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Die Welt · 1908-07-10 · 27 (10.7.1908) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
27 (10.7.1908)
Date
1908-07-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE ELT KÖLN AM RHEIN, KAROl.INGERRING 6 W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ■■ ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XII. JAHRG. KÖLN, 10. Juli 1908 pnrfc Bt>nn'e< 71DI1 n"' KULTURELLE ERSCHLIESSUNG ,So oft man auch für unser Kolohisationswerk Vergleiche aus der kolonialgeschichtlichen Erfahrung anderer Völker heranziehen will, wir müssen uns immer wieder vor Augen halten, daß unser Werk ein exzeptionelles ist. Unsere penetration pacifique, die friedliche Durchdringung des Landes, ist viel mehr und im Wesen ein anderes als die kolonialpolitischen Aktionen, die sich mit diesem Terminus zu decken lieben. Nicht nur darum, weil wir nichts von all dem haben, was den kolonisierenden Völkern die schöne Pose des „friedlichen" Vorwärtsschreitens gestattet, z. B. Kleinkaliber und Torpedos, auch nicht nur darum, weil es nicht ein jungfräuliches Land ist, das wir im. Etappenwege zu erschließen haben, mit einer Eingeborenenbevölkerung etwa, deren Besitz und Arbeit durch Perlen und Branntwein sich erkaufen läßt, sondern weil unsere Kolonisation nicht allein Gewinnung des politischen und ökonomischen Übergewichts im Lande, sondern zugleich die Neukonstituierung eines Volkstums bedeutet und gerade darin die wichtigsten Zwecke und Mittel unserer Landnahme enthalten sind. Und weil wir nun mit manchen Völkern und Faktoren zu konkurrieren haben, die in größerem oder geringerem Maße an der Schaffung einer Einflußsphäre in Palästina interessiert sind oder es sein werden, so muß naturgemäß das, was uns als ganz Eigenartiges und eigenartig Großes gegenüber allem anderen als Ziel vorgesetzt ist, stets im Vordergrund aller unserer kolonisatorischen Erwägungen und Maßnahmen stehen. In einem kurzen Satze heißt das: Unsere wachsende Erschließungsarbeit in Palästina muß stets von einem gesunden Wachstum des neuen nationalen Organismus begleitet sein. Es ist beispielsweise ungemein erstrebenswert, aber es genügt nicht für die penetration economique, wenn europäisch-jüdisches Kapital — und wäre es noch so bedeutend — sich in einer die Konkurrenz überragenden und schlagenden Höhe in Palästina betätigt. Geschieht das nicht in der Weise, daß dieses Kapital zugleich Lebensquelle für so und so viele Juden oder jüdische Interessenkomplexe in Palästina wird, dann'ist unser Hauptzweck nicht erreicht, vielleicht sogar verfehlt, — zum Unterschied eben von allen anderen Völkern, deren wirtschaftlicher Zweck vollauf erfüllt ist, wenn ihr überschüssiges Kapital in Palästina Entfaltungsmöglichkeit findet und Bedürfnisse weckt und befriedigt, die ihrer Handelsbilanz zugute kommen. Wenn man darum jetzt oft, wenn bei uns von der Schaffung einer jüdischen Machtsphäre in Palästina gesprochen wird, das rein-ökonomische Moment der guten Kapitalanlage in die erste Reihe rückt, so begeht man einen nicht unwesentlichen Fehler. Einen noch wichtigeren Fehler aber begeht man, wenn man unter „penetration" oder „Durchdringung" hur oder vor allem erst eine wirtschaftliche Durchdringung versteht. Weil, wie bereits gesagt, unser Kolonisationswerk ein ganz und gar sonderartiges ist,- weil die Etablierung eines neuen Volkstums sein Kern ist; muß die Erschließungstätigkeit zugleich mit den kolonialwirtschaftlichen und kolonialpolitischen Unternehmungen alle Funktionen dieses Volkstums gleichermaßen zu fördern suchen. Daher vor allem auch die geistigen Funktionen. Das ist eine These, die in diesem Zusammenhange nichts Ideologisches, nichts Romantisches an sich hat. Jede Entwicklung "zu höheren wirtschaftlichen Formen hat eine Steigerung des geistigen Standards zur Voraussetzung; eine Masse von Bedürfnissen, die dem wirtschaftlichen Umlauf erst das rechte Ausmaß und den kräftigen Inhalt geben, wird erst geweckt oder erzeugt von einer gesteigerten Bildung, von einer vervollkommneten Kultur. Das Wort; daß der gesteigerte Gebrauch von Seife ein Gradmesser der Kultur ist, hat den tieferen Sinn, daß an den kleinsten und größten Dingen des wirtschaftlichen Bedürfniskomplexes die geistige Entwicklung eines Volkes ihren Anteil, hat und daß anderseits aus dem allgemeinen höheren Kulturstande selbst der geistig weniger Organisierte noch ein Stück wirtschaftlichen Nutzens ziehen kann. Wir müssen also lernen — so sehr wir den Gedanken abzuweisen haben, Intelligenzjuden statt eines natürlichen Volkes von manuell und geistig Arbeitenden zu schaffen —, die kulturelle Durchdringung Palästinas als eine wesentliche kolonisatorische Aufgabe zubetrachten. Wenn auch in dieser Hinsicht so manches

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