Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 18 (8.5.1908)
- Date
- 1908-05-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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4 DIE^ELT No. 18 Suchen eines Adoptivzions für Vagabunden, das Verlangen irgendeines Landes mit jedem frischen Tag wie warme Semmeln, Projekte momentaner Herbergen, mit der Flüchtigkeit und Zusammenhangslosigkeit, dem Hin- und Herschwanken in einem Traumreich, in dem die Sonne auf-und untergeht nur getadelt! Alles —'■ es mag noch so wohltätig und hilfreich mit der Gunst aller hohen Gönner sein, Zionismus ist es nicht! Aus der zionistischen Bewegung soll sich ein neues Gebilde erheben, qualitativ von den bisherigen unterschieden, nicht Multiplikation der alten. Wir sind nicht gekommen, um nach'zu schaffen, sondern um zu schaffen. Der Ausgangspunkt unserer Bestrebungen war, dem jüdischen Stamm eine höhere Stufe nationalfreier Existenz zu eröffnen. Mehr und mehr haben sich diese Bestrebungen zu einem palästinensischen Programm verdichtet, und mögen die Meinungsverschiedenheiten in bezug auf die Politik und die praktische Arbeit um und in Palästina noch so groß sein, — eine Verdrängung und Verdünnung des konkreten zionistischen Prinzips wird nie mehr gelingen. Es hieße sich fatalen Mißverständnissen aussetzen, unsere Organisation herabwürdigen und über ihre Kraft sich täuschen, wollte man auf ihre Funktionen ein System der Auslegung anwenden, welches für Kaufkontrakte oder Pachtverträge, aber nicht für Parteiprogramme paßt. Wir müßten in diesem Falle um den Zusammenbruch unserer Organisation zittern, scheu und ängstlich in fortwährender Unsicherheit zu den Tribunalen hinaufschauen, ob nicht richterliche Strenge uns irgendeine Glosse zu einem Text anders auslegen wird. Ein „lapsus calami", der Mangel einer Stempelmarke, die Unterlassung irgendeiner Formalität, das Versäumen einer Frist könnte uns aus unserer geschichtlichen Bahn ablenken. Sind das nicht eitle Kindereien einem Volke gegenüber? Ist die Komödie nicht abgeschmackt, einen Richter, und mag er so weise wie Salomo sein, über Dinge urteilen zu lassen, die ihm wie ein Labyrinth erscheinen müssen? Was bedeuten hier die Paragraphen? Solche Dinge müssen psychologisch interpretiert, es müssen ihnen seelische Vorgänge unterlegt werden, die niemals unmittelbar festgestellt werden können, sondern nur dem in die Seelen eindringenden Verständnis zugänglich sind. Für den Psychologen ist es klar: die ganz große Mehrheit der Anteilinhaber hat für den Zionismus die Mittel bestimmt. Palästina war die einzige allgemein verständliche Parole. Das Plebiszit, das technisch unmögliche, das verlangtworden ist, existiert für uns in jeder Regung der nationalen Geschichte. Die Leute, die darüber nicht erst abstimmen, halten es für selbstverständlich. Übrigens hat jedes Volk und jede Partei eine große indifferente Masse, und man kann nicht verlangen, daß alle Leute Politiker sein und ewig mit ihrer Leitung korrespondieren sollen. Diejenigen, die überhaupt Stellung nehmen und auf dem laufenden sind, die Erreichbaren, haben sich in ihrer großen Mehrheit für die Abänderung ausgesprochen. Das geschah schon einmal, und da sagte ein früherer Richter: da capo, neue Annoncen! Es geschieht. Wieder eine ganz große Majorität auf unserer Seite. Ein Prpzeß spielt sich ab: Ein endloser Redetaumel entfesselt sich vor einem homo hovus: fragmentarische Anführungen, buntschillernde Bilder, geistreiches Tändeln, leichtfertige Pointen, Reden mit großer Weitschweifigkeit. Über all dies soll ein guter, fremder Mann urteilen. Und wenn er auch die besten Absichten hat, — aus der Seichtheit der Formalitäten kann er nicht heraus. Oder er packt das Thema von einer gewissen^Seife an, von der ihm zugänglichsten, ---— die./GescMchte^mit dem großen Volke, mit den politischen Häfsmög^chkeiten in der ganzen Welt, — und' macht so zuvsage»;pei dieser Spitze Halt, ohne auch nur zu ahnen, was' .in den Tiefen liegt. Die Wissenschaft der Rechtsprechung, in der man sich auf den Grundlagen bewegt, welche die Römer gelegt haben, mit all den Zusätzen der englischen^ Bills, vor deren monstrualer Masse es auch einem Jurisprudenzgenie etwas grausig wird, mag eine ganz bedeutende Domäne menschlicher Weisheit sein. Aber daß ein Funktionär auf diesem Gebiete uns sagt: so oder anders soll das „große Volk" sich helfen, das ist nicht einmal komisch. Der Zionismus wird verkannt, die Sache wird als eine Aktionärenfrage aufgefaßt. Man könnte ebensogut nach den schablonenhaften Vorschriften der Aktiengesellschaften irgendein anderes nationalgeographisches Bestreben eines strebenden Volkes in Abrede stellen. Denkt euch, ein jüdischer Richter wird auf Grund des „Choschen Mischpat" bei der Frage einer englischen Gesellschaft für den geozentrisch-englischen Charakter eines nationalen englischen Unternehmens, für die Erhärtung dieser Tatsache ein technisches Kriterium verlangen, das in der Praxis unausführbar ist! Das kann aber nur uns passieren. Eine Goluthblüte! Es ist eine Kuriosität, die die Zufälligkeiten und die Launen unserer Diaspora illustriert. Es ist so ganz eigentümlich mit unserer Zerstreuung, mit den verschiedenen Zentren und den verschiedenen Landesgesetzen, mit dem "geographisch-juristischen Wirrwarr der früheren Wiener Zentrale, des Baseler Kongresses und der Londoner Bank für das palästinensische Ziel, wie auch mit der komplizierten Aufgabe, für ein Ideal Banken gründen zu müssen u. dergl. Bei all diesen anormalen Notwendigkeiten kann es auch nicht ausbleiben, daß man sich in solche Prozesse verwickelt sieht und daß man Urteilssprüche zu hören bekommt, die man nicht erwartete. Es sind Äußerlichkeiten, die man mit dem Zionismus in seiner inneren Gestaltung nicht verwechseln darf. Wir sind der fremden Form gegenüber unfrei, und der Richter mochte nach seinem Ermessen über Texte und Termine urteilen. Aber im Inhalte und im Wesen des Zionismus sind wir frei, und für uns haben wir die Frage der Bestimmung unserer Finanzinstitute gelöst. Wir haben eine solide, legale Grundlage im palästinensischen Zionismus gelegt und unsere Pfähle so tief eingetrieben, als wir es mußten, um festes Land und sicheren Boden zu gewinnen. Unsere Bank wird nicht allen Winden preisgegeben werden; sie ist nur dazu da, um uns unserem bestimmten Ziele näher zu bringen. Die Gewähr dafür liegt in uns, in unserer großen Majorität. Was würden alle Texte helfen, wären unsere Majorität und ihre Vertreter keine Zionisten? Das Zwängen in ein Schema würde nichts helfen. Alles ist von der Gesinnung abhängig. Sie, und nicht eine fremde Rechtsprechung, ist imstande, die Organisation zu stützen und zu halten. Es genügt nicht, die Texte festzulegen und Paragraphen-Mannequins als Führer zu haben. Wären letztere keine treuen, palästinensischen Zionisten, sie könnten alles sophistisch drehen und auch im Rahmen eines absolut palästinensischen Wortlauts der