Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 4 (25.6.1897)
- Article
- Baugedanken für Palästina
- Date
- 1897-06-25
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12. JPifigW® Nr. 4. der Gegenwart ist nur ein offener Creditbrief auf die Zukunft. Stamm- und glaubensverwandtschaftliche Sympathien verhalfen ihnen zu eigenen Staaten, und als es gal», diese einzurichten, da wurde das hiezu nöthige Mobiliar auf dem Trödelmärkte europäischer Cultur alt, abgebraucht, zu billigem Preise erstanden. Verfassung und Verwaltung, Kunst und Wissenschaft, Alleist in diesen jüngsten europäischen Staatengebilden Marktwaare, unangepaßt und darum schlecht sitzend, fremd und nicht verstanden. In anderer Lage befanden sich die Neugriechen. Sie dürfen sich der vornehmsten Ahnen rühmen, die je ein Volk besessen. Bewundernd steht die gesammte Culturwelt zu den Geistes- und Kunstwerken der alten Hellenen auf. Selbstverständlich nahmen ihre zu Ansehen gekommenen Nachkommen diese Schütze ganz besonders für fich in Anspruch, vergaßen aber dabei des Dichters Mahnung: Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen. Die altgriechische Kunst, speciell die Architektur ist die formschönste aller Zeiten — aber sie ist es nicht zum geringsten auch deshalb, w il sie den Bedürfnissen damaliger Zeit den wunderbarsten Ausdruck zu geben verstand. Diese Formen, auf moderne Zwecke unverändert angewendet, werden inhaltslos, schal. Ein Zeustempel, ohneweiters in eine christliche Kirche umgewandelt, vermag im Besucher durchaus nicht jenen Schauer zu erregen, von dem die alten Schriftsteller berichten. Es ist eine auf Erfahrung beruhende Lehre, welche die Bibel ertheilt: Man soll neuen Wein nicht in alte Schläuche füllen. Aus den Beispielen der anderen in gleicher Lage gewesenen Völkerkönnen die Juden lernen. Nicht eine Wiederhervorzerrung der alten, ihrer Zeit entsprechenden, nun aber längst überholten, todten Formen und Zustände dürfen und sollen sie erstreben; nicht Reaction, Rückwärtsbildung, soll das Losungswort sein, sondern Renaissance, Wiedergeburt. Mit einer großen Summe Intelligenz, mit universeller, an allen Culturstätten der ganzen Welt erworbener Biltung, mit Kenntnissen und Fähigkeiten ausgestattet, sollen die Juden — an die Ausgestaltung und Ausstattung ihres eigenen Heims gehend — durchaus nicht Alles vergessen, was sie in der Diaspora gelernt und gesehen haben. Dieses eigene Heim der Juden soll modern im vollsten Sinne des Wortes sein, aber es soll auch noch mehr sein: ihre Individualität muß darin nach einem eigenen, eigenartigen Ausdruck streben. Das ist die Aufgabe der Kunst im jüdischen Staate. Es ist ein alter Gemeinplatz, daß die Juden keine Begabung hätten für bildende Kunst, gleich allen Semiten überhaupt. Schon von den Erzvätern wird berichtet, daß sie kleine Hausgötterbilder, Teraphim hatten, Bilder von Holz oder Stein mit einem Ueberzug von edlem Metall. Die Lust, Schutzgötter in Thiergestalt zu verehren, brach ja noch zu Mosis Zeiten durch, wie die Erzählung vom goldenen Kalbe beweist — und er selbst stellte zur Heilung der Aussätzigen ein Schlangcnbild auf. Was von hebräischer Kunst bis auf die Gegenwart fich erhalten hat — leider sehr wenig, hauptsächlich die in Palästina noch vorfindlichen Felsengräber — zeigt eine Ornamentation, welche der Kunst der zeitgenössischen Völker, der Babylonier, Assyrer, Perser, durchaus nicht nachsteht und durch nationale Eigenart gekennzeichnet wird. Die Darstellung der Oel- und Palmzweige, der Weintrauben, der Wein- und Epheublätter zeigen großen Sinn für Stylisirung der Natur. Daraus ergibt fich wohl, daß nicht angeborene Unfähigkeit das jüdische Volk von der bildenden Kunst abhielt, sondern die Religion, welche die Anbetung des geistigen Gottes lehrte und den Bilderdienst, als zum Götzendienst führend, verpönte. Man darf auch nicht vergessen, daß die jüdische Kunst durch den Untergang der Selbstständigkeit des Reiches zu einer Zeit erstickt wurde, da die bildende Kunst auch bei allen anderen damaligen Culturvölkern auf einer sehr primitiven Entwicklungsstufe stand. Der den Juden verwandte Stamm der Araber zeigt, wie leistungsfähig die Semiten auch in bildender Kunst sein können. Die Araber ahmen die lebende, bewegliche Natur nicht nach, da auch ihnen es die Religion verbietet, dafür aber variiren sie die Natur ganz selbständig eigenartig, und diese Variation ist das Köstlichste, was in decorativer Kunst überhaupt und irgendwo geschaffen wurde. Die Araber find genug kunstverständig, um sich bei ihren Schöpfungen nicht blos auf Verwendung und Weiterbildung von Stammesüberlieferungen zu beschränken. Sie nehmen die Errungenschaften anderer Völker an, wandeln sie nach ihrer Eigenart um und bauen darauf weiter, herrliche Kunstwerke hervorbringend, die wiederum der abendländischen Kunst Grund'age und Anregung sind. Ist es doch nicht zu leugnen, daß der gothische Styl den sarazenischen Banwerken in Sicilien und Spanien viel verdankt. Mag aber auch an Formcnsinn der Occidrnt dem Oriente überlegen sein, an Farbensinn kommt er ihm nicht einmal nahe. Ab Oriente lux. Nicht blos das Licht, auch die Farbe kommt vom Osten. Und ein Volk dieses Stammes, ein Volk, dessen in Worten ausgedrückte Bilder und Schilderungen einen Michel Angelo und Rembrandt, einen Rafael und Dürer so hoch zu begeistern vermochten, daß diese die Worte in Formen und Farben umbildeten — dieses Volk kann nicht des Sinnes für bildende Kunst entbehren, auch wenn es nicht schon in den kurzen Jahren, seitdem es den Juden gestattet ist, fich auch der Kunst zu widmen, durch so viele Einzelbeispiele seine Fähigkeit bewiesen hätte. Da die Hebräer, kämpfend und abwehrend, in Kanaan, dem gottverheißenen Lande, einzogen, da wurde die Bundeslade überall mitgetragen und sie barg die unübertroffene Quintessenz aller Gesetzgebung in sich: die zehn Gebote, eingemeißelt in die steinernen Tafeln. Bei der Seßhaftmachung nahm die Stistshütte die Bundrslade auf und war der äußere, sichtbare Ausdruck der jüdischen Selbstständigkeit und Eigenart. Der Tempel Salomonis war nur die monumentale Ausgestaltung der Stiftshütte. Als die Juden aus der babylonischen Gefangenschaft heimgekehrt waren, bauten sie den zweiten Tempel in den Formen des früher bestandenen salomonischen wieder auf, wenn auch nicht in der alten Pracht und Kostbarkeit. Freilich war der Zeitraum, der dazwischen lag, nur 70 Jahre. Der Tempel des Herodes, den Titus zerstörte, lehnte sich an die römisch-griechische Bauweise an. Wo immer die Juden in der Diaspora weilten, wenn ihrer nur so viele beisammen waren, daß eine Gemeinde sich bilden konnte, entstanden auch jüdische Gotteshäuser — in den Bauweisen der verschiedenen Länder und Zeiten. Würden die Juden einen eigenen Staat wieder gründen, müßte es ihre Aufgabe sein, vor Allem wieder den Tempel zu. errichten. Es gibt schon heute eine große Zahl jüdischer Gotteshäuser in Palästina, ihre Zahl würde mit der Nnwanderung zunehmen, aber der Tempel allein, der Nachfolger des salomonischen, wäre daS Symbol der wiedererstandenen jüdischen Freiheit und Selbstständigkeit. Es frägt fich nun, wie soll dieser neue, vierte Tempel gebaut werden, in welcher Art und in welchen Formen? Der Tempel Salomonis war von einem phönizischen Baumcister, Stiräm Ms mit Namen, erbaut worden, dessen Ruhm den König veranlaßt hatte, ihn zu berufen. Die phönizische Bauweise mochte der jüdischen ähnlich sein und beide lehnten fich an die ägyptische an. Aber das specifisch jüdische Motiv der Stistshütte ist im salomonischen Tempel aufs kräftigste betont. Der Tempel zerfiel in drei Abtheilungen, oder richtiger Abstufungen: er bestand aus dem Vorraum, dem Heiligthum und dem Allerheiligsten. Das Heiligthum war von geweihten Räumen umgeben, von einem Borhofe der Priester und einem des Volkes, die durch eine niedere Mauer von einander geschieden und durch eine gemeinsame Mauer wieder eingeschlossen waren. Im äußeren Vorhofe waren Wohnungen angeordnet für die den Tempeldienst versehenden Leviten, im inneren stand der große Brandopferaltar. Seit jeher bemühen sich Theologen und Archäologen, nach den Schilderungen der heiligen Schrift und unter Anlehnung an die Ausgrabungen und Funde