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Die Welt · 1908-06-26 · 25 (26.6.1908) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
25 (26.6.1908)
Date
1908-06-26
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 25 DIE^ELT 15 □ nn SPRECHSAAL □ □ □ (Diese Rubrik, für die die Redaktion nicht die Verantwortung trägt, ist, wie wir wiederholt bemerken, Zuschriften aus dem Leserkreise und freiem Meinungsaustausch offen.) Ein Abrabanel-Denkmal in Jerusalem Im nächsten Frühjahre sind vierhundert Jahre verstrichen, seitdem Don Isaak Abrabanel, eine der lichtvollsten Gestalten unserer Geschichte, sein Wechsel- und verdienstreiches Leben beschlossen hat. Einer hochangesehenen Familie entstammend, die sich durch große Gelehrsamkeit, staatsmännische Klugheit und begeisterte Hingabe an die Väterreligion und an unser Volk auszeichnete, war er ein Mann von universellen Gaben des Geistes und des Herzens, Philosoph und Staatsmann, Bibelerklärer und Finanzgenie, Philanthrop und Schriftgelehrter zugleich. Am Ausgange der Glanzperiode unserer Geschichte lebend, in jener traurigen Zeit, als die, Tod und Verderben um sich her verbreitende Inquisition unter den Juden der pyrenäischen Halbinsel furchtbare Verheerungen anrichtete, bekleidete der Jude Abrabanel die höchsten, verantwortungsvollsten Posten an den Höfen der Könige von Portugal und Spanien, als hätte das Schicksal seine Brüder entschädigen wollen für die trüben Aspekte jener Zeit, als hätte ihnen die Vorsehung in ihm Stütze und Rückhalt geben wollen, daß sie in ihrer Verzweiflung nicht ganz untergingen. Und in der Tat gelang es Don Isaak Abrabanel, wenn nicht immer, so doch oft das Schlimmste von seinen Stammesgenossen abzuwehren. In dem gütigen Könige Alfons V. von Portugal, der den hochbegabten Abrabanel zu" seinem Finanzminister ernannte, fand er einen Freund und Gönner, bei dem er sich stets mit Erfolg zugunsten seiner Stammesgenossen einsetzte. Aber diese Zeit, die, wie Abrabanel in seiner Selbstbiographie (in der Einleitung zum Komentar zu den ersten Propheten- Büchern) sie schildert, die glücklichste seines Lebens war, ging zu Ende, als der klerikale, judenfeindliche Joao II. den Tron Portugals bestieg. Das Opfer einer Hofintrigüe, mußte er seine geliebte Heimat verlassen. In Toledo wandte er sich wissenschaftlichen Studien zu, von denen ihn jedoch gar bald seine Ernennung zum " Finanzminister an den Hof Ferdinands und Isabellas abrief. In derselben Zeit, in welcher der Haß gegen die Juden in Spanien aufs höchste gestiegen war, sollte — welch wunderbare Fürsorge, der Vorsehung! — ein Jude des Reiches Finanzen verwalten. Und fürwahr, Abrabanel faßte seinen Beruf nicht so auf, als dürfe er niemals den Juden erkennen lassen; im Gegenteil; er betrachtete es als seine heiligste Pflicht, als seines Lebens Ziel, seinen Einfluß in Staat und Gesellschaft im Interesse seiner Glaubensgenossen aufzubieten. Zwar vermochte auch er nicht, die schweren Gewitterwolken, die sich drohend über dem Haupte der Juden zusammenzogen, zu vertreiben. Denn als im Unglücksjahre 1492, das in den Annalen unserer Geschichte mit schwarzen Lettern verzeichnet ist, durch die Eroberung Granadas der maurischen Herrschaft in Spanien ein Ende gemacht wurde, kannte der Obermut des katholischen Königspaares und seiner Schergen keine Grenzen mehr. Für die glorreiche Siegestat sollte dem „Gott der Liebe" ein wohlgefälliges Opfer dargebracht werden. Und die alleinseligmachende Kirche fand ihr Opfer in den jüdischen Untertanen des Reiches. Hatten sie die Araber aus dem Lande verwiesen, so sollten auch die übrigen Ungläubigen innerhalb des. Reiches Grenzen, sollten auch die Juden gewaltsam aus dem Lande getrieben werden, in welchem sie fast eineinhalb Jahrtausend gelebt, das sie mit der Glut ihres Herzens geliebt und zu dessen Macht und Wohlstand sie unendlich viel beigetragen hatten. , Und alle Bemühungen Abrabanels, das Königspaar zu milderen Gesinnungen umzustimmen, scheiterten an dem felsenfesten Willen und der unerschütterlichen Macht Torquemadas. So griff denn der jüdisch-spanische Grande, der letzte jüdische Staatsmann auf der pyrenäischen Halbinsel, zum Wanderstabe, um mit seiner Familie und Hunderttausenden seiner Brüder eine neue Heimat zu suchen. Aber der Ruf Abrabanels war größer, als sein Mißgeschick; der arme Flüchtling wurde kurze Zeit nach seiner Landung in Neapel Finanzminisrer des Königs Ferdinand I. und dann seines Sohnes Alfons. Als die Franzosen ins Land einfielen, teilte er freiwillig das Los seines Herrn. Dabei verlor er das kostbarste, was er besaß, seine wertvolle Bibliothek. So verlebte er seine letzten Jahre unter einem wechselvollen Geschick in Neapel, auf Sizilien, auf Korfu und in Venedig, bald als Staatsmann in der Öffentlichkeit wirkend, bald wieder in der stillen Studierstube seinen wissenschaftlichen Arbeiten ganz hingegeben. In Venedig beschloß er sein ruhmreiches Leben im Frühjahr 1509 und wurde in Padua beigesetzt. Leider ist sein Todestag nicht genau bekannt, da seine Grabstätte kurze Zeit darauf von wilden Kriegshorden verwüstet wurde. So weit über das Leben und Wirken dieses edlen Mannes, dessen Bedeutung als Philosoph, Exeget und Apologet die jüdische Wissenschaft genügend gewürdigt hat. Hier soll nur auf den Menschen und Juden Abrabanel hingewiesen werden, der für seinen Glauben und sein Volk gewirkt, der den Mut hatte, seiner Überzeugung alles, seine Stellung in' Staat und Gesellschaft, seinen Reichtum und sein Glück zu opfern. Diese edle Gestalt aus längst vergangener Zeit den gegenwärtigen und zukünftigen Generationen als leuchtendes Beispiel vorzuhalten, ist eine Pflicht, die uns die Selbstachtung gebietet. Jedes Volk hält die Erinnerung an seine großen Männer und ihre Taten durch sichtbare Zeichen, fest. Auch das jüdische Volk sollte seinem Abrabanel gelegentlich der. vierhundertsten Wiederkehr seines Todestages ein* ehrendes Denkmal setzen, aber keines aus Stein oder Erz, sondern ein solches, das dem Geiste des Judentums entspricht, und an einer Stelle, die unsere Geschichte für diesen Zweck geweiht hat. In Jerusalem ist der Unterbau für ein solches Denkmal bereits geschaffen. Als im Jahre 1S92 die zivilisierte Welt das vierhundertjährige Jubiläum der Entdeckung Amerikas feierte, wurde in Jerusalem zur Erinnerung daran, daß sich vor vier Jahrhunderten — damals hatte bereits das Weltgericht sein Urteil gesprochen — den Verstoßenen Israels eine neue Heimat auftat, unter den Auspicien der B'nai Brith-Loge eine Bibliothek gegründet, die zu Ehren des Mannes, in dessen Leben sich die Größe und Tragik jener Zeit widerspiegelt, den Namen „Midrasch Abrabanel" erhielt. Aus kleinen Anfängen hat sich diese Bibliothek im ersten Dezenium ihres Bestehens gedeihlich entwickelt. Durch die großartige Schenkung des hochherzigen Idealisten Dr. Joseph Chazanovitz in Bialystok sowie durch eine Reihe kleinerer Schenkungen und Neuanschaffungen ist die Büchersammlung bereits bis zu 30 000 Bänden, größtenteils Hebraica und Judaica, angewachsen. Darunter befinden sich wissenschaftliche Werke von hohem Wert und Spezialsammlungen, wie sie vielleicht in keiner der größten Bibliotheken anzutreffen sind. Seit fünf Jahren ist die Büchersammlung in einem eigenen Heim untergebracht, das einstweilen aus dem rechten Flügel des geplanten großen Bibliotheksgebäudes besteht. Die Anstalt wird vom Exekutivkomitee des B'nai Brith-Ordens in New York mit 1000 Frcs., vom „Hilfsverein der Deutschen Juden" mit 2000 Frcs. und von zionistischen Vereinen mit rund 1000 Frcs. unterstützt. Diese Summen reichen aber zur würdigen Ausgestaltung der Bibliothek nicht aus. Die Verwaltung setzt sich aus Vertretern jener drei Organisationen zusammen. Die Bibliothek hat eine doppelte Aufgabe, eine praktische und eine ideale. Sie soll in erster Linie dem Gelehrten das nötige Hilfsmaterial zu seinen wissenschaftlichen Arbeiten, der studierenden Jugend die erforderlichen Bildungsmittel und dem Volke gesunde, belehrende Lektüre in die Hand geben. Die ideale Aufgabe der Bibliothek besteht aber darin, auf dem historischen Boden Jerusalems die jüdische Nationalbibliothek zu werden, in welcher sämtliche Produktionen des jüdischen Geistes aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein würdiges Heim finden und zusamman ein harmonisches Ganzes bilden sollen. Um' dieses Doppelziel erreichen zu können, bedarf die Anstalt reicher Mittel, die nur durch ausnahmslose Beteiligung aller rüdischen Kreise erzielt werden können. Bei dem kulturellen Fortschritt Palästinas und angesichts der Bemühungen der zivilisierten Nationen, durch Gründung von Volks- und Hochschulen, von archäologischen Instituten, Bibliotheken und Museen ihr Ansehen im heiligen Lande zu heben und ihre Einflußsphäre zu vergrößern, ist es für uns sehr wichtig, daß wir in diesem Wettbewerb nicht hinter anderen Kulturvölkern zurückbleiben. So wollen wir denn den historischen Anlaß zum weiteren Ausbau und zur Vervollkommnung der „Midrasch Abrabanel"- Bibliothek benutzen! Möge jeder Jude, dem noch das Ideal vorschwebt, daß Zion der Mittel- und Ausgangspunkt für Thora und jüdische Wissenschaft sein soll, nach seinen Kräften an der Verwirklichung dieses Planes mitwirken!*) Jesaias Preß. n zu richten an die Redaktion dieses Blattes, die „ .. „ i Beträge quittieren wird, an die Anglo Palestine Company zu Jaffa und Jerusalem, sowie an das Kuratorium der Bibliothek ^Adr. Direktor Eph. Cohn) in Jerusalem.

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