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Die Welt · 1908-07-10 · 27 (10.7.1908) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
27 (10.7.1908)
Date
1908-07-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Der Ältere sitzt mit gesenktem Kopf, und vorsichtig, mit stillen, schwarzen Augen blickt er auf den jungen Bruder, auf die Mutter, auf die Schwester . .. . Sicherlich, irgendein Gedanke tummelt sich hilflos jbei ihm im Kopf herum und findet keinen Halt. Die Brüder, die sich da draußen mit andern verschworen haben, gehören nicht sich . . . Eine geheime . Hand hat ihnen den Stempel der Heiligkeit aufgedrückt... Bald werden sie von hier fortgehen, in ein anderes Stadtviertel . . . Genau um zwei Uhr — so besagt das Gerücht — wird es losgehen. Am Tage hat ihnen irgend jemandes Hand Revolver zugesteckt. Von da ab hat sich diese Hand an sie geklammert, und es hat einen Riß gegeben in ihrenHerzen. Jeder und jedes in der Stube weiß das . . . Alle dunklen Winkel sind davon erfüllt. Und alles schweigt, zittert und wartet. Unsichtbar wird im Schweigen ein Kampf zwischen den Herzen geführt. „Schon bald Zeit", flüstert heimlich der Jüngere. „Zeit", wiederholt der Ältere, als spräche er zu irgendeinem Dritten. Man fühlt, sie reden etwas Geheimes, Verdächtiges, nur für sie Bestimmtes ... Ein großes Zittern läuft durch alle Winkel der Stube. - Sie gehen fort! ... Sie gehen fort! In der Türe der zweiten Stube erscheint der Vater. Er schaut auf die Söhne mit langem, leidendem Blick. Sein Gesicht legt sich in schmerzliche Falten . . . Sie, seine Kinder, gehen fort, lassen ihn allein mit Mutter und Schwester zurück . . . Seine Kinder? Plötzlich tritt er näher ah sie heran und indem er auf sich zeigt, entringt es sich ihm zitternd: . „Bin ich für Euch ein Vater?" Stille . „Ist sie für Euch eine Mutter!" Er verstummt, den knochigen Zeigefinger noch ausgestreckt in der Luft haltend — — - Es ist, als flatterten ängstliche Flügel durch die Luft. Alles in der Stube ist ins Zittern geraten durch die Frage. Die Stille ist schneidend geworden . . . Der leiseste Laut hebt sich grell ab. Stumm, reglos, als wären sie Gestalten auf einem Bilde, bleiben alle nach der Frage ... Ein kaum wahrnehmbarer Nachtschatten steht wie ein dünner Nebel. zwischen den Menschen, und seltsam unverständlich scheint es, daß sie sich alle Vater, Mutter, Schwester, Bruder nennen ... Es waren Fäden da — sind sie zerrissen? Jedes Herz ist ein Abgrund, in dem jeder versinkt. Still erhebt sich die Schwester, bleich, gleich einer Leblosen, und geht nach der Schlafstube. Sie schaut sich um wie eine wirre Seele und sucht nach einem Halt . . . Keiner ist da . . . Keiner ist da . . . Von der stummen Finsternis streckt sich eine Hand aus. streckt sich aus und zieht sie abwärts tief in den Grund. Der Vater blickt ihr nach mit Augen, die gleichsam fragen: Ihr wißt, was mit ihr geschehen wird? Und wieder vernimmt man seine Stimme, die klingt, als spräche ein ferner Fremder: „Um was sind wir schlechter als jene?" Die Brüder schweigen . . . Als hätte einer vor dem andern Angst zu reden ... - Des Jüngeren Augen blicken zerstreut, so als suchten sie einen geheimen Weg, aus dem Zauberkreis herauszukommen. Der Ältere läßt sich wortlos hin- und herschlendern. Er gehört nicht sich . . . Eine geheime Hand hat ihn eingeschrieben, — nun ist's besiegelt. Besiegelt? . . . Das Herz will sich nicht wehren . . . Nicht sein . . . Nicht für sich .... nicht für die hier .... nicht für jene ... Die Mutter weint still . . . „Meine Kinder, wodurch hab' ich mich versündigt? . . . Kaum daß ich erlebt hab", euch groß zu sehen . . . Und nun aufgezogen für Fremde! ..." „Hier . . . , hier wird gar nichts sein, gar nichts." „Nicht uns zulieb, eurer Schwester zulieb, eurer Schwester zulieb! ..." „Mutter!" ruft die Schwester mit erbitterterStimme... Der Jüngere blickt fragend: Diese arme, schwache, schutzlose Frau ist seine Mutter? Sie hat ihn geboren? Dieses schwache Weib da? Aus dem zweiten Zimmer erhebt sich wiederdes Vaters heisere Stimme. Schneidend und bitter sagt er zur Mutter: „Geh! Leg dich hin, streck dich aus vor der Schwelle! Laß sie nicht hinaus! Deine Kinder! . . . Sag ihnen, daß du ihre Mutter bist! ..." Und mit finsterem Gesicht und krauser Stirn zeigt er sich in der Tür: „Niederfallen, wollt ihr wohl, soll ich vor euch? . . . Niederfallen?! . . . Ich brauch' euch nicht! ... Ich brauch' euch nicht! . . . Brauch euch nicht! . . ." „In diesem Stadtteil wird gar nichts sein, . . . wir wissen ..." Der Jüngere blickt auf den Vater, und seltsam mutet ihn die gebrochene Gestalt an . . . Das ist sein Vater? Dieser erschrockene Mann mit dem wirren Bart da? . . . Etwas Kalt-Böses kreuzte sich in den Blicken ... „Man muß sich allein schützen! . . ." Der Vater schaut mit tiefen, finsteren Blicken . . . In seinem Kopfe drängt es sich wirr . . . Hilflos sieht er sich jetzt um ... Er weiß nicht, wo er ist . . . Ist es sein Haus? . . . Sind das seine Kinder? . . . So viele Jahre lagen sie ihm im Kopfe, ... im Herzen, . . . in allen Gliedern . . . Wo sind sie mit einemmal? . . Die da . . . Er geht in die zweite Stube. „Hierher kommt! Hierher! . . .", ruft er zur Muttet und Schwester, „laßt sie, laßt sie! . . . Ich brauch' sie nicht!" ... Die Mutter geht weinend zu ihm.--- Es ist still geworden . . . Die schwarze Nacht flattert mit ihren Flügeln in der Stube . . . Finster, finster ist die Welt ... Es gibt keine Kinder .... es gibt nicht Vater noch Mutter .... nur Finsternis .... ewig ist sie . . . ringsum ist sie ... in aller Herzen, ... in allen Winkeln ... und sinkt . . . sinkt . . . sinkt . . . Und wie ein stilles, wehes Echo klingen aus der zweiten Stube des Vaters Worte: Nun — mußt einfach denken — du hast keine Kinder . . . Hast nie geboren . . . Oder sind gestorben . . . Verloren . . . Was weinst du . . . was weinst du?" Wie ein Heiliger steht der Jüngere da ... Er ist nicht eines .... er ist aller Sohn ... Er weiß nicht, .wer ihn geboren hat . . . Er kennt sie nicht ... Er iJhat sich selbst geschaffen . . . Über die große Welt

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