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Die Welt · 1897-07-02 · 5 (2.7.1897) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
5 (2.7.1897)
Article
Unsere Gegner
Date
1897-07-02
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4. J>Ic#W<ir Nr. 5. rüthe sprechen zwar noch von Assimilation. Man spricht heute auch noch von Liberalismus, von Manchesterthum. Kein Mensch in der Welt wird aber den heutigen Liberalismus ernst nehmen. Die Manchestermänner von heute sind nur kleinliche Epigonen, Nachäffer des Abschreibers Bastiat. Die Assimilationsjuden sind die jüdischen Manchestermänner, sie sind die Bastiats der Geiger und der Holdheim, dieser Classiker der jüdischen Assimilativnsbewegung. Der assimilatorische Liberalismus ist todt, ebenso wie sein Stiefbruder, der wirtschaftliche Liberalismus. Ueber Todte soll man nicht spotten, sagt der Talmud. Wir wollen auch diese Tobten in Ruhe lassen. Nun wollen wir zu unseren weiter links stehenden Gegnern übergehen. Wie verhalten sich die socialdemokratischen Juden dem Zionismus gegenüber? Es unterliegt wohl kaum einem Zweifel, daß die große Zahl der Anhänger der Socialdemvkratie unter den deutschen Juden der Herrschaft des Antisemitismus und der Zurückstellung der Juden im öffentlichen Leben Deutschlands zuzuschreiben ist. Deutschlands Juden bilden etwa 1 Percent der Gesammtbevölkerung. Die Zahl der Proletarier unter den Juden Deutschlands ist eine sehr geringe. Daraus aber, daß in den Ländern, wo die Juden wie in Deutschland wohlhabend, aber auch zugleich bürgerlich vollkommen gleichberechtigt sind (England, Italien, Frankreich), die relative Zahl der jüdischen Socialisten eine ganz geringe ist, können wir den Schluß ziehen, daß das socialistische Bewußtsein der Juden in Deutschland nicht der Ausfluß ihrer proletarisch-socialen, sondern ihrer jüdischen rassenproletarisch-socialen Stellung ist. Die Juden in Deutschland — die socialdemokratischen wenigstens — besitzen also ein dunkles Bewußtsein ihrer jüdischen rassenproletarischen Stellung. Sie sind nur noch keine Zionisten, vielleicht weil sie an der Durchführbarkeit der zionistischen Pläne zweifeln und dabei eine Emancipation der Juden erst in der socialistischen Gesellschaft für möglich halten. Sie sind aber vielleicht auch deshalb keine Zionisten, weil sie keine Gelegenheit hatten, den Zionismus kennen zu lernen. Der Zionismus ist eine jüdisch-proletarische Erscheinung. Er ist unter der armen jüdischen Bevölkerung Rußlands, Polens, Galiziens und Rumäniens entstanden. Bei den wohlhabenden Juden Deutschlands hat er bis jetzt nicht recht Wurzel gefaßt. Die in Deutschland lebenden Juden, die einer ganz anderen „Classe" als die galizischen oder rumänischen Juden angehören, konnten also vom Zionismus keine Ahnung haben. Und die socialdemokratischen Juden Oesterreichs? Die „socialistischen" jüdischen Kaufleute Wiens, die in der zweiten Curie liberal und in der allgemeinen Curie socialistisch stimmten, können wir nicht ernst nehmen. Die stimmten für den Socialdemokraten, weil sie den Christlichsocialen nicht haben wollten. Dasselbe läßt sich von den socialistisch stimmenden Händlern, Krämern, Schacherern u. s. w. Krakaus oder Lembergs sagen. Wir gehen also zu den jüdischen socialistischen Parteiführern, zu der jüdischen socialistischen „Intelligenz" Galiziens über. Hier haben wir zwei Gruppen zu unterscheiden. Die erste Gruppe besteht wohl aus solchen Männern, die dem .Zionismus nicht abgeneigt sind, und nur darum mit dem Svcialismus liebäugeln, weil sie eine vollkommene Emancipation der Juden erst in der socialistischen Gesellschaft für möglich halten. Das ist ein Standpunkt, über den sich streiten läßt. Wir glauben aber, dieser Standpunkt ist mehr ein anarchistischer als ein socialistischer. Die Anarchisten sehen ihre Hoffnung auf eine plötzliche Umänderung der Gesellschaftsordnung, von einer allmäligen Entwicklung und einer Socialpolitik wollen sie nichts wissen. Die jüdischen Socialisten wollen auch kune „jüdische Socialpolitik" anerkennen. Wir Zionisten sagen uns, jo lange der Jude in den modernen Verhältnissen lebt, kann und wird er seine ökonomische Lebensweise nicht ändern. Jeder erwirbt sich sein Brot, wie es ihm leichter ist. Der Jude ist auf dem Gebiete des Handels geriebener und pfiffiger als der Nichtjude — er wird erst dort Arbeiter, wo er noch einen geriebeneren Concurrenten hat, wenn er nach Amerika oder England auswandert. Der Jude kann auch in Galizien nicht Arbeiter werden, denn abgesehen von der nothwendigen Sabbatharbeit — und der galizische Jude wird noch lange nicht den Sabbath entweihen — gibt es int Lande keine Industrie und er findet daher keine Arbeit. Der galizische Jude ist also gezwungen vegetirender Pauper zu sein. Wir Zionisten wollen nicht auf die socialistische Gesellschaft warten, sondern schon jetzt dem Juden verhelfen, daß er seine bisherige Lebensweise aufgebe und selbst Güter erzeuge — und deswegen glauben wir Zionisten, daß wir das fortschrittliche Element repräsentiren. Wir kommen zur zweiten Gruppe. Diese zweite Grnppe besteht aus jungen Leuten, die merkwürdigerweise das polnischnationale Bewußtsein vollkommen in Ordnung finden, dagegen das jüdisch-nationale als etwas Bourgeoismäßiges bezeichnen. Vor circa 2 Jahren erschienen in einigen Zeitschriften Aufsätze über den Zionismus. Die Herren hielten sich für berechtigt, den Zionismus als eine Bourgeoisbewegung zu denunciren. Merkwürdigerweise fanden es dieselben Herren einige Woch n später mit ihrem „proletarischen" Bekenntnisse für vereinbar, sich als Verteidiger der polnisch-nationalen Idee anfzuspielen. Wir haben gegen keine nationale Bewegung etwas einzuwenden, wir möchten nur, daß die Herren Polen „mosaischer Confession" sich endlich sagen, daß was ihnen recht ist auch uns billig ist und daß sie sich in unsere jüdisch-nationalen Angelegenheiten nicht mischen sollen. Da uns die Herren aber einmal provocirt hahen, so wollen wir doch sehen, welche Geisteskinder die sich „socialistisch" nennenden Polen „mosaischer Confession" sind. Ist der Begriff „Pole mosaischer Confession" ein proletarischer Begriff? Nein. Die Masse des jüdischen Volkes in Galizien ist jüdisch und nicht polnisch. „In Galizien, wo die Polen das herrschende Element bilden, beträgt die Zahl der assimilirten Juden, für die als „Polen mosaischer Confession" eine besondere Bezeichnung existirt, kaum 0,37 Procent der gesammten jüdischen Bevölkerung"*). Die Polen mosaischer Confession sind in Galizien die Bourgeois, die Hofjuden der Schlachta, die Advocaten, die Aerzte die Bankiers, die Gutsbesitzer u. s. w. Der Uebertritt zum Polenthum „mosaischer Confession", wenigstens in Ostgalizien, ist der Beweis eines Lakaienthums gegenüber der herrschenden Classe, denn in Ostgalizien ist die arbeitende bäuerliche Bevölkerung ruthenisch und nur die Schlachta ist polnisch. Warum haben wir Venn bis jetzt von keinem Ruthenen „mosaischer Confession" gehört? Als Polen mosaischer Confession haben daher die Herren kein Recht, sich Vertreter der Proletarier zu nennen. Sind sie vielleicht ihrer individuellen Stellung nach in der Gesellschaft Proletarier? Keineswegs. Sie sind Studenten, Aerzte, Advokaten u. s. w. Männer, die ein schönes Einkommen schon beziehen oder auf ein gutes Einkommen hoffen dürfen. Ist vielleicht die Classe — die jüdische Classe — der sie entstammen, eine proletarische Arbeiterclasse im strengen Sinne des Wortes? Das auch nicht. Die Zahl der jüdstchen Arbeiter in Galizien ist nur eine geringe. Die Masse besteht aus kleinbürgerlichen Paupers. Die ökonomischen Bedingungen für das Aufkommen eines socialistischen Bewußtseins unter den Juden Galiziens sind nicht vorhanden und wie wir schon oben angedeutet haben, werden diese ökonomischen Bedingungen unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht geschaffen werden können. Wir haben bis jetzt nur die ökonomische Seite berührt. Aber es gibt auch — müssen wir mit Eduard Bernstein**) sagen — „Motive, die dem Menschen höher stehen, als das platt ökonomische" und können wir Kautsky nur zustimmen, wenn er sagt, „daß die nationale Idee noch nicht überwunden ist." ***) Wir Juden haben dieselben National- und Ehrgefühle wie die anderen Völker. Wir wollen nicht mehr Haus- oder Schutzjuden dieser oder jener Partei sein, sondern unsere besten Kräfte daran wenden, selbstständig zu werden. Das halten wir für die Lösung der Judenfrage. *) „Neue Zeit" 1893/94, Nr. 37, Seite 332. **) „Neue Zeit", 181)0/7 Nr. ***) A. o. et. D.

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