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Die Welt · 1897-07-02 · 5 (2.7.1897) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
5 (2.7.1897)
Article
Italienische Plauderei
Date
1897-07-02
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 5. Seile 15. Erde zu schlafen; siebrauchen keine Sessel, sie hocken auf der Erde; sie brauchen keinen Tisch, denn sie haben nichts daraufzusetzen und die Kinder jammern um Brot . . . Bevor ich von Florenz Abschied nahm, besuchte ich noch eine Familie, bestehend ans Mann, Weib und 12 Kindern, die alle zusammen ein elendes Zimmer bewohnen. Die abgemagerten, schmutzigen Gesichter der Kinder erzählen keine lustigen Geschichten. Aber der Vater sagte mir schmunzelnd: „Gestern war Jahrzeit von Nissi! Gott, wie brav ist der Baron! Wenn alle reichen Juden hier so wären und jeder hätte einen Hund und wenn an jedem Tage so ein Hund hin würde — uns wäre geholfen." „Nur Muth," erwiderte ich, „auf alle Fälle hoffe ich, wenn ich im nächsten Jahre wiederkehre, zu hören, daß auch Nissi II zu seinen Vätern versammelt worden ist. Die Trauer scheint das Gemüth eures Barons günstig zu beeinflussen." * * * Was hat die Diaspora aus uns gemacht! Fast immer ist es traurig anzusehen, aber es gibt auch ergötzliche Wahrnehmungen. Und was sagt es uns, wenn in der tiefsten Erniedrigung das jüdische Gefühl unversehens hervorbricht; wenn Einer, den wir schon wegen seiner Charakterlosigkeit verachten wollten, sich Plötzlich aufrichten und sich auf sein Judmthum besinnt. Mir ist unlängst in Nizza so etwas Sonderbares passirt. Ich saß in einem Gartenrestaurant in der Nähe der herrlichen Promenade bei einem guten Gläschen. Zwei Herren ließen sich an meinem Tische nieder. Ich erkannte sie gleich. Die beiden eleganten Herren, sowohl der kleine mit dem breiten Strohhute, wie der Große mit der Busennadel waren Juden. Ich habe das Auge dafür. Mir entgeht keiner! Nachdem sie französisch ihren Trunk bestellt, wußte ich auch bereits, daß sie deutsche Juden waren und es dauerte nicht lange, so wußte ich auch, daß ich „engere" Landsleute vor mir hatte und daß sie sich als Handlungsreisende im Schweiße ihres Angesichtes für allererste Fabrikshäuser abmühten. Es fiel mir auf, daß beide heimliche Anklänge an den Wiener Dialect mit einer gewissen Absichtlichkeit in ihre Aussprache hineinpreßten, und als der Eine ein „Ja" mit hörbarer Anstrengung so herausbrachte, daß das a wie o klang, war ich mir klar darüber: diese lieben Herren schämen sich ihres Judenthums. Ein kleine Strafe konnte ihnen nicht schaden. Die Beiden halten keine Ahnung, daß sie einem waschechten Juden gegenübersaßen. Ich machte ein harmloses Gesicht, brachte das Gespräch in Fluß und kam eiligst auf die Judenfrage. Wie sie denn dieser Frage gegenüberständen? „Hm", brummte der kleinere und fixirte in sichtlicher Verlegenheit eine vorübergehende alte Dame, die plötzlich seine ganze Aufmerksamkeit zu fesseln schien. „Hm," murmelte er dann noch einmal, „Sie begreifen .... Es würde zu weit führen .... Von höherem Standpunkte aus betrachtet". . . . „Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich Wiener bin", fiel da der Herr mit der Busennadel ein, „es wird Sie also nicht wundern, daß ich über die Juden so meine eigene Ansicht habe..." „Mit anderen Worten, Sie sind Antisemit. Scheuen Sie sich nicht, mit der Farbe herauszurücken. Sie sehen in mir einen Gesinnungsgenossen." Ich bemerkte, wie der Kleine sich ein wenig verfärbte und wandte mich jetzt direct an ihn. „Daß die Judengefahr für uns Arier thatsächlich besteht, wird Niemand leugnen wollen," sprach ich mit dem Brustton der Ueberzeugung. „Sie werden gewiß gern zugeben, daß es diesen Kerlen ein Leichtes ist, mit den Unsummen, die in ihren Händen zusammengewuchert sind, der ganzen christlichen Cultur das Messer an die Gurgel zu setzen?" „Hm," ließ sich wieder der Kleine vernehmen (der Große mit der Busennadel hatte durch fortwährendes kräftiges Kopfnicken und durch verschiedene „Gewiß" und „Sicherlich" seine Zustimmung kundgsgeben), „Hm . . . Sozusagen .... Wenn man den Kern der Sache.... es ist so schwer, objectiv.... Wenn man genau...." Und während er diese Worte herausstieß, rieb er beständig nervös seine Stirn und der Schweiß rann ihm über das hochrothe Gesicht. Ach fuhr nun lustig in meinem Geschimpfe fort und jeder Antisemitenhäuptling, der mich gehört hätte, wäre mir gerührt um den Hals gefallen. Als ich endlich, umbraust von ewigen: „Natürlich, selbstredend, ausgezeichnet, sehr gut" zu dem tiefsinnigen Schlüsse kam, es sei unbedingt geboten und ja nur mehr eine Frage der Zeit, daß man die ganze Judenschaft vertreibe, da wischte sich der Klline den Schweiß von der Stirn und mich von der Seite ansehend, murmelte er: „Hm. wenn man die Sache genau betrachtet, so . . hm," und er blinzelte mit den Augen, „hm.... Wollen Sie etwas wissen? Sie sind ein elender Lump . . ." Ich schwieg einen Augenblick überrascht. „Mein Herr," sprach nun der Mann mit der Busennadel verlegen, „Entschuldigen Sie! Mein Freund ist etwas consus, und er machte eine bezeichnende Handbewegung. Sie werden bemerkt haben . . . „Nichts da!" schrie ich und sprang auf. Die Beiden erhoben sich auch. „Keine Gewaltthat, mein Herr!" sagte der Mann mit der Busennadel. „Wissen Sie, was Sie dafür verdienen?" Daß ich Sie — daß ich Sie umarme. Denn ich bin auch ein Jude!" Da war es an dem Manne mit der Busennadel, sich zu schämen. Und der Andere reichte mir die Hand. Mailand, im Juni. Morreschitz. Die Bücherwelt. Jüdische Literatur in Amerika. Die nennte Generalversammlitug der Jewi.sh Publieation »Society in Philadelphia fand am Sonntag den 24. Mai unter reger Betheitignng. besonders der Mitglieder der hiesigen Gemeinden, statt. Der Bericht dieser Gesellschaft ist auch für europäische Leser interessant genug, denn er schildert das rege Wachs' thum des Interesses für die jüdische Literatur, welches sich Tank der unausgesetzten Bemühungen dieser Gesellschaft bei den Juden Amerikas zeigt. Die Gesellschaft zählt 4100 Mitglieder, über die ganzen Bereinigten Staaten zerstreut, welche die Bücher der Gesellschaft laufend erhalten. Im letzten Jahr sind erschienen im Berlage der Gesellschaft: „Jüdisches Leben im Mittelalter von Israel Abrahams, dann „In Colen" von Henrv Pliowizi, unter den zukünftig erscheinenden ein „Essay über den Talmud" von Arsime Darrnesteter, aus dem Französischen übersetzt von Henrietta Szold. Die Einnahmen der (Gesellschaft beliefert sich auf rund 00.000 Mark, die Aufgaben etwa ebenso hoch, während die Gesellschaft über eitlen eisernen Fonds'von ca. 70.000 Mk., verfügt. - „Die goldene Mitte". Alchandlnngen über Jtldetl und Juden thnm betreffende Fragen, besonders über die Evlviüsativn Palästinas. Mordechai EliaS b erg weit. Rabbiner in Baust Kurland) Wa r sch all 1897. (.v>cb m i s ch.) Wenn einer der ailgesehenstelt 9iab0iitcr des altmodischen Ostens die „goldene Mitte" atlempfiehlt, so läßt sich leicht errathen, was ihm anr Herzelt liegt: Die Sorge um die Erhaltung des Judenthnms dlltch Vermeidung der Extreme -ltnd Behebilllg der schroffen (Gegensätze im religiösen Leben. Es klingt dies so ähnlich jener Parole, welche unsere Resormkämpfer vor mehreren Jahrzehnten ansgegeben haben; ähnlich ltnd doch so grundverschieden. Jener Refvrmkampf kannte eben keine „Mitte" zwischen der alten Tradition und dem modernen Leben, lind ihm war das Judenthmn btos Religion, nichts als eine Religionsgeirosseuschaft. Der orthodoxe Autor der tlils vorliegendeil Schrift, scheint an dem Beten und der Symbolik nicht genug zu haben, denn er will wie die von ihm anempsohlene „goldene Mitte" zeigt etwas mehr. Wir Deutschschreibenden würden es vielleicht nicht „Mitte" trennen, sondern vielmehr ein Auskunftsmittel für die Erhaltung des Judenthmns, als einer einheitlichen starken und lebensfähigett Nation; dieses Mittel ist ein radieales, folglich tticht in der „Mitte" gelegenes. Für den Verfasser gilt es als die goldene Mitte dadurch, daß es einerseits seinen östlichen Brüdern den Weg ans dem beschaulichen Leben in den vier Wänden der Talmudschnle in ein reales, auf ehrenhafte Erwerbsfähigkeit sich stützendes Leben bahnt, andererseits den Schwärmern für fremde Nationalitäten das Bewußtsein beibringen soll, daß sie eine eigene Nation bilden, eine Nation mit eigenen ausschließlichen Interessen und eigenen Hoffnungen auf eine heilvollere Zukunft. Dies wäre die von den Propheten mit göttlicher Begeisterung verkündete Erlösung aus dem „Golus", die Sammlung der über den ganzen Erdball verstreuten Kinder Zions und ihre Rückkehr in das geliebte Land der Väter, das niemals aufgehört hat „Erez Israel", das Land Israels zu heißen. Der Verfasser ist Z io n i st, und er sieht die einzige Hoffnung des Judenthnms auf ewigen Bestand und Fortdauer im Zionismus, in welchem sich alle Juden, orthodoxe unb fortgeschrittene, die örtitbc reichen sollen. Die Frommen sollten die Mirhilse ihrer Brüder, die nicht mehr atts religiösen, sondern blos n a t i o u a l e tt Motiven mitthun wollen, nicht znrückweiseu; sie mögen bedenken, daß religöse Meinungsverschiedenheiten mit dem politischen und nationalen Leben irgendeiner Nation irichts ztt thnn haben. Die

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