Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 4 (25.6.1897)
- Article
- Baugedanken für Palästina
- Date
- 1897-06-25
- Page
- 13 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 4. j?it§Wdt: Seite 13. in Aegypten, Assyrien und Babylonien diesen Tempel zeichnerisch weniAens zu reconstruiren, Eine interessante Aufgabe für Gelehrte — für den Neubau dcs Tempels wohl nur von historischem Werthe, und dann das Eine muß ja vor Allem einleuchten, daß der Gottesdienst der Juden seit den Zeiten Salomonis sich von Grund aus geändert hat: der Opferdienst verschwand und statt der gottesdienstlichen Verrichtungen durch Priester trat die — wenn auch vielleicht manchmal vergessene und verkannte, aber doch intendirte — Vertiefung des Individuums in seine eigene Seele: Prüfung, Reue und Vorsätze zu guten Thaten, das soll nach dem Gebettexte der Zweck des Tempelbesuches sein. Wird man auch im neuen Tempel drei Abstufungen machen, so wird doch die Gestaltung derselben eine andere sein: das Volk soll nicht mehr draußen bleiben, es will im Tempel drin den weitesten Raum. Eine gewaltige Aufgabe für den Erbauer des neuen Tempels wird es sein, einen Raum zu schaffen, der Tausende von Menschen fassen soll, deren aller Verlangen aber das gleiche ist: den Blick zum Allerheiligsten frei zu haben. Die modernen Baumittel und Matirialicn geben zur Lösung dieser Aufgabe viel mehr Behelfe, als man je vorher besaß. Aber nicht blos Kolossalität ist der Zweck, sondern auch Ausgestaltung und Schönheit der Formen. Es soll der Bau mit beitragen zur Erhebung und Stimmung des Gemüthes und Geistes. Der Architekt des neuen Tempels muß alle Meisterschöpfungen aller Zeiten kennen und verstehen. Aber er darf sich nicht genügen lassen, das eine oder andere Bauwerk zu copiren, in diesem oder jenem fremden Style zu bauen. Er wird vor Allem die Leistungen der stammverwandten Völker studiren und ergründen muffen und wird hier viele Anregungen, viele gute Lehren finden. Aber die Lösung der ganz eigenartigen Aufgabe muß auch eine ganz selbständige sein. Die Anschauungen unserer Tage über Architekten kommen ihm sehr zu Hilfe. Nach langem Suchen und Ringen ist in der Gegenwart die Anschauung zum Durchbruch gelangt, daß die Architektur kein leeres Spiel mit Formen sein dürfe; jede Form soll der Ausdruck ihrer Bestimmung sein, die Aufgabe der Dccoration aber ist es, nicht die Formen zu verkleiden, sondern ihren Ausdruck zu erhöhen. Und was das Ornament selbst betrifft, so ist, besonders von England ausgehend, das Bestreben überall siegreich, di« alten, überlieferten Bahnen zu verlassen und in der Natur, besonders in der Pflanzenwelt, neue Anregungen und Motive zu suchen. Es ist dasselbe Princip, das die althebräische Ornamentik aufweist. So wird es Aufgabe des Erbauers des Tempels sein, Altes mit Neuem, „Fremdes" mit Stammverwandtem und Ueberliefertem zu einem neuen individuellen Ganzen zu vereinigen. Der Hilfsmittel hat er genug. Und ist der Grundsatz richtig, daß die Architektur, die abhängig ist von Zeit, Verhältnissen und Bedürfnissen, von Klima und Material, von Anschauungen, Auffaflungen und Gewohnheiten, der wahrste, der monumentale Ausdruck einer Zeit, ihre in Stein geschriebene Geschichte ist — so wird auch der vierte jüdische Tempel würdig sein der großen Zeit, die ihm zum Entstehen verhelfen kann. Das Arbeitsprogramrn des Zionist-,r-Congresses wird in einer der nächsten Nummer« unseres Blattes veröffentlicht werden. An mein Kind! Dein Vater und Deine Mutter find Juden, Du gehörst daher dem Judenthume an. Wir haben diese Zugehörigkeit zum Volke Israel von unseren Eltern übernommen. Der Zusammenhang mit der Vergangenheit gibt den Menschen Kraft und Sicherheit. Unsere Mütter waren voll weiblicher und menschlicher Tugenden und ich wünsche, Du mögest Deinen Nachfahren eine so feste Stütze sein, wie sie unserem Charakter Grundlage und Halt geboten haben. Es gibt nichts Schöneres, als die achten zu dürfen, die zu lieben uns die Natur gebietet. Wir dursten das Judenthum nicht aufgeben, ohne einen Bruch in unserem Charakter. Ohne Festigkeit unseres Wesens könnten wir Dich nicht zu dem erziehen, was Du werden sollst — ein charaktervolles Weib. Es gibt nichts Höheres, als die lieben zu können, die zu achten uns die Sitteugesetze gebieten. Wir lieben unsere Eltern und haben allen Grund dazu, wir tragen ihr Bild in unseren Herze» und wollten sie um nichts in der Welt verleugnen. Oder möchtest Du je Dich unser schämen wollen? Wir sind Juden. So mußt Du denn von Jugend auf den Fluch mittragen, einer Minderheit anzugehören, die von der Mehrheit als minderwerthig angesehen wird. Du fühlst Unterschiede, ohne sie zu begreifen, Du erträgst Zurückweisungen, ohne sie zu verschulden, Du erregst Mißtrauen, ohne es zerstreuen zu können. Und doch ist es bester, Du trägst den unverschuldeten Haß und befolgest dabei die Lehren Deines Volkes und Deiner Eltern, alle Menschen ohne Unterschied des Glaubens und der Nationalität mit Deiner Liebe zu umfassen, als schon in früher Jugend im Herzen durch Haß vergiftet sein gegen Angehörige eines anderen Stammes. Die Leiden am eigenen Leibe, sie machen empfindlich für den Schmerz der Anderen, sie erweichen daö Herz und verfeinern Deine Sinne — der Haß verstockt und verroht die Menschen. Das ist ein Vorzug des Judenthums. Und wir übergeben Dir noch einen weit größeren, unseren hohen Stolz, einem Volke zu entstammen, das der gesammten bestehenden Culturwelt seine Sittengesetze dictirt hat. Wenn sie in der Schule die Gesetze der christlichen Religion lehren, dann stehst Du vor der Thüre. Du dürstest zuhören. Echte Priester können füglich nichts sagen, was nicht in den Satzungen Deiner Religion enthalten ist. Was sie darüber hinaus lehren, soll Dich erst recht nicht stören, es gilt der Verherrlichung ihres Messias aus Deinem Stamme. In allen Kirchen der Welt find die Formen lebendig, die das Judenthum geschaffen hat, werden Angehörige des jüdischen Volkes verehrt, in allen Moscheen des Islam gelten Abraham und Moses, unsere Stammväter und unsere Lehrer als heilig. Und gehst Du an Jenen vorüber, die den dunstigen, rauchigen Fabriksräumen enteilen, um in ihren Versammlungen gegen Uebergriffe besitzender Roheit zu protestirrn und siehst Du ihre düsteren Menen sich erhellen beim Anhören dessen, was ihre Führer sprechen, so wisse: Zwei Juden haben jene Thesen aufgestellt, die nach und nach alle Staaten annehmcn werden, nachdem sie längst alle Herzen gewonnen haben. In diesem stolzen Bewußtsein lebe. Trage Dein Judenthum als eine hohe Auszeichnung, lächle Jener, die Dich darob gcringachten, und sie werden lernen, Dich zu schätzen. 8t. Die Rcdaction.