Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1897-07-02 · 5 (2.7.1897) · p. 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
5 (2.7.1897)
Article
Hurrah-Nationalismus
Date
1897-07-02
Page
6 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315710-3315715-3378173--00396-3378268
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite G. Nr. 5. Schichte unerbittlicher Mittelmäßigkeiten, von der ich eingangs sprach, thut cs nicht bona Me, um die Höheren irrezuführen. Mögen sich diese doch die Leute ansehen, von denen sic sich foppen lassen. Kerle, die mit ihren Anschauungen, Gefühlen, Wünschen, Handlungen im vorfintfluthlichen Zeitalter stecken, die keine Ahnung haben von dem großen heimlichen Weltbrand, der jetzt unter den europäischen Nationen sein läuterndes Werk begonnen hat; Quatschköpfe, bei denen ein moderner Mensch auch nicht im entlegensten Hirnwinkelchen ein Stück Seelenvcrwandtschaft entdecken kann, rülpsen etwas von Rückschritt, Anachronismus, Culturwidrigkeit, antisocialem Wirken — und fernvstehende Männer von wirklicher Bedeutung, die sonst mit diesen Jämmerlingen nichts zu - thun haben wollen, gehen ihnen auf den Leim und besorgen ihre Geschäfte. Das ist eine Ungeheuerlichkeit, wie sie eben nur dem unglückseligen jüdischen Volke passiren kann. Aber sie muß eine Ende nehmen. Die Adler Europas gehören nicht an die Seite seiner Eulen und Gimpel. Der Congreß. An erster Stelle besprechen wir die Umstände, welche die vorbereitende Commission veranlaßten, den Congreß von München nach Basel zu verlegen. Bei dieser Gelegenheit wurde auch einem vielfach geäußerten Wunsche von Gesinnungsgenossen Rechnung getragen und der Beginn des Congresses vom 25. August auf den 29. August verschoben. Beinahe gleichzeitig soll nämlich in Moskau der Internationale Medicinische Congreß stattfinden. Einige hervorragende Zionisten, die sich am Moskauer Aerztetag betheiligen wollen, hätten auf den Besuch des einen oder des anderen Congresses verzichten müssen. Da der Zionisten- Congreß nun schon verlegt wird, so wird er auch um einige Tage verschoben. Die Stadt Basel wurde als Congreßort gewählt, weil gegen sie im Osten Europas keinerlei Borurtheil besteht und weil sie ein vorzüglicher Verkehrsmittelpunkt für die Congreßbesucher der verschiedenen Länder ist. Diejenigen, die nach München kommen wollten, werden nicht viel größere Opfer an Zeit und Geld b.ingen müssen, um nach Basel zu geheu. Die Redaction dieses Blattes wird bereitwillig Auskunft geben über die beste Eintheilung der Reise, die Kosten u. s. w. Schon Mitte August wird ein Bureau des Congresses in Basel etablirt sein und für die Unterkunft der Congreßbesucher auf Verlangen Vorsorge trefft n Das Nöthige wird rechtzeitig in diesem Blatte verlautbart werden. * -st * Der Congreß wird demnach am 29. 30 und 31. August dieses Jahres in Basel abgehalten werden. -st Alle Versuche, die von unseren Gegnern unternommen wurden, um den Congreß zu schädigen, werden zu weiter nichts gedient haben, als dazu, daß sich die Sympathien der Unbefangenen dem bekämpften Congresse zuwenden. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, daß dieser Congreß, der unter der Controle der gesammten öffentlichen Meinung tagen soll, eine Nothwendigkeit ist — die Mittel und Mittelchen unserer Gegner haben den Beweis dafür erbracht. Und jetzt sollen die echten Zionssreunde ^jn aller Welt dahin streben, daß dieser Congreß sich zu einer stattlichen, würdigen Kundgebung gestalte. Wir hegen die feste Hoffnung, daß unsere loyalen Bestrebungen die Aufmerksamkeit und das Wohlwollen der weitesten Kreise Hervorrufen werden. PZer ein Interesse daran haben mag, daß diese friedliche Vereinigung im Vorhinein herabgesetzt und verdächtigt werde, das wird man bald erkennen. * * * Von unserem Freunde Dr. Lippe erhalten wir aus Jassy die folgenden Mittheilungen: „Die Großloge der Bnei Berith in Rumänien beschloß auf ihrer Generalversammlung in Bukarest, sich am Zionisten-Congrefse durch zwei Delegirte vertreten zu lassen. Als solche sind gewühlt worden der Großlogenpräsident Dr. Stern und Josef Brociner. Die Wahl ist auf die richtigen Männer gefallen. Diese Beiden arbeiten von jeher unermüdet im Interesse, der Juden, wenn auch blos der rumänischen. Zionisten in unserem Sinne sind diese Herren nicht, aber auch die Gesellschaft, welche sie vertreten, hat ebenso wenig zionistische Tendenz. Uns wenigstens ist die Stellung der Benei Berith-Logen der zionistischen Bewegung gegenüber noch so gut wie unbekannt. Denn wohl fördert diese löbliche Gesellschaft überall die Interessen der Juden, ihre Wohlfahrt, ihren materiellen und geistigen Fortschritt, aber blos im Sinne echt jüdischer Humanität, noch nicht die jüdisch-nationalen Interessen. Herr Brociner äußerte sich mir gegenüber, er werde sich, sobald die Frage der jüdischen Gemeinden mit der Regierung gelöst sein wird, an die Spitze des Zionismus in Rumänien stellen. Herr Brociner ist eine wünschenswerthe Acqnifition für unsere Sache. Besondere Bedeutung hat für die Benei Berith der Zionismus in Rumänien schon dadurch, daß die Auswanderung der Juden hier ununterbrochen fortdauert, und da die Verhältnisse für rumänische Auswanderer in Amerika sich verschlechtert haben, so wäre ein anderer Ort, sei es Palästina oder ein anderer unter hoher Vormundschaft, sehr zu wünschen. Für uns Zionisten hingegen liegt hier die Aufgabe, dieser Masse von Auswanderern, welche nicht das jüdisch-nationale Bewußtsein, sondern die Noch und die Vis a tergo aus dem Lande treiben, eine jüdisch-nationale Richtung zu geben." * * * Das Landescomittz der Zionisten Bulgariens, das sich jetzt sehr eifrig mit den Vorarbeiten für den Congreß beschäftigt, erhielt von Oberrabbiner Samuel Mohilewer aus Bialystok ein Schreiben, in welchem die ersprießliche Thätigkeit des bulgarischen Landescomit^s mit herzlichen Worten anerkannt und der Congreß gesegnet wird. In dem Briefe heißt es: „Der Herr segne eueren Verband und leite euch geraden Weges zu dem ersehnten Ziele, wo unserem Volke Rettung und unserem Ahnenlande neues Leben erblühen wird. Gott verleihe unseren Stammesgenossen ein reines Herz und einen klaren Geist, damit sie aus den Verhältnissen der Vergangenheit und der Gegenwart die richtigen Folgerungen für die Zukunft ziehen. Empfangen Sie, geehrte Herren, diesen Segen, der aus der Tiefe meines Herzens kommt, — ein Herz, welches ob euerer mächtigen Liebe zu unserem Volke und Ahnenlande, ob euerer Arbeit, die zum Wohl des Judenthums führt, euch ehrt und achtet. Auf Wiedersehen dort auf den Bergen Zions! Möge die Stunde schlagen, wo die Söhne Zions in ihre Heimat zurückkehren. Euch hochachtend und ehrend Samuel B'haraw Mohril Mohilewer." * * * Die Mittheilung unseres Londoner Correspondenten über die Stellung der Zionisten von Leeds zum Congreß findet in dem in Leeds erscheinenden verbreitetsten jüdisch-deutschen Blatte Englands „Jewish Expreß" sehr beredten Ausdruck. Nebst dem Artikel unseres Dr. Färbst ein „Der Zionisten-Congreß in München" veröffentlicht noch die Redaction selbst in ihrer letzten Nummer einen außerordentlich bemerkenswerthen und für Jeden, der sich über die jüdischen Verhältnisse in England belehren will, lesenswerthen Artikel „Awudim hujini". Damit ist nicht blos die Sclaverei, in der sich einst die Juden in Egypten befanden, sondern die Sclavengesinnung, von der sich Viele noch bis heute nicht losmachen konnten, gemeint. Allein wir wollen lieber den „Jewish Expreß" selbst sprechen lassen, der sich übrigens mehr lustig macht als ärgert: „Aber der Beschluß der Headquarters, sich am Congreß nicht zu betheiligen, ist für Manche wirklich eine Ueberraschung. Und darauf gibt es nur die alte Antwort „Awuilim hujini-. Ja, Sclaven sind wir und haben keinen Mnth, uns an einem zionistischen Congreß zu bctheiligen. Wir sind zwar „Chovevi Zion", wir versammeln uns so oft wie möglich im „Jewish Workmens Club", wir sprechen von Zion und werfen mit den schönsten Phrasen herum, aber uns am Congreß betheiligen? Gott bewahre! Das wäre zu viel für uns.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.