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Die Welt · 1897-07-02 · 5 (2.7.1897) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
5 (2.7.1897)
Article
Italienische Plauderei
Date
1897-07-02
Page
14 (sequence 1)
Language
German
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Seite 14. JPkfcWdf Nr. 5. Jeurt'l'eton. Italienische Planderei. Ter Zufall hat es gewollt, daß ich „nicht jüdisch aussehe" und dumme Kerle haben mich oft genug damit geärgert, wenn sie mir das als „Schmeichelei" sagten. Auch hier haben mir Italiener, die sich ans ihren Scharfblick etwas einbilden, gesagt: „Mji si veile subito — Lei e Tedesc-o.“ Und als ich kaltblütig meinte: „Tedeseo? Io sono Ebreo!“, da zogen sie verwundert ab, zogen sich auch oft zurück, denn auch hier gilt es als keine besondere Ehre, Ebreo zu sein, und wenn der Italiener betheuern will, er sei kein Gauner, so entringt sich seiner Brust der entrüstete Ruf: „Ich bin doch kein Jude!" „Kon sono mica un Ebreo!“ Nichtsdestoweniger haben natürlich auch hier die Juden den Chauvinismus gepachtet, und wenn ihnen einer erklären wollte, daß sie vielleicht doch keine directen Nachkommen von Cassius und Brutus sein könnten, so würden sie sehr verwundert dreinschauen, und dann vielleicht grob werden. Die nationale Erziehung unserer Leute ist noch nicht vollendet. Als ich jüngst einer jüdischen Dame, einer bekannten Sängerin, die gegenwärtig ohne Engagement und daher etwas gedrückter Stimmung ist, die Gedanken Dr. Herzlos auseinandersetzte, sah ich vor mir eine wahre, ungekünstelte Begeisterung aufkommen. Die Dame ist eine Florentinerin und sprach viel und mit Liebe von der Noth und dem Elend der toscanischen Juden und mit großem Hasse von den reichen, mächtigen Judenfamilien, die ihre Stammesgenossen von sich abschütteln und ihr Geld auf unsinnige Weise vergeuden. Der Gedanke des Judenstaates, meinte sie dann, sei wohl sehr schön, ob er aber je zur Ausführung gelangen werde? Sie glaube nicht. . . Worauf ich ihr ärgerlicher, als es die Galanterie gestattet, anwortete: „Ich mache Ihnen mein Compliment, Signora. Mit bewunderungswürdigem Scharfsinn haben Sie herausgefunden, daß es dort noch kein Engagement gibt." Sie vernichtete mich mit einem Blick und rauschte davon. Aber als ich sie nach einigen Tagen wiedersah, lächelte sie versöhnt und meinte, die Sache gefalle ihr trotz meiner Grobheit und obwohl es noch keine Opernstagione gebe in der schönen und berühmten Stadt Jerusalem. Ich war ganz froh. Denn wir müssen die Frauen für Zion gewinnen, meine lieben Freunde. Das ist unendlich wichtig. Und jede Frau, die das Herz auf dem rechten Fleck hat, ist für den schönen Gedanken der Nation zu begeistern. Durch sein Leiden spricht unser Volk eindringlicher zum Sinn edel veranlagter Frauen, auch wenn sie nicht unserem Stamm angehören. Ein merkwürdiges Beispiel dafür ist hier die gute Frau Oresici, mit der ich oft plaudere. Sie ist sechzig Jahre alt. Sie war Christin und trat zum Judenthum über, nur ihren geliebten Federico zu heiraten. Federico ist schon lange todt. Jedesmal, wenn sie von ihm spricht, stehen ihr die Thronen in den Augen und sie erzählt, wie glücklich sie 26 Jahre zusammengelebt hätten; ihr Mann sei ein großer jüdischer Gelehrter gewesen und so gut und brav und fromm. Und sie erzählt, wie sehr er die Gebote Gottes geachtet habe und wie schön er den Seder gegeben. Und auch sie ist eine sehr fromme Jüdin geworden. Sie betet hebräisch und versteht, was sie betet. In der Synagoge ist die kleine Frau mit dem blassen Gesichtchen eine wohlbekannte Figur und der Rabbiner unterhält sich gern mit ihr. * * Im Allgemeinen ist unsere Synagoge ziemlich verödet. Die Juden haben keine Zeit in den Tempel zu gehen. Geschäfte, Sport, Soireen, Theater und tausend Anderes nimmt sie wirklich zu sehr in Anspruch. Sie stehen mitten drin in der „Gesellschaft" und wer keine zu feinfühlige Haut hat, fühlt sich da auch ganz wohl. Nach und nach haben diese Herrschaften dadurch auch gänzlich das Gefühl verloren, daß sie in Jtalen eine ganz besonders günstige Stellung im Vergleiche mit den Juden anderer Staaten einnehmen. Daß sie hier überall Zutritt haben, sich sogar auf Ministerfauteuils breit machen können, das wird alles als selbstverständlich hingenommen, als so natürlich ... Wenn man erfahren will, wie gut es die Juden im Lande der Päpste haben, muß man sich mit einem Christen unterhalten. Daß man auf die Oesterreicher hier nicht sonderlich gut zu sprechen ist, weiß Jeder. Wenn ein Italiener also das Wiener Antisemitentreiben verurtheilt, so mischt sich auch ein gut Theil erbangesessenen Hasses darein. Den Sturmschritt, mit dem der schönste Mann Wiens in seine jetzige Position vorgedrungen ist, begreift ein solcher nicht recht. Aber in Oesterreich sei ja alles möglich. Damit erklärt er sich auch den dortigen Judenradau. „Da sind wir Italiener doch andere Kerle", meint er dann. Wenn ein Jude gute Soupers gibt, lassen sich auch Christen von ihm einladen, und wenn ein Judengeschäft billigere Preise macht, kaufen dort auch Christen. Und das genügt. Die Juden fühlen sich dabei sehr wohl und sind so nobel geworden, daß sie sich stöhnend die Ohren zuhalten, wenn jemand von den polnischen Juden spricht: „Was gehen uns diese Leute an? Wenn Ihr Nationaljuden seid, so seid froh, daß es uns hier so gut geht und stört unsere Kreise nicht!" Ja, wir sind froh, daß es Euch gut geht, herzlich froh, und wir wollen Eure Kreise nicht stören. Aber wir danken Gott für die Leiden und Martern, mit denen er unser armes Volk durch Jahrhunderte heimgesucht hat. Wendet sich der Jude, wenn ihn ein kleiner Sonnenstrahl des Glückes trifft, von seinem Volke, dann war das Blut unserer Väter, von ihren Feinden vergossen, der Kitt, der die Nation zusammengehalten hat. und durch Plünderung, Mord, Todschlag und Scheiterhaufenschein leuchtet ein stolzer, göttlicher Wille und eine beglückende Hoffnung. * Die Juden in Florenz haben übrigens jetzt ihre ganze Hoffnung auf einen Hund gesetzt. Sie lächeln? Allen Ernstes! Und ihre Hoffnung geht im Speciellen dahin, daß dieser gesegnete Hund je eher je lieber — verende. Dieser Hund gehört nämlich ihrem größten Wohlthäter und es hat damit eine curiose Bewandtniß. Das Hündchen — Risst mit Namen — ist so putzig und herzig, daß man ihm gerne einige kleine Ungezogenheiten verzeiht. Wer sollte dem lieben Kerl z. B. übelnehmen, daß er das Nießen und Schneuzen nicht vertragen kann und dem Unglücklichen, der in seiner Gegenwart den Reizen seiner Nase nachgibt, wüthend an die Waden fährt? Wollen Sie es dem herzigen Schwerenöther übelnehmen, wenn er eine Menge Launen hat? Seinem Herrn ist er aber auch an's Herz gewachsen und der gute Mann hütet „Klein Nissi" wie seinen Augapfel. Und die armen Juden möchten das Thier am liebsten heimlich vergiften. Wie das kommt? Wenn Sie einmal nach Florenz kommen, versäumen Sie ja nicht, das Palais des Millionärs aufzusuchen. Drücken Sie dem Portier ein paar Silberlinge in die Hand, so wird er sie in die prächtigen Gartenanlagen führen. Er wird ruhig und gelassen unter den Palmen vor Ihnen herwandeln und Sie nach der berühmten Laube führen, wo sich das von einem der ersten italienischen Bildhauer ausgeführte Marmordenkmal erhebt — und unter diesem Denkmal ruht Risst I, der Vater des jetzigen Günstlings. Als ich an seinem Grabe stand, da lüftete ich unwillkürlich den Hut. Der da unten ruht, hat eine heilige Mission auf der Welt gehabt, und sein Tod bedeutet eine Epoche in der Geschichte unserer armen Brüder in Florenz. Alljährlich, wenn der Sterbetag Nissig wiederkehrt, herrscht große Freude in der Gemeinde. Da kommen sie daher in dichten Schaaren, diese unglücklichen Gestalten und halten die Hand hin. Und der trauernd Hinterbliebene steht dort, ernst und feierlich und vertheilt die Soldi aus dem Sacke, den sein Diener neben ihm hält. Und er vertheilt auch Nahrungsmittel und Wäsche, sogar Einrichtungsstücke, Tische, Stühle, Betten re., obwohl er weiß, daß all das innerhalb der nächsten acht Tage um wenig Geld verkauft wird. Denn die Leute brauchen kein Bett, sie sind gewohnt, auf der

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