Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 28 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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«V***wttj?*^«^^ Brief aus London (Von unserem Berichterstatter) Ein internationales jüdisches Komitee.' Auf der letzten Sitzung der Anglo Jewish Associastion kam ein bedeutsamer Punkt zur Beratung. Der Präsident, Mr. Claude Montefiore, teilte mit, daß er zwei Vorschläge empfangen habe, die beide die Schaffung eines internationalen jüdischen Komitees in Fällen der Not zum Zwecke hätten. Der eine Vorschlag kam .vom Hilfsverein der Deutschen Juden und ging dahin, einen ständigen Ausschuß von Vertretern der leitenden jüdischen Organisationen Europas und Amerikas zu bilden, der wenigstens einmal im Jahre zusammentreten und Fragen allgemeiner Natur, z. B. der Kolonisation und der Auswanderung, beraten sollte. Der Vorschlag war unterzeichnet von den Herren Dr. Lachmann und Dr. Blau. Er fand indessen jnicht den Beifall der Jewish Colonisation Association, die ihrerseits einen Gegenvorschlag aufstellte. Nach diesem sollten in England, Frankreich, Deutschland, Österreich und Amerika seitens der leitenden jüdischen Organisation jedes dieser Länder je zwei Delegierte gewählt werden, die zusammen mit zwei Delegierten der Ica in Fällen der Not rasch zusammentreten und auch das Recht haben sollten, Delegierte der andern Organisationen zu einer größeren Konferenz einzuladen. Lediglich Deutschland sollte vier Delegierte, je zwei für die Deutsche Konferenzgemeinschaft der Alliance und für den Hilfsverein wählen dürfen. In Amerika sollte das American Jewish Committee das Recht der Entsendung der Delegierten haben; diese amerikanischen Vertreter sollten in Europa wohnhaft sein. Die Gesamtzahl der Mitglieder des Komitees würde also vierzehn betragen. Dr. Lachmann und Dr. Blau stimmten diesem letzteren Vorschlage bei, und Dr. Nossig, der im Interesse des Berliner Vorschlages eigens nach London gekommen war, wurde bedeutet, daß dieser als erledigt zu betrachten sei. Mr. Montefiore ersuchte die Versammlung, den Pariser Vorschlag anzunehmen, die beiden Delegierten aber gemeinsam mit dem , Board of Deputies, und nicht allein von der Anglo Jewish Association zu wählen. Dr. Gaster stimmte der vorgeschlagenen Resolution lebhaft bei, bedauerte indessen, daß die zionistische Organisation in dem Komitee nicht vertreten sein sollte. Mr. Greenberg brachte ein Ammendement ein, wonach die Resolution zunächst an den Vorstand zurückverwiesen werden sollte, damit er diese beiden Vorschläge noch einmal eingehend erwäge. Das Ammendement wurde abgelehnt und die Resolution Mr. Montefiores angenommen. Die Londoner allgemeine Presse hat die Nachricht von der beabsichtigten Bildung eines ständigen internationalen jüdischen Komitees gebracht, hat indessen zu der Frage selbst keine Stellung genommen. Zionistisches Massenmeeting Letzten Sonntagabend veranstaltete die Association of East London Zionists im Jüdischen Arbeiterklub eine Massenversammlung zwecks Vornahme der Schekelsammlung. Es war eine außerordentlich gut besuchte Versammlung, die sehr enthusiastisch verlief und fast drei Stunden währte. Mr. L. J. Greenberg, der die Versammlung leitete, hielt einen ausgezeichneten Vortrag, in dessen Verlaufe er zunächst an das Jubiläum der Emanzipation erinnerte, das die englischen Juden in diesem Monate feiern. Dreißig Jahre habe der Kampf um die Erlangung der Gleichberechtigung gedauert, und jetzt seien die Juden dieses Landes trotz allem nicht einmal in der Lage, die Aliensact und andere Maßregeln zu beseitigen, die die " jüdischen Interessen verletzten. Darum hätten sie keine Ursache, an den Erfolgen herumzukritteln, die die zionistische Organisation, die doch viel mehr als die Gleichberechtigung der Juden in einem einzelnen Lande anstrebe, im Laufe von elf Jahren erreicht habe. Nachdem er sodann die zionistische Tätigkeit in den einzelnen Ländern geschildert hatte, gab er der, Versammlung Kenntnis von dem Empfange des Präsidenten Wolffsohn durch den russischen Premierminister und den Minister des Auswärtigen Amtes. Die Versammlung nahm diese Mitteilung mit lebhaftem Beifall entgegen; dieser steigerte sich noch, als Herr Greenberg berichtete, daß er von Herrn Wolffsohn ein Telegramm erhalten habe, in dem dieser ihm von dem sehr günstigen Verlauf der Audienzen Mitteilung machte. Er, der Redher, habe ihm telegraphisch geantwortet: Massel Tow! Auch habe er Grund zu der Annahme, daß beim Besuche des Königs von England in Reval auch die Judenfrage in Rußland diskutiert worden sei und Maßnahmen zur Erörterung gelangt seien, die eine Erweiterung der Grenzen des Ansiedlungsrayons bezweckten. Mit Bezug auf die Verhandlungen der Anglo Jewish Association wegen Schaffung eines-internationalen jüdischen Komitees erinnerte er daran, daß ein ähnlicher Vorschlag schon D1E%&ELT 15 V von der Brüsseler Konferenz im Jahre 1906 ausgegangen sei. Obwohl damals der Plan gescheitert sei, weil die Zionisten ihn vorgebracht hatten, freue er sich doch über den Vorschlag der Ica, der für das Judentum von Bedeutung werden könne. Zum Schlüsse kam der Redner auf die zionistischen Verhältnisse in England zu sprechen, an. denen er scharfe Kritik übte. In den letzten achtzehn Monaten sei eine starke Abwärtsbewegung der zionistischen Tätigkeit in England wahrzunehmen. Die English Zionist Federation habe keine Propaganda getrieben, kein einziges Massenmeeting veranstaltet und nicht einmal zur Feier von Herzls Jahrzeit eine Versammlung angesetzt. (Der Redner wurde in seinen kritischen Betrachtungen über die English Zionist Federation wiederholt unterbrochen.) Als zweiter Redner sprach Mr. Israel Cohen über den Schekel sowie über die Institutionen der Bewegung, insbesondere über die verschiedenen neuen Unternehmungen des Palästinaressorts, deren kräftige Unterstützung er den Versammelten zur Pflicht machte. Er beklagte lebhaft die mangelnde Unterstützung, die die englischen 'Zionisten in der letzten Zeit dem Nationalfonds zuteil werden ließen. In dem verflossenen Halbjahr hätte England nur ein Zehntel des von Südafrika aufgebrachten Betrages abgeliefert und nur ein •Drittel soviel wie die Schweiz. In nachdrücklichen Worten verlangte er eine viel stärkere Tätigkeit für Schekel und Parteifonds. Zum Schlüsse betrat noch der jüngst preisgekrönte „Senior Wrangler" Mr. Selig Brodetsky die Rednertribüne und dankte, lebhaft begrüßt, Herrn Greenberg für die geschickte Leitung der Versammlung. Die Herzl Society Die Herzl Society hielt am Sonntag ihre erste öffentliche Versammlung ab, die leider infolge des ungewöhnlich schlechten Wetters nicht sehr stark besucht war. Rev. A. A. Green eröffnete die Debatte über das Thema „Die jüdische Stimme" mit Bezug auf die Vorgänge bei der jüngsten Wahl in Manchester. Er sprach sich sehr lebhaft für das organisierte Eintreten der jüdischen Wähler bei allen Fragen aus, die jüdischen Fragen berührten und zeigte die guten Erfolge, die die Organisation der jüdischen Wähler in Manchester bei der Handhabung der Aliensact schon gezeitigt habe. Es sprachen noch die Herren Friedensrichter Gaiser, Joseph Cowen, Israel Cohen, Dr. Friedeberger und andere. NACHRICHTEN X3 Der badische Oberrat und die Ausländerfrage in der Synode Wie zuverlässig verlautet, hat sich der Oberrat dahin schlüssig gemacht, die von der Synode beschlossene neue Gemeindeverordnung, in der den reichsausländischen Gemeindemitgliedern in Baden das Wahlrecht genommen wurde, nicht auszuführen. Der Oberrat soll diese Maßnahme, deren Berechtigung er wohl aus § 24 der Synodal-Ordnung Herleitet, nach seiner eigenen Erklärung deshalb getroffen haben, weil ihm, angesichts der Erregung der Zionisten über die Wahlentrechtung der Reichsausländer, die zuerst in der Tagung der badischen Zionisten in Baden-Baden, dann mit imponierender Stärke auf dem deutschen Delegiertentag in Breslau zum Ausdruck kam, selbst gewichtige Bedenken kamen. Es wäre zu wünschen, daß der Oberrat bald offiziell von seinem Beschluß Kenntnis gibt; vielleicht ist aus seiner Begründung zu ersehen, ob lediglich die Erkenntnis, welch gefährliche Nebenwirkungen dieses Gesetz hätte zeitigen können, für ihn ausschlaggebend war, oder aber, daß jene Bestimmung gegen die elementarsten Forderungen jüdischen Zusammengehörigkeitsgefühls verstößt. Den Mitgliedern der Synode selbst wird freilich das bittere Gefühl bleiben müssen, daß sie erst gezwungen wurden, unter dies kaudinische Joch zu kriechen, ehe der Oberrat einlenkte. Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina. In Bonn a. Rh. hat sich unter Führung von Frau Dr. Edelstein eine Ortsgruppe des „Verbandes jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina" gebildet. Ebenso besteht seit längerer Zeit eine solche Ortsgruppe in Königsberg i. Pr., welche von unserer vorzüglichen Gesinnungsgenossin, Zahnart Ida Fundenheim, ins Leben gerufen