitscherten wie die wunden Vögel. Die Kinder sahen ganz verstümmelt aus und wurden wie die Fische, die unter dem Meer zappeln, hin- und hergeschleudert. Binjomin-Zew war ganz außer sich. Er hatte seine Thora vergessen, — der Ärmste! Eine trübe Erinnerung aus dem Talmud, daß „Chanania und seine Schule das Leiden liebten" dämmerte, in seinem matten Geiste. Schmul-Aron glaubte die Räuber zu sehen, die ihm das Auge ausstechen. Zuweilen kam es ihm vor, als ob er im tiefen Schnee im Walde hin- und herstapfte und als ob ihm das Blut in den Adern erstarrte Chaim'l Kaplan wähnte, er müsse mutvoll vorwärts marschieren, — da hetzten aber die Edelleute alle Hunde gegen ihn, und er scheute zurück. Die Witwe Dwoire schlug sich auf die Brust und lispelte das Bußgebet. Ihre Augenhöhlen waren tief und leer; das Herz war schwer, und keine Träne entrang sich der drückenden Qual. Zuweilen erinnerte sie sich der Tochter, die sie erwartete, da huschte über das schmerzgefurchte Gesicht etwas wie ein heiterer Strahl. Hersch-Leib träumte, er sei, während einer im Städtchen wütenden Pest, bei einer Trauungvon Krüppeln auf dem Friedhofe*). Da entstiegen die Toten ihren Grüften und wallten wie Hochzeitsgäste herum. Er wollte seine Stimme erheben und etwas singen, aber die Stimme blieb ihm in der Kehle stecken. *) Ein Volksbrauch kabbalistischen Ursprungs zum Schutz gegen die Pest.

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