Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 29 (24.7.1908)
- Date
- 1908-07-24
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316326--50879-3378335- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Am darauf folgenden Sonntagabend besuchten die oben genannten Herren die Versammlung des Jewish Social Club. Mr. Percy J.- Marks .hielt einen ausgezeichneten Vortrag über den Zionismus, der bei der Versammlung großen Anklang fand. Zionistische Propaganda Die Federation of American Zionists veröffentlicht in den amerikanischen Zeitungen einen Briefwechsel zwischen Mr. James Creelman, Herausgeber der bekannten Revue. „Pearson's Magazine" und Mr. Bernärd .G. Richards, Mitglied des Publikationskomitees der Federation. In seinem Brief spricht sich Herr Creelman nicht eben günstig über den Zionismus aus, den er nur vom philanthropischen Standpunkte aus gelten lassen will, während er den politischen; Zionismus und auch Palästina als Endziel verwirft. Diesen Einwendungen entgegnete Herr Richards in seiner Antwort in . sehr geschickter Weise. Im Anschluß an die Publikation dieses Briefwechsels bemerkt der „American Israelite": „Wie man auch über den Zionismus selbst denken mag, man kann nicht anders als den Eifer, die Ausdauer, die . Energie und die Geschicklichkeit bewundern, mit der seine Anhänger es verstehen, Propaganda für ihre Sache zu machen. Dafür ist der obenstehende. Briefwechsel ein treffendes Beispiel. Mr. Creelmans Brief ist offenbar dem Zionismus ungünstig, nichtsdestoweniger wird er der jüdischen Presse mitgeteilt, weil man annimmt, daß sein Name als Einführungskarte wirkt und daß, was immer auch die Ansicht der Zeitung sein wird, diese ihn doch abdrucken wird. Die einfache Gerechtigkeit verlangt dann, daß Mr. Richards Brief ebenfalls publiziert werde, und auf diese Weise ist eine Gelegenheit gegeben, Argumente für den Zionismus vor einem Kreise von Männern und Frauen vorzubringen, die man sonst nicht erreichen kann. Eine glänzende Idee, so geschickt, daß. der „Israelite" nicht anders kann; als ihr Erfolg zu wünschen aus reiner Bewunderung für die Findigkeit, die daraus spricht." Indem wir uns diesem Wunsche der nichtzionistischen Zeitung vollauf anschließen, möchten wir den zionistischen Organisationen die Bemerkungen, die der „Israelite" an diese Art von Agitation knüpft und die durchaus den Kern der Sache treffen, zur Beherzigung und Nacheiferung wärmstens empfehlen. NACHRICHTEN Bundestag der jüdischen Kultusgemeinden in Kroatien-Slavonien Am 29. Juni 1908 ist ein langgehegter Wunsch der Judenheit Kroatiens-Slavoniens erfüllt worden. Dank der unermüdlichen Arbeit des Präsidenten der Kultusgemeinde in Essek, Herrn Dr. Hugo Spitzer, bekanntlich ein eifriger Zionist und Mitglied des Großen Aktionskomitees, ist an diesem Tage der Verband der jüdischen Kultusgemeinden in Kroatien und Slavonien zustandegekommen. Es hat unendlicher Mühe bedurft, um den 25000 Juden Kroatiens- Slavoniens eine allumfassende Organisation zu geben. Schon vor 10 Jahren tauchte die Idee auf, aber es ist das ausschließliche Verdienst unseres hochgeschätzten Gesinnungsgenossen, unter dessen Leitung auch die Esseker Gemeinde einen bedeutenden Aufschwung genommen hat, daß diese Idee zur Wirklichkeit geworden ist. Durch die Gründung dieses Verbandes, der für die kroatisch-slawonische Judenheit von hervorragender Bedeutung werden dürfte, hat Dr. Spitzer seiner Energie und Begeisterung für alles Jüdische ein bleibendes Denkmal gesetzt Die Verhandlungen fanden am 29. Juni in Agram statt, in Anwesenheit von Delegierten fast sämtlicher Gemeinden Kroatiens- Slavoniens. Die Gründung des Verbandes wurde nach einem groß angelegten Referate Dr. Spitzers einstimmig beschlossen. Nach der beschlossenen Verfassung soll der Verband als Zentralstelle der gesamten Judenheit im Königreiche Kroatien und Slavonien fungieren und ihre und der einzelnen jüdischen Kultusgemeinden 'Interessen fördern und vertreten. Der Verband wird bestrebt sein, auf geeignetem Wege zu erwirken, daß er von Seiten der Kgl. kroat-slav.-dalm. Landesregierung als Zentralorgan und Repräsentanz aller jüdischen Kultusgemeinden im Königreiche Kroatien und Slavonien anerkannt werde, dem die Pflicht obliegt , und das Recht zusteht, den amtlichen Verkehr zwischen der Kgl. Landesregierung und den einzelnen Kultusgemeinden zu vermitteln, sein Gutachten über sämtliche das hierländische Judentum betreffenden Gesetzentwürfe, Verordnungen und Erlasse der Behörden abzugeben^ Anträge zu stellen und sowohl einzeihe jüdische Gemeinden als auch einzelne Juden vor den Verwaltungsbehörden in allen aus der Zugehörigkeit des Betreffenden zum Judentume oder zu einer jüdischen Gemeinde hervorgehenden Fällen zu vertreten. Er will diesen Zweck durch Reorganisation der jüdischen Kultusgemeinden erreichen und dadurch, daß er die Erteilung des jüdischen Religionsunterrichtes regelt. Jedoch soll er in religiösen Fragen nur beratend eingreifen. Dieser Zusatzantrag wurde nach einer längern Debatte angenommen, um den Schein zu vermeiden, als ob der Verband in irgendwelcher Hinsicht einen Gewissenszwang ausüben wolle. Der Verband soll des fernem Institutionen zur Versorgung der Gemeindebeamten., und ihrer Hinterbliebenen, Anstalten für'die Krankenpflege, Waisenerdehung und Armenversorgung sowie zur Hebung der Bildung unter den Juden und der Erziehung der jüdischen Jugend für Gewerbe, Landwirtschaft und technische Industrie schaffen resp. unterstützen. Auch soll der Verband leistungsschwache Gemeinden unterstützen und bei Streitigkeiten als Schiedsgericht fungieren. .. Der angenommene Statutenentwurf soll einem vorbereitenden Komitee zur endgültigen Redaktion unterbreitet werden. Unter Hochrufen auf Dr. Spitzer wurde abends die ereignisreiche Versammlung geschlossen. Antisemitismus in Württemberg Stuttgart: Der politische Antisemitismus ist als selbständige Organisation in Württemberg bisher unbekannt. Er hat seinen Unterschlupf bei der konservativen Partei und dem Bund der Landwirte gefunden und sich da mit einer ziemlich bescheidenen Rolle begnügt. Gelegentliche Ausfälle in der Presse oder in Versammlungen waren die einzigen Lebensäußerungen antisemitischen Geistes. Es hat aber eine Ortsgruppe Stuttgart der Deutschsozialen Partei der Öffentlichkeit ihre Existenz dadurch verraten, daß sie sich den Reichstagsabgeordneten Liebermann von Sonnenberg verschrieben hatte. Allerdings will auch sie scheinbar nur einen ganz latenten Antisemitismus pflegen, von dem nicht gesprochen werden darf; denn weder Liebermann von Sonnenberg noch ein zweiter Redner verloren darüber ein Wort. Die Antisemiten selbst trauen also ihrem Antisemitismus wenig Zugkraft zu. An Stelle des antisemitischen Instinkts war das Nationalgefühl die Saite, auf der gespielt wurde, und das war sichtlich für einen Teil der zahlreichen Besucher eine Enttäuschung. Abg. Liebermann versicherte ernsthaft, daß die Versammlung als Vorbereitung für die Reichstagswahlen veranstaltet wurde. Stuttgart soll also das nächste Mal mit einer deutschsozialen Kandidatur beglückt werden. Wir vermuten aber aus der Anwesenheit mehrerer konservativer Abgeordneten, daß es sich in Wirklichkeit gar nicht um eine Bereicherung unseres politischen Lebens handelt, sondern nur um eine Art Auffrischung für die ihrer Ausschaltung entgegengehende konservative Partei Stuttgarts. Territoriumssuche Nach einer im „Jewish Chronicle" veröffentlichten Mitteilung hat die Jewish Territorial Organisation eine Kommission ausgeschickt, die das Gebiet in Nordafrika untersuchen soll, das Herr -Zangwill bei seiner bekannten Rede in Manchester im Dezember vorigen Jahres als „Das Territorium" bezeichnet hat. Gleichzeitig beschäftigen sich auch die amerikanisch-jüdischen Zeitungen wieder mit der Territoriumssuche. Zunächst erfahren wir wieder von den günstigen Aussichten, die angeblich Mexiko für eine Ansiedelung der Juden bietet. „Nicht Galveston, sondern Vera Cruz müßte der Eintrittshafen für die unterdrückten Juden sein, die aus Rußland und Rumänien fliehen," schreibt der „American Israelite". In derselben Zeitung wird an einer anderen Stelle Deutsch-Südwestafrika als Eldorado für die Juden angepriesen, wobei vielleicht daran zu erinnern ist, daß sich die deutschen.Nichtjuden trotz aller Mühe, die sich die Regierung gegeben hat, bisher ebensowenig dafür begeistern konnten, sich in Deutsch-Südwestafrika anzusiedeln, wie die Engländer es vorgezogen haben, dem schon legendären Territorium in Uganda fern zu bleiben. Auch Australien fehlt nicht auf der Liste der Länder, von denen jetzt in den amerikanischen Zeitungen wieder behauptet wird, daß' man die jüdische Einwanderung bloß dorthin zu lenken brauche, um der Judennot ein für allemal abzuhelfen, wobei der Umstand nicht hindert, daß auch Australien jetzt seine Theoretiker des Antisemitismus hat. Man sieht, das jüdische Volk ist um Territorien wahrhaftig nicht verlegen. Deutsche Palästinabank In der außerordentlichen Hauptversammlung der Deutschen Palästinabank wurde die Erhöhung des Aktienkapitals auf 5 Mill. Mark beschlossen. Dem Aufsichtsrat wurden die Herren Graf Hermersberg und Ernst Hofmann in Berlin zugewählt und mit Rücksicht auf die