Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 30 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DI E ELT KÖLN AM RHEIN,KAROLINGERRING 6 \g/ ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XII. JAHRQ Köln, 31. Jnli 1908 p-nrfc t&nnJe< "y No. 30. □ □ REVUE DER WOCHE □ □ . Die große Umwälzung, die in der verflossenen Auf der Wacht (S) Woche in den türkischen Regierungsverhältnissen Platz gegriffen hat, begegnet in unseren Herzen der größten Sympathie. Es ist natürlich, daß.wir den lebhaftesten Anteil an den Geschicken eines Staates nehmen, der seine jüdischen Untertanen stets inder gerechtesten und wohlwollendsten Weise behandelt und für,die Not unseres Volkes immer ein so warmes Verständnis, gehabt hat. Eine repräsentative Regierung ist gewiß eines der rechtmäßigen Bedürfnisse unserer Zeit, und kein Volk ist von dem Gefühle dieser Notwendigkeit mehr. beseelt. als das unsrige. Dasselbe können wir von dem Recht, und der Freiheit behaupten. Wir wollen :das Recht und die Freiheit für uns und die andern. Je stärker und sicherer der Ordnungsstaat wird, desto höher steigt unsere' Hoffnung; die Anerkennung unserer gerechten, wirtschaftlichen und kulturellen Bestrebungen in Palästina zu erlangen. Als zionistische Organisation, die ihren kolonisatorischen Zweck verfolgt, liegt uns der Gedanke , fern, in fremde Politik richtunggebend einzugreifen. Aber wir gefielen uns niemals, in der Rolle von Speichelleckern, und .Byzantinern, die überall geschäftig sind, wo, es gilt, mit wohlfeiler, die Selbsterniedrigung widerspiegelnder Phrase dem politischen Götzen des Tages zu huldigen. Wir .sind jüdische Realpolitiker. Der. Unterschied zwischen uns und unseren Stammesgenossen, die allgemeine .Politik machen, besteht darin, daß letztere -sich .den allgemeinen liberalen, sozialen oder emanzipatorischen Bestrebungen widmen, mit Hintansetzung undUnterordnung spezifisch- : jüdischer Interessen, oder — in der Hoffnung, diese durch allge-j meine Reformen einer günstigen Lösung, entgegenzuführen, während wir, unmittelbar unsere Interessen:' wahrnehmen und verteidigen . wollen. Ist ja das,, was wir in Palästina für uns erstreben, seinem Wesen nach dieselbe Schaffung von Rechtsgarantien, die den Kern der konstitutionellen Bestrebungen: bilden, ist ja auch unser Ziel keine Märchengestaltung einer verworrenen Phantasie,- von dem realen Entwicklungsgänge der . Geschichte losgelöst, sondern ein modern-kulturelles Programm bezüglich eines Teiles des türkischen Reiches. . Unser Programm ist zu sehr: unser Eigentum, :zu sehr ein /Produkt unserer Geschichte, zu. sehr .ein Erfordernis unserer Lage, ate daß es von dieser oder jener Regierungsform abhängig gemacht werden: könnte. Wir haben .der. alten Regierung, unseren. Gedanken •näher zu bringen gesucht, und wir werdei-ihn mit Festigkeit und Ausdauer jedem neuen Regime gegenüber .vertreten. Denn wir vertreten eine gute und nützliche Sache, den Herrschern wie den Beherrschten, den Altwie den Jungtürken, gegenüber. Wir müssen beständig auf der Hut sein und uns beständig einem harten Kampfe für unsere Existenz, für die Erhaltung unserer Kultur und für die Verteidigung unserer Position in Palästina unterziehen. . Hatte der mächtige Herrscher der Osmanen und hatten manche hervorragende Vertreterseiner Regierung auch früher ein. wohlwollendes Verständnis für unser Bemühen, uns ein Heim auf .dem historischen Boden Palästinas durch eigenen Fleiß und durch eigene Opfer zu erbauen, so wird sich dieses Verständnis mit dem Anbruch einer liberaleren Ära noch bedeutend steigern müssen. Unter allen Umständen werden wir unsere loyalen Ansprüche geltend machen', aber nicht, etwa in unreifer Heftigkeit und unweiser Übertreibung, sondern mit Selbstbeherrschung und besonnenem Zusammenwirken aller dazu berufenen Faktoren: der Loyalität der türkischen Regierung und dem türkischen Volke gegenüber, der Unterstützung der Mächte und der eigenen Institutionen. Vorzeitig, wäre der Versuch, im vorliegenden Falle sich mit dieser oder jener Partei zu identifizieren.. Das wäre Assimilationspolitik. Wir haben unser Ziel und unser Programm, — das Allgemeine interessiert uns nur insofern, daß wir uns danach einrichten müssen. Ob die Ereignisse diesen oder jenen Lauf nehmen, ob die Regierungsform so odter anders sich gestaltet, — wir wissen, was wir wollen, und müssen stark, selbstbewußt, unbeugsam und ungebeugt unserem Ziele zu- streben. Die neue liberale Ära kann in dieser Beziehung nur günstiger sein, Diese Pflicht gilt, für uns jetzt noch mehr als je. Sollte ein nationaler Wetteifer entstehen, so müssen wir bereit sein, unsere . einzige gute Sache,, die einzige, die an keine politischen Abenteuer geknüpft ist, die einzige, bei der sich nicht gierige Hände ausstrecken, einzelne, zerfallene Stücke an sich zu reißen, dieeinzige, die rein-human und rein-kolonisatorisch ist, mit Takt und mit Geschick zu vertreten. Wenn wir sehen, wie die geschichtlichen Erinnerungen, welche in ferne, dunkle Jahrhunderte zurückreichen, aus der Nacht ihrer Vergessenheit hervorgesucht und zu aktuellen, für die Gegenwart maßgebenden Tatsachen aufgebläht werden, , dann tritt unser geheiligtes historisches Recht lebendig in den Streit der.Tage, frisch und glänzend, das Recht .der Zuflucht und der Heimat. Was wir wollen, ist — ein Arbeitsgebiet und ein.' 1*