Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 27 (10.7.1908)
- Date
- 1908-07-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Böhmen Trautenaii: Am 25. Juni d. J. fand im Hotel Union die konstituierende Generalversammlung des zionistischen Volksvereins Theodor Herzl statt. Nach Wahl der Funktionäre hielt Herr Dr. Hugo .Rappaport einen kurzen Vortrag, in dem er gewissermaßen in programmatischen Linien das Verhältnis der neuen zionistischen Organisation zu den lokalen Faktoren, den nichtjüdischen wie den jüdischen, skizzierte. Er betonte hierbei, daß der Zionismus das Verhältnis der Judenschaft zu ihrer Umgebung nicht nur nicht stören könne, sondern sogar geeignet sei, es zu verbessern. Judenhaß habe es immer gegeben; aber der Antisemitismus in seiner heutigen Gestalt sei eine Reaktion jener jüdischen Assimilationsbestrebungen, welche einem Sicheindrängen in fremde Kreise zum Verwechseln ähnlich sehen. Es sei lächerlich zu glauben, daß man auf nichtjüdischer Seite in dem Bekenntnis zum jüdischen Volk einenfeindseligen Akt, ein Sichlosreißen erblicken würde. Was. die Juden deutscher Zunge an das deutsche-Volk binde, sei nicht die falsche, von niemandem ernstgenommene Illusion, als wären sie eines Stammes und eines Blutes, sondern die Gemeinschaft von Sprache und Kultur, ein festgeknüpftes psychisches Band. Es sei daher selbstverständlich, daß die Zionisten in der Verteidigung dieser gemeinsamen Kulturgüter, in der Verteidigung aller ihnen mit der nichtjüdischen Umgebung gemeinsamen Interessen um nichts hinter denen zurückstehen würden, die hierzu erst einer keineswegs erhabenen Illusion bedürfen. Es ist ein vielversprechendes Zeichen, daß die Zionisten bei der arischen Bevölkerung überall geneigtes Verständnis für ihre im letzten Ziele auf die Schaffung einer Heimstätte für alle Heimatlosen gerichteten Bestrebungen finden, und Mißverständnisse, gewollte und ungewollte, nur bei Juden. Referent besprach dann noch das Verhältnis zur offiziellen Repräsentanz der Judenschaft, die zu kräftigen und mit neuem Leben zu erfüllen naturgemäß den Zionisten wichtig sein müsse, solange ihrerseits nicht der Versuch unternommen werde, etwa die Zionisten als Volksfeinde zu bekämpfen, und schloß seine mit wiederholtem lebhaftem Beifall akklamierte Rede mit einem Appell an die jüdische Frauenwelt. Herr Dr. Margulies beantwortete verschiedene auf Palästina und Palästinaarbeit bezügliche Fragen, die insbesondere von Herrn Emanuel Nowak gestellt wurden, und Herr Natscheradetz forderte zur Propaganda für die Idee auf. Damit schloß der sehr angeregt verlaufene Abend, die "erste Veranstaltung dieses Vereins, der bereits gegen 70 Mitglieder zählt Am 2. Juli konstituierte sich sodann der neugewählte Vorstand des Vereins und wählte Herrn Dr. Hugo Rappaport zum Obmann, Herrn Dr. Ignaz Mautner zum Obmannstellvertreter, Herrn Heinrich Pick zum Kassier, Herrn Rudolf Kohn zum 1. Schriftführer, Herrn Ernst Goliath zum 2. Schriftführer, Herrn Oskar Rix zum Bibliothekar und Herrn Hugo Natscheradetz; zum Nationalfondskommissär, während die Herren Julius Eckstein, Jakob Kraus, Max Löwy, Siegmund Müller und Wilhelm Weiß als Beisitzer fungieren. Der Verein veranstaltet aus Anlaß der Wiederkehr des Todestages Theodor Herzls am 16: d. M. in Johannisbad im Riesengebirge und am 18. d. M. in Trautenau eine Trauerfeier, bei welcher Herr Dr. Emil Margulies die Festrede halten wird. Schweiz Delegiertentag des schweizerischen Zionisten« Verbandes - Bei sehr reger Teilnahme von Delegierten und Gästen tagten am Sonntag den 28. Juni er. im Zentralhof zu Baden die Delegierten der schweizerischen Zionistenvereine. Vertreten waren die Ortsgruppen Bern- (Akad. Zionistenverein und Jüd.-Nat Verbindung Kadimah), Basel (Vereinigung und Misrachi), Biel, St. Gallen, Wintenthur und Zürich. Das Tagesbureau wurde gebildet aus den Herren Moritz Levy-Liestal als Präsident, Artur Zivy-Basel, Vizepräsident und Dr. J. Rabin-Bern, Sekretär. Sämtliche Delegiertenwahlen wurden validiert und hierauf die Geschäftsberichte verlesen. Der Bericht des Landeskomitees, erstattet von Herrn Moritz Färber- Zürich, schildert unverblümt die Verhältnisse des Zionismus in der Schweiz und kritisiert an einigen Stellen scharf die Tätigkeit resp. die Untätigkeit der Vereine während des vergangenen Jahres. Es wurden im ganzen 1025 Schk'olim gesammelt Die Schweiz hatte das Recht, 5 Delegierte zum letzten Kongreß im Haag zu entsenden. Neu war die Abhaltung eines Parteitages, der im Oktober vorigen Jahres in Biel stattfand und zur Aussprache über die wichtigsten -Fragen der Bewegung, der Propaganda und Agitation diente. Für den Parteifonds wurden, im ganzen Frcs. 1146.05 gesammelt und ausgewiesen. Der Vorort war bemüht* tüchtige Redner zu Agitationszwecken zu erlangen; doch, waren die Erfolge'-'nicht, wie man erwartet hatte, da die Verhältnisse es mit sich brachten, daß die Vorträge jeweils nicht abgehalten wurden. Es ist zu hoffen, daß dies in Zukunft besser werde. Das Zusammenarbeiten der Vereine mit dem Vororte des Landeskomitees läßt auch manches zu wünschen übrig, da die Vereine zu wenig von sich hören lassen. Die Zahl der Vereine in der Schweiz ist dieselbe geblieben, doch hat die Mitgliederzahl in einigen Gruppen abgenommen. Aus den Geschäftsberichten der einzelnen Vereine entnehmen wir eine gewisse Mutlosigkeit, die erklärlich ist, da die Vorstände trotz eifriger Arbeit so wenig Unterstützung von Seiten der Mitglieder erfahren. Die Mitgliederzahl des Zionisten Vereins in Basel ist im Berichtsjahre von 140 auf 100 gesunken. Dagegen leistete der Verein sehr viel für den Parteifonds (470 Frcs.). Der Verein erließ ein Rundschreiben an die jüdischen Einwohner zur Orientierung über die Arbeiten des Zionismus. Der Verein in Biel hielt verschiedene Vorträge ab und verkaufte 9 Aktien der Kolonialbank und 9 Aktien der Land Development Co. und einen Anteil am Pflanzungsverein mit Frcs. 100.—. Der Verein in St» Gallen klagt sehr über die Interessenlosigkeit der dortigen Juden für den Zionismus. Die Mitgliederzahl fiel von 40 auf 25; immerhin veranstaltete er verschiedene Feiern zugunsten des Nationalfonds, brachte 18 Bäume für den Herzlwald auf und führte 135 Frcs. für den Nationalfonds ab. Am tätigsten von allen Vereinen war wohl die Ortsgruppe Zürich, die einige Vorträge hatte, viele Vereinsversammlungen abhielt und auch für die Finanzen sorgte. Die Mitgliederzahl blieb stabil. Auch der Akademische Zionistenverein Bern entwickelte eine entsprechende Tätigkeit durch Vorträge und Sammlungen. Der Nationalfondskommissär, Herr Dr. C. Levy-Biel, erstattete seinen Bericht und konstatierte, daß die Erfolge der Nationalfondssammlungen ganz gute seien. Seit dem letzten Delegiertentag sind im „Isr. Wochenblatt" für den Nationalfonds ausgewiesen worden: Frcs. 127.25 Selbstbesteuerung; Frcs. 106.— von Büchsen; Frcs. 80.— von Sammelbüchsen; allgemeine Spenden Frcs. 978.05; Goldenes Buch Frcs. 250.—; Ölbaumspende Frcs. 527.— und Verschiedenes Frcs. 150.—; insgesamt Frcs. 2218.60. Nachdem die Geschäftsberichte verlesen waren, wurde die Frage des Publikationsorgans behandelt und nach kurzer Debatte, welche von Dr. Rabin-Bern hauptsächlich bestritten wurde, das „Isr. Wochenblatt" wie bisher als Publikationsorgan bezeichnet Am Vormittag wurde noch das Begrüßungsschreiben des Präsidenten des A. C, Herrn David Wolffsohn, verlesen, worin er den Delegierten seine besten Glückwünsche ausspricht. „Mit unverwischbaren Zügen hat sich Ihr Basel in den Geschichtstafeln des Zionismus und in unsere Herzen eingeprägt Es war immer unser Wunsch und unsere Freude, auch in der schönen freien Schweiz einen tüchtigen,, arbeitslustigen und hoffnungsreichen Stamm von überzeugten Gesinnungsgenossen zu haben, und möge es Ihrem diesjährigen. Delegiertentage beschieden sein, einen Aufschwung des Zionismus in Ihrem Lande wahrzunehmen und eine Reihe neuer Maßregeln zu. treffen, um Ihre Tätigkeit in fortschreitender Entwicklung, im. strammen Festhalten an unserm Programm, unsern Pflichten und Bedürfnissen Rechnung tragend, immer gedeihlicher zu gestalten." Diese kernigen, herzlichen Worte fanden allgemeinen stürmischen Beifall. Es wurde eine Erwiderung beschlossen, welche der Vorort zu erledigen hat Vor Beginn der Nachmittagssitzung hielt der Shareclub seine Generalversammlung ab. Der Verein zählt gegenwärtig zirka 30 Mitglieder und hat schon eine ganz schöne Summe gesammelt zum Ankauf von Aktien. Die Mitglieder haben volle Aussicht, das angelegte Kapital gut verzinst zu erhalten. .Nach Vornahme einer Statutenänderung wurde die Generalversammlung nach kurzer Dauer geschlossen. Es folgte nun die Diskussion über die Geschäftsberichte. Sie brachte einige Reklamationen von Seiten Brandt-St. Gallen gegen das Landeskomitee, das nicht genug für Propaganda leistete, ferner von stud. Thönen-Bern, der mehr Vorträge und Aufklärung für das Publikum wünscht Dr. Rabin stellt den Antrag, daß die Mitglieder des L. C. verpflichtet seien, alljährlich in den verschiedenen Vereinen Vorträge zu halten und" in nähere Beziehungen zu den Gruppen zu treten, welcher Antrag auch angenommen wurde. Moritz Färber verteidigt in seinem Schlußwort das Landeskomitee, das fleißig gearbeitet habe, und gibt Aufschluß über die geplante Rednertournee. Er wünscht daß die Vereine mehr auf praktischem Gebiet arbeiten und das Interesse für Palästina erregen und fördern sollen. Dem Kassierer Herrn J. Horn und dem Nationalfondskommissär Herrn Dr. Levy-Biel wird Decharge erteilt Herr Dr. Levy-Biel erstattet als Mitglied des großen Aktionskomitees einen Bericht über die jetzige Lage und die Aussichten des Zionismus. Die Festsetzung des Vorortes und die Wahl des Landeskomitees ging diesmal, gegen alle Gewohnheit, sehr rasch und glatt vonstatten. Zürich ist Vorort, und übernehmen die Herren J. Horn (Präsident und Kassierer), M. Färber und Dr. L. F. Pinkus (Sekretäre) die