Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 24 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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bodenlosen Arbeitern werden wir nicht weit kommen, die jüdischen Arbeiter können trotz der Begeisterung und der Ausdauer schwerlich mit der spottbilligen Arbeit - bedürfnisloser arabischer Kulis konkurrieren. Es entstehen .Konflikte,, ein Klassenkampf -bricht aus, man agitiert und sucht Lohnbewegungen zu schaffen, — ja, es wäre auch gar nichts Schlimmes dabei, im Gegenteil, wir könnten froh sein, würden tatsächliche Verhältnisse solche Erscheinungen auf natürlichem Wege schon jetzt möglich machen. Aber angesichts der minimalen Arbeitsmöglichkeiten und -gelegenheiten und des noch weniger als embryonalen Zustandes einer Industrie kommen ja all diese verfrühten .Symptome nur als Reflexe vor, die mehr theoretischer als praktischer Natur sind. Es wird auch kaum damit geholfen sein; wenn die Arbeiter ihr eigenes Arbeitsnachweisbureau haben. Man kann diesem oder irgendeinem anderen Bestreben der Selbsthülfe die Sympathie nicht versagen; man kann es auch theoretisch richtig finden, wenn die Behauptung aufgestellt wird, ein allgemeines Informationsbureau könne nicht seine Auskünfte unter dem speziellen Klassengesichtspunkte der Arbeiter erhalten und verteilen, es müsse also ein besonderes Organ für Arbeiter und durch Arbeiter geschaffen werden. All das läßt sich schön reden und schreiben, aber mit offenen Augen betrachtet sind all diese Doktrinen leider „viel Lärm um nichts". Es ist vorläufig noch sehr wenig vorhanden, worüber man informieren könnte, und da sollte man schon eine nach Klasseninteressen differenzierte Informationsarbeit einrichten! Die Grundlage ist noch nicht da, die Arbeitsmöglichkeiten sind äußerstbeschränkt, ein kleines Häuflein jüdischer Arbeiter beginnt sich erst zu regen, das Unternehmertum besteht bisweilen in einigen schwachen Anfängen, — und da soll schon „mit Kanonen auf diese Sperlinge geschossen werden", als ob es sich um einen Großkapitalismus handeln würde. Nicht die den großen Verhältnissen entlehnten und für uns noch nicht reif gewordenen Einrichtungen, sondern zweckentsprechende Verbesserungen müssen eingeführt werden/ Dazu gehört in erster Reihe die Schaffung eines besitzenden Arbeiterstandes. Grundsätzlich hatte Franz Oppenheimer recht, indem. er behauptete, wir dürfen nicht das jüdische städtische Proletariat in ein ländliches umwandeln, weil dies einen Rückschritt bedeuten würde; es sei hingegen geboten, das städtische Proletariat in ein Kleingrundbesitzerelement umzubilden. Nur wird es kaum möglich sein, ein so grandioses und kompliziertes Projekt wie das Oppenheimersche, dessen Verwirklichung auch auf dem Boden modernster sozialer Einrichtungen mit dem bestorganisierten Arbeitermaterial große Schwierigkeiten bietet, bei uns im Anfangsstadium zur Durchführung zu bringen. Deshalb bildet die geplante „Musterwirtschaft" eine rationelle Vorstufe für eine größere genossenschaftliche Organisation. Vom ersten Mittelpunkt aus soll sich ein tüchtiges, geschultes, mit allen Hülfsmitteln einer gesunden, modernen, den lokalen Verhältnissen angepaßten Kultur ausgestattetes Arbeiterelement über das Land ausbreiten. Je mehr die Zahl dieser Musterwirtschaftsarbeiter und ihr Einfluß wachsen wird, eine desto größere Wertschätzung wird die Beschäftigung mit der Landwirtschaft im Volke gewinnen. Die P. L. D. C. wird ihnen dann kleinere, entsprechende Terrains in langfristige Pacht übergeben. Die neuen Pächter oder Kleingrundbesitzer werden dann imstande" sein, kleine Vereine zu gründen, um sich gegenseitig anzuregen, zu belehren, Erfahrungen auszutauschen, zweifelhafte Fragen zu lösen, Versuche mit vorgeschlagenen Neuerungen ins Werk zu setzen usw. . Und sollte es gut gehen, so wird sich eine Ansiedlung an die andere anschließen, wobei zahlreiche Familien ansässig gemacht und mit Landbesitz oder-Pacht ausgestattet werdenkönnen. Angesichts der großen Tragweite dieser Aufgabe hat bekanntlich der Nationalfonds beschlossen, außer einer Kapitalanleihe auch entsprechende Landstrecken, die sich in seinem Besitze befinden, dieser neuen Ge- . Seilschaft zur Bearbeitung zu überlassen. Die N. F.- Ländereien sind sozusagen die Domänen des jüdischen Volkes. Um auf diesem Boden Güter, d. h. produktive wirtschaftliche Werte zu schaffen, muß man sie „entwickeln", urbar machen, bebauen, denn nur in einem solchen Zustande kann man sie gegen bestimmte Zahlungen oder Anteile am Ertrag zur Nutznießung an jüdische Pächter überlassen. Diese Entwicklung (wie es die Engländer nennen) oder Erschließung des Bodens soll die Hauptaufgabe der P. L. D. C. sein. Man kann sich kaum ein schöneres Ziel denken, als daß auf dem Boden des N. F. wirkliche mustergültige Kolonien entstehen, die für die1 Entwicklung der jüdischen Landwirtschaft eine Bedeutung gewinnen werden und die nicht nur bewirtschaftet, sondern mit größerer Sachkenntnis und Sorgfalt bewirtschaftet werden. Es sollen namentlich alle zu Gebote stehenden Kräfte und Mittel benutzt werden, um Verbesserungen in dem technischen Betrieb der Landwirtschaft ausfindig, zu machen; es soll eine bedachtsame; Auswahl der richtigsten Arbeiter getroffen und ein gut zusammenpassendes, zu einem harmonischen Gemeinwesen reifes Pionierpersonal, in festgefügter Zucht und wackerer Ausdauer . unter tüchtiger Leitung, den Anfang zu einem Unternehmen machen, vor dem sich eine an Arbeit und Erfolg reiche Zukunft auftut. Sowohl einzelne Zionisten wie auch der N. F. haben diesem neuen Unternehmen die größte Förderung, die es verdient, angedeihen sein lassen. Es wird nunmehr die Aufgabe der neuen Gesellschaft sein, ihren Kreis nach außen immer mehr zu erweitern, und je mehr praktische Erfolge aufzuweisen sein werden, desto leichter wird es der Gesellschaft sein, neue Kräfte zu werben. Aus all dem ergibt sich mit deutlicher Klarheit die Notwendigkeit einer tatkräftigen Förderung und eines Ausbaues unserer allgemeinen Organisation. Wird tüchtig für unsere Organisation und für alle ihre Institutionen gearbeitet, so können wir. ohne uns in den Rahmen einer direkten kolonisatorischen Tätigkeit einzuengen, durch unseren Besitz und durch unsere Mittel dies und jenes fördern. Das Gesamte führt den Teilen, der Stamm den Zweigen die Kräfte zu. Man braucht nur, um das greifbar vor sich L.zu sehen, den Zusammenhang zwischen unserem neugeschaffenen Palästinamt und dem Unternehmen der Privatgesellschaft P. L. D. C. in Betracht zu .ziehen. Es muß auf die Tatsache hingewiesen werden, daß ein nicht geringer Teil des Vertrauens, das man dem neuen Beginnen der P. L. D. C. mit Recht entgegenbringt, nicht nur dem Projekt an sich, sondern der Person .gilt, die in Palästina den praktischen Versuch machen wird. Und die Beachtung des persönlichen Moments ist ,auch