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Die Welt · 1908-05-08 · 18 (8.5.1908) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
18 (8.5.1908)
Date
1908-05-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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6 DIE2Q&ELT No. 18 ,So eifre jeder seiner unbestochenen, von Vorurteilen freien Liebe nach!' Irgendetwas muß doch einst geschehen, um gegebene historische Tatsachen zur Grundlage einer neuen, ganz einheitlichen Kultur zu machen. Und dieses Eine kann nur die Verschmelzung sein... . Möge doch jeder, welcher Abstammung er auch sei, reinen Herzens sein Bestes tun und das übrige getrost dem lieben Gott überlassen, möge sich keiner irritieren lassen, weder durch übereifrige Zionisten und Davidsbündler, noch durch deutsche Ideologen, die sich selbst vordefinieren, was deutsch sei. Verehrter Essayist, diese Vorfrage : „Ist Lessings Nathan denn so wenig ins Volk gedrungen", muß keine rhetorische bleiben. Der steinerne Moses Mendelssohn, vorläufig noch immer in dem Modellausstellungssaal der jüdischen Kultusgemeinde in Berlin, er selbst, der weise Nathan, also der beste Kronzeuge, kann sie Ihnen in seiner wehmütigen Ghettovereinsamung schnell beantworten. . Sie meinen, „um das jüdische Problem so wichtig zu' nehmen, um dagegen alle Begriffsgarden der Ethik, Ästhetik und des Patriotismus aufmarschieren zu lassen, müsse (bei den Christen in Deutschland) ein großes Gefühl der Urkraft vorhanden sein". Ist dem wirklich so, desto schlimmer. Wenn das deutsche Volk wirklich diesem einen Prozent Juden gegenüber sich schwach fühlen sollte, — um so mehr wird es sich gegen sein Einfließen wehren. Und wenn dieses Prozent wirklich so voll geheimnisreicher Kraft ist, — wozu diese Kraft zur Bastardierung verwenden? Wozu der Kampf zwischen Wollen und Nichtkönnen, Können und Nichtwollen, der sub specie einer höheren Einheitskultur seit eineinhalb Jahrhundert keine Sieger und keine Besiegten, aber auch keinen Friedensschluß gebracht hat? Den nutzlosen Kampf in freies Spiel der Energienauf getrennten Sphären verwandeln, ist das Übereifer? Oder ist es nicht vielmehr Übereifer, Volkskräfte, diesen organischen Komplex jahrtausendelang wirksamer und sich entfaltender Triebe, durch einen kategorischen, sittlichen Imperativ regieren zu wollen? „Möge doch jeder, welcher Abstammung. er auch sei, reinen Herzens sein Bestes tun, nacheifern seiner unbestochenen, von Vorurteilen freien Liebe!" Das allerdings kann ein Imperativsein für ein Volk. Aber das eben ist der zionistische Imperativ. Der andere, der der Verschmelzung, — das eben sah der weise Nathan nicht, konnte es vielleicht noch nicht sehen, — ist bestochen und diktiert vom Vorurteil, „das sich selbst vordefiniert, was jüdisch ist": vermeintlich nur eine veraltete Konstruktion" der Nichtjuden, und eine Störrigkeit der Juden .... Doch, wo sind wir hingeraten von den Denkmälern, und was soll mit ihnen geschehen? Eine traurige Sache — aber das beste wäre, sie in eines der „Museen für jüdische Altertümer" zu stecken. Für die Erinnerungen des lebendigen Judentums wird man hoffentlich nicht um Gastfreundschaft beim Gemeindevorstand von Düsseldorf betteln müssen. Des ist ein Brief Zeuge, den die Leitung des „Jüdischen Museums" in Wien empfing, als sie von den Kuratoren des Herzischen Nachlasses „im Interesse späterer Geschichtsforschung" die „Reliquien" erbat, die er hinterlassen. Das Antwortschreiben lautete: Verehrter Herr Präses! Besten Dank in meinem Namen und im Namen der Kuratoren für Ihr sehr geehrtes Schreiben vom 31. d.M. Wir haben alle die Empfindung, daß die bewußten Gegenstände eine historische Bedeutung fürs ganze Judentum haben: deshalb wurde die gesamte.Einrichtung von Herzls Arbeitszimmer nach Köln gebracht und' dort sorgfältig aufgestellt. Unter günstigeren Verhältnissen wird alles nach Palästina befördert werden. . L. Kellner Wenn aber der geschätzte Herr Präses des Museums, der zugleich Präsident der Wiener jüdischen Kultusgemeinde ist, Bedarf für die größte, allerdings über alle Länder hingestreute Reliquie Herzls hat, — man nennt sie Zionismus, — so kann er immer einen Teil davon haben, — allerdings nicht fürs Museum. Criticus Das jüdische Element bei einer politischen Wahl in England (Von unserem Berichterstatter) Die für lange Zeit wichtigste politische Wahl, die in Manchester, hat nunmehr stattgefunden und hatte mannigfache Umstände im Gefolge, die ein grelles Streiflicht auf die politische Lage der Juden dieses Landes werfen. Die Wahl war dadurch veranlaßt, daß das Parlamentsmitglied für Nord-West-Manchester, Mr. Winston Churchill, als Präsident des Handelsamts ins Kabinett berufen worden war, nachdem durch die Ernennung von Mr. Asqülth zum Premierminister an Stelle Campbell-Bannermans eine Neubildung des Kabinetts erforderlich geworden war. Nach der englischen Verfassung muß ein Parlamentsmitglied, das ins Ministerium berufen worden ist, sich einer Neuwahl unterziehen, ein Fall, der also jetzt auf Mr. Churchill zutraf. Bei den allgemeinen Wahlen im Jahre 1906 war er mit einer Majorität von 1200 Stimmen' gewählt worden. Sein damaliger Gegenkandidat, der Konservative Mr. Joynson-Hicks, stand ihm auch jetzt wieder gegenüber. Indessen war diesesmal die Lage durch die Kandidatur eines Sozialisten verwickelter als damals. Der sozialistische Kandidat wußte sehr wohl, daß er gar keine Chancen, gewählt zu werden, hatte. Seine Kandidatur sollte lediglich eine Kräftprobe der sozialistischen Partei in Manchester bedeuten. Die Liberalen, die jetzt am Ruder sind, wünschten selbstverständiich den Sitz in Nord- West-Manchester, der vor 1906 immer von einem Konservativen eingenommen worden war, zu behalten; indessen hatten sich ihre Aussichten durch die von der gegenwärtigen liberalen Regierung eingebrachten Gesetzentwürfe mit Bezug auf die Unterrichtserteilung, die Beschränkung der Konzessionserteilung für Gastwirtschaften und die gesetzlichen Beschränkung der Arbeitszeit der Minenarbeiter sehr vermindert. Bei jeder solchen Wahl versucht jede Lokalorganisation, gleichviel ob sie religiösen oder geschäftlichen Charakters ist, von den Kandidaten Versprechungen im Sinne ihrer Sonderbestrebungen zu erhalten, wofür sie dann anderseits die Unterstützung der Mitglieder ihrer Organisation zugunsten des betreffenden Wahlkandidaten in Aussicht stellt. Es ist daher natürlich, daß auch die jüdischen Wähler von einer solchen Kombination Gebrauch machten. Das war auch schon bei früheren Wahlen geschehen, dagegen war es ein Novum in der englischen Geschichte, daß auf die jüdischen Stimmen so sehr Gewicht gelegt wurde, wie dies bei der jüngsten Wahl in Nord-West-Manchester tatsächlich der Fall war. Die Zahl der jüdischen Wähler in diesem Wahlbezirk beträgt ungefähr 900, bei einer Gesamtzahl der jüdischen Bevölkerung Manchesters von 30000. Die jüdischen Wähler, die sich ihrer Stärke bewußt waren, beschlossen, diese zum Wohle des jüdischen Volkes auszunutzen. Bei den allgemeinen Wahlen im Jahre 1906 hatten sie mit sehr geringen Ausnahmen für den_ Liberalen Churchill gestimmt, weil er bei der Debatte über das Fremdengesetz im Parlament dagegen gesprochen hatte und zudem versprochen hatte, im Falle seiner Wiederwahl dafür einzutreten, daß es nicht zur Anwendung gelange. Churchill, ein Sohn des bekannten englischen Politikers, des verstorbenen Lord Randolph Churchill, ist ein warmer Freund der Juden und, obgleich erst 34 Jahre alt, als ein sehr fähiger Staatsmann bekannt. Im liberalen Ministerium von 1906 war er Unterstaatssekretär für die Kolonien. Ungeachtet der Versprechungen, die er seinen jüdischen Wählern gemacht hatte, war indessen in der Handhabung des Fremdengesetzes in keinem wichtigen Punkte eine Änderung erfolgt. Zwar war die Zahl der Einwanderer, die das von ihnen benutzte Schiff zu einem Immigrantenschiff stempeln, ^das den Bestimmungen des

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