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Die Welt · 1897-07-02 · 5 (2.7.1897) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
5 (2.7.1897)
Article
Hurrah-Nationalismus
Date
1897-07-02
Page
5 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 5. Seite 5. Hurrah-Nationalismus. Bon Dr. N. Birnbaum. Der Zionismus begegnet seit jeher allerlei Mißverständnissen. Zwar ist er Acht schon etwas besser daran, aber noch immer gehört er zu den bestverkannten Bewegungen. Das brauchte uns wenig Sorge zu machen, wenn wir es nur mit jenen eingebildeten und verbildeten Kreisen zu thun hätten, die uns über geschichtliche Elementarbegriffe belehren zu dürfen glauben. Aber das Hebel greift weit über diese Träger einer unerbittlichen Mittelmäßigkeit hinaus, wir finden es bei den führenden Geistern. Und das ist schlimm. Denn wie weit sollen wir kommen, wenn wir diese Wider uns haben? Sind doch sie und das Volk wie Zeiger und Uhr! Wie das Gehen des Uhrwerks erst durch den Zeiger Sinn bekommt, so erhält das Jnstinctleben des Volkes erst durch die Führer Bedeutung. Wie also das Volk gewinnen, wenn seine geistigen Könige schmollen? Trotzdem braucht uns der Umstand, daß noch so viele hervorragende Menschen unseren Bestrebungen antipathisch gegenüberstehen, nicht bange zu machen. Auch für die großen Geister gibt es Gebiete, die ihnen ferne liegen. Taucht nun auf einem solchen eine neue Frage auf, zu der sie Stellung nehmen sollen, so thun sie dies nicht mit der gewohnten Gediegenheit und Ursprünglichkeit. Sie verlassen sich dann entweder auf die Darstellung Anderer oder sie bilden sich auf Grund aufgefangener Schlagwörter und Namen, mit denen sie ein bestimmtes und sonst gerechtfertigtes Urtheil zu verbinden gewohnt sind, Meinungen, die gerade in dem einen, ihnen fremden Falle Vorurtheile sind. So dürfte auch die Hauptursache des ablehnenden oder feindseligen Verhallens vieler Geistesgewaltiger gegenüber dem Zionismus in der Abneigung liegen, die schon die Namen der Bewegung in ihnen erwecken. Zunächst ist ihnen die Sache schon als jüdische anrüchig. Das Judenthum stößt die meisten von ihnen ab, wiewohl oder weil sie es in ihrem geistigen und körperlichen Typus noch lange nicht überwunden haben. Es lastet als eine Bürde der Vergangenheit auf ihrem Rücken, die sie nicht noch vor ihre in die Zukunft gerichteten Blicke gerückt wünschen. Und dazu dieser Name „Zionismus", der sie an die Kanzelberedtsamkeit christlicher Geistlicher, an die Klopstock'sche Muse, an „Zionswächter", kurz an lauter Dinge erinnert, die in ihren dem modernen, unromantischen Weltgetriebe zugewandten Geistern nur Unlustgesühle auslösenl Trotz alledem aber dürfte dieser Name noch verhältnismäßig wenig Unheil anrichten. Denn jedenfalls klingt er durch die Verbindung der modernen Endung mit dem uralten Worte „Zion" interessant genug, um die Neugier anzuregen. Die Meisten werden also, wenn auch in Erwartung unheimlicher Dinge, weiter fragen. Da werden sie aber auf ein Wort stoßen, das ihren Widerwillen noch steigert und ihr Vorurtheil zu besiegeln geeignet ist. Sie hören, daß der Zionismus eine nationale Bewegung ist. Nationale Bewegungen sind nämlich stark in Mißcredit gekommen, — und zwar nicht blos bei den Dogmatikern des Weltbürgerthums, die ebenso Platt sind wie die Phrasendrescher des Nationalismus, sondern auch bei reifen und reichen Naturen. Diese empfinden eine Art ästhetischen Ekels vor dem seichten Getriebe des Nationalismus, wie er sich durchschnittlich präsentirt, gegen den Hurrah-Nationalismus. Ich habe dieses Wort dem bekannten „Hurrah-Patriotismus" nachgebildet, wobei ich dem Begriffe ein Unrecht zufügte. Denn so widerlich wie der Hurrah-Patriotismus — siehe die ganz erbärmlichen den Unwillen jedes edleren Patrioten herausfordernden Beiheuerungen der jüdischen osficiellen Kreise gegenüber der Ankündigung des Münchener Congresses! — ist der Hurrah-Nationalismus nicht. In ihm führt nicht, wie in jenem, die Gesinnungsniedrigkeit, sondern bloß die Beschränktheit Orgien auf. Der Hurrahpatriot ist ein kühler Speculant, der Hurrah-Nationale, ein Trunkener, der nicht verantwortlich sein kann, weil er keine Zwecke hat. Und hiemit haben wir das Wesen des Hurrah-Nationalismus enthüllt. Es ist die Zwecklosigkeit, der mangelnde Inhalt. Zweck und Inhalt sind freilich nicht dasselbe. Es kann etwas sehr inhaltsvoll sein und doch keinen Zweck haben. Es scheint sogar, daß die zwecklosen Inhalte die reichsten, die strotzendsten, das Leben selbst sind. Aber Politische Bewegungen, das Wort „politisch" in der weitesten Bedeutung genommen, sind niemals das zwecklose Leben selbst. Sie sind vielmehr direct Zwecke, mit denen wir — von den treibenden Mächten über uns abgesehen — in das Leben eingreifen, um sein automatisches Sichabrollen so zu gestalten, wie wir cs haben möchten. Und darum mag zwar irgend ein Lust- oder Untustgesühl ohne Zweck etwas ganz Selbstverständliches und anders gar nicht denkbar sein, — eine politische Bewegung aber ohne Zweck ist ein Unding. Nun ist die Nationalität an sich überhaupt keine Politische Bewegung. Sie ist zweckloser Inhalt, wie das ganze übrige Leben. Daß Jemand Jude ist, gehört mit zu seinem Wesen: er ist es, ob er will oder nicht. Zum Nationalismus wird die Nationalität erst dann, wenn sie irgendwie gehemmt wird oder hemmend wirkt und dadurch Politische Zwecke nöthig macht. Wird ohne diese Nöthigung eine nationale Bewegung arrangirt, so liegt eine öde Spielerei vor, die nicht mehr Sinn hat, als es haben würde, eine sociale Bewegung zu schaffen, wenn die wirthschaftlichen Verhältnisse nichts zu wünschen übrig lassen. Solcher Hurrah-Nationalismus ist gewöhnlich so zu erklären, daß das Gemüth gewisser Volksclassen, die von der socialen Frage nichts wissen wollen, unbeschäftigt ist und sich in seiner Verlegenheit auf den ihm aus vergangenen Kampfestagen entgegenleuchtenden, aber nunmehr schon überholten Nationalismus wirft. Es ist ein Kennzeichen so entstandener nationaler Bewegungen, daß sie im Grunde unnational sind, d. h. über der eingebildeten Bewegungsnothwendigkeit die normalen nationalen Functionen vergessen. Niemals Pflegen die Sprache, die Wissenschaft und die Kunst eines Volkes mehr zu verwahrlosen und sich zu veräußerlichen, als wenn es im Zeichen des Chauvinismus steht. So schädigt z. B. der preußisch-deutsche Nationalismus den wahren deutschen Geist, verflacht ihn und höhlt ihn aus. Selbstverständlich gibt es auch zwischen den beiden Extremen einer durchaus berechtigten und einer durchaus unberechtigten nationalen Bewegung Zwischenstufen. Solche finden sich beispielsweise bei den meisten österreichischen und ungarischen Völkern. Immerhin drängt sich aber auch hier ein starkes chauvinistisches, zwecklos-nationales Element in den Vordergrund, das vornehme, führende Geister abzustoßen geeignet ist Dieses fehlt im Zionismus ganz. Mögen vielleicht einzelne Zionisten sich so geberden, wie die Hurrah-Nationalisten anderer Völker, — etwas, das sich aus dem bösen Beispiel erklärt, — die zionistische Bewegung als solche ist ganz frei von derlei Tand, freier vielleicht noch als die verwandten Bewegungen der Iren, Polen und Armenier. Die zionistische ist durchaus Zweckbewegung, wie dies auch dem jüdischen Wesen entspricht, das eher zu viel als zu wenig zweckliebend ist. Der Zionismus stellt sich von diesem Gesichtspunkte aus als ein Nachfolger der Assimilation dar, die ebenfalls eine reine Zweckbewegung war. Wie diese, will auch er die Judenfrage lösen, d. h. den Juden wieder zwecklosen Genuß des Lebens ermöglichen. Nur das Mittel ist ein anderes geworden: der Judenstaat, das eigene Volksheim. # Wie sehr sich die zionistische Bewegung durch diesen ihren ernsten und ernst zu nehmenden Zweck von den nationalen Spielereien anderer Völker unterscheidet, wird besonders auch durch die Eigenartigkeit des zionistischen Parteilebens gegenüber dem Wesen der hurrahnationalistischen Parteien bekundet. Hier eine programmmatische Ausschließung socialistischer Anschauungen, eine beängstigende Armuth an socialem Gehalt, eine lächerliche Geziertheit und Ueberichnapptheit. Dort, bei den Zionisten, eine Freigebung der Weltanschauung, eine starke sociale Atmosphäre, eine klare, hirngesunde Begeisterung. Trotzdem wird immer und immer wieder der Zionismus mit minderwerthigen Bewegungen in einen Topf geworfen. Die führenden Geister thun es in gutem Glauben. Aber jene

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