Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 17 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Lemberger sozialistisches Blatt manche interessante^" Nachrichten. DÜ:.Städtchen heißt Kanczuga. Alljährlich wird dort in der Karwoche im Zentrum der Stadt eine abscheuliche Judasfigur unter schrecklichen -Geschreien des Pöbels gehängt Während dieser Zeremonie werden insbesondere heftige Flüche auf die Juden geschleudert, welchen sich sogar die „Spitzen" der Stadt, also Beamten und die übrige Intelligenz anschließt. Die jüdischen Häuser werden mit Kot beworfen. Auch Fenster werden in den jüdischen Wohnungen eingeschlagen. Die Juden durften sich selbstverständlich damals sogar auf den Straßen nicht zeigen; trifft aber der fanatisierte Pöbel einen Juden in den Gassen der Stadt, dann wird er blutig geschlagen und die Sladtpolizei sieht diesen Vorgängen ruhig zu. Auch in andern größeren Städten geschieht dasselbe und die Landesregierung toleriert nur diesen abscheulichen Unfug. — Denn Galizien will noch lange nichts von Kultur und Fortschritt wissen. Der Lemberger Gemeinderat und die Juden Anläßlich der letzten Gemeinderatswahlen in Lemberg wurde unter den jüdischen Wählerkreisen viel über eine merkwürdige Bestimmung der Gemeinderatsstatuten gesprochen, die am besten beweist welcher ungerechten Erniedrigung die jüdischen Bürger in Lemberg ausgesetzt sind. Auf einigen jüdischen Wählerversammlungen wurde nämlich die Forderung erhoben, eine solche Zahl von jüdischen Gemeinderäten zu beanspruchen, wie sie dem Verhältnisse der jüdischen Einwohner Lembergs und insbesondere ihrer Stimmenanzahl entspricht. Die Juden bilden in Lemberg 30°/o der Gesamtbevölkerung und sogar mehr als 40° « der Wahlberechtigten, während es traditionell heißt, daß sie für sich höchstens neunzehn von denhundert Gemeinderäten verlangen können. AufeinerVersammlung der jüdischen Kaufleute beantwortete nun der bekannte Assimilantenführer Feldstein eine diesbezügliche Interpellation dahin, daß das Gemeinderatsstatut «ine solche Vermehrung der jüdischen Gemeinderäte nicht zuläßt da es genau bestimmt daß, wenn die Zahl der Juden im Lemberger Gemeinderate zwanzig übersteigen sollte, die christlichen Gemeinderäte einen besonderen Rat bilden müssen, welcher alle christlichen Angelegenheiten der Stadt zu besorgen hätte. Feldstein, der selbst Gemeinderat ist, gab zugleich zu, daß diese Bestimmung eigentlich nur den Zweck verfolge, den Juden die Möglichkeit zu rauben, für sich mehr als zwanzig Sitze im Gemeinderate zu beanspruchen. — Die antisemitisch-polnische Bürgerpartei, die sogenannte „Strzelnica", welche bis nun die Majorität im Gemeinderate besaß, droht sogar, daß sie, wenn die Juden schon' zwanzig Gemeinderäte wählen würden, einen besonderen christlichen Rat bilden werde, und überläßt daher den jüdischen Wählern nur neunzehn Mandate. Nun wurden aber Stimmen laut, daß es für die Juden von keiner Bedeutung sei, wenn die übrigen Gemeinderäte einen besonderen christlichen Rat schaffen sollten, der nur über die christlich-religiösen Angelegenheiten zu entscheiden hätte, da es schon jetzt eingeführt sei, daß Juden in christlichen Kirchensachen niemals das Wort ergreifen oder sogar mitstimmen. Man wollte trotz dieser Bestimmung mehr als zwanzig jüdische Gemeinderäte wählen und diesbezügliche Unterhandlungen einleiten. Dem widersprach aber Feldstein, indem er davor warnte, die Polen zu „provozieren", und trotzdem er das gute Recht anerkannte, riet er aber davon ab, von diesem Rechte doch einmal Gebrauch zu machen. Noch einmal sahen wir also klar, wie die Assimilantenführer das uns staatsgrundgesetzlich garantierte Recht mit den Füßen zu treten erlauben und die jüdischen Interessen schmählich schädigen, nur um sich die Gunst der polnischen Behörden und Parteien zu erschmeicheln. Die Juden in der Advokatur Am 8. April fand in" Petersburg eine Sitzung der Dumakommission für die Justizreform statt, auf der die Judenfrage in de"r Advokatur behandelt wurde' Die Frage war folgende: In dem von der Regierung verfaßten Gesetzprojekt der Justizreform wird vorgeschlagen, daß die seit 1889 existierenden Beschränkungen bei der vom Justizminister abhängenden Ernennung der Juden zu Privatverteidigern und Rechtsanwälten weiter behalten werden sollen. Auf der Sitzung wurde der Antrag gestellt daß die obengenannten Beschränkungen abgeschafft werden sollen. Da man von vornherein auf diesen Antrag vorbereitet war, so hatte sich die Kommission in voller Zahl versammelt. Abwesend waren nur einige Mitglieder der Rechten und der einzige der Kommission angehörende Sozialdemokrat. Der Antrag wurde gestellt vom Kadetten Adschetnow und unterstützt von den polnischen Deputierten Partschewski und Dymscha wie auch vom Kadetten Tchernoswitow. Im Namen des Justizministeriums sprach der Vizeminister Luce, welcher den Antrag bekämpfte, indem er behauptete, daß diese Frage keineswegs von der Kommission gelöst werden kann, sondern auf gesetzgeberischem Wege durchgeführt werden sollte. Den Vizeminister unterstützten: das Mitglied der Rechten Graf Steint Fermor und der Oktobrist Fürst Tenischew. ■'■ Bei der Abstimmung wurde der Antrag über die Abschafft der Beschränkungen für Juden in der Advokatur, und zwar v Privatverteidiger, mit der Mehrheit von 21 gegen 8, für Rechtsanwi von 15 gegen 14 angenommen, ein Teil der Oktobristen stinri mit der Linken. > Wenn man die Stimmung der Dumamehrheit in Betracht zi< so bildet der Beschluß der Kommission gewissermaßen eine Üb raschung. Und deswegen existiert die ernste Gefahr, daß er tf der Duma nicht angenommen wird. Und das ist auch zu erwarti Dr. Nathans zweite Palästinareise . Herr Dr. Paul Nathan hat sich zum zweitenmal nach Palästi begeben, um persönlich daselbst die Vorbereitungen für die nächst Schulgründungen des Hilfsvereins der Deutschen Juden zu trefft Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat nunmehr, nachd« der Umfang des Schadens und der genaue Plan für das Hilfswe festgestellt ist weitere 10000 Francs zugunsten der Geschädigt in Haskieu überwiesen. KORRESPONDENZEN Zum Abschluß der Anglo Palestine Co. für 19c Die A. P. C. zahlt zum erstenmal Dividende, und zwarglei 33 •»" 0. Diese Nachricht wird in allen zionistischen Kreisen n Freude vernommen worden sein. Sie beweist daß unser palästine sisches Bankinstitut rüstig fortschreitet und daß in Palästina dui rationelle wirtschaftliche Tätigkeit Geld verdient werden kann, i~ sie gibt Aussicht auf höhere Dividende auch beim Jewish C0I01 Trust; denn bei einem Besitz von rund £ 69000 A. P. C. Sh werden dem J. C. T. bei Aufrechterhaltung von 3S * ".0 Divid« jährlich rund £ 2500 Einnahmen aus der A. P. C- Dividende fließen, die gerade l°,o Dividende auf das Aktienkapital des J. C.1 von rund £ 250000 ausmachen und es ihm erlauben werden,' Zukunft statt 2' s ",o Dividende auch seinerseits 3' s " u auszuschüT Somit treten beide Papiere dem Anlagekreis seriöser Kapital etwas «näher. Und es dürfte in Zukunft die Placierung un« Bankaktien wesentlich erleichtert werden. Und das ist sehr notwendig. Denn der erfreuliche Zi fremder Gelder an die A. P. C, den ich im Vorjahr (Welt 1907 Nr. konstatieren konnte, hat leider nicht angehalten. Die g< fremden Kreditoren der A. P. C. betrugen am 31.12. 1906 £ am 31. 12. 1907 £ Iii"» minus £ 10 IL und selbst wenn man in Betracht zieht, daß bei dem Jerusalem] Run von der A. P. C. £ 24000 entzogen wurden, die er langsam zurückfließen dürften, ist der Fortschritt nicht befriedigen! Dagegen ist die Inanspruchnahme des J. C. T. durch ds Tochterinstitut außerordentlich gestiegen. ■ Es betrugen in £ Besitz des J. CT. an A. P. C. Aktien Besitz der A. P. C.an J. C. T. Aktien Überschuß des Besitzes des J. C. T. an A. R C. Aktien Credit des J. C. T. an die A.P.C. Gesamtii anspruch; nähme dq J.C-T.dnr die A. P-ü 31. 12. 1906 38833 20596 18237 j 49449 6769 31. 12. 1907 68S29 20415 48414 83795 + 34346 132 20j "+6452i + 1907 + 29996 — 181 + 30177 Der J. C. T. hat aber jetzt in der A. P. C. £ 172209 stecfc d. h. mehr als die Hälfte seines Aktienkapitals und fast ein Drit aller ihm zur Verfügung stehenden Gelder, und diese Inanspruc nähme des J. C. T. hat sich von 1906 auf 1907 fast verdopp« Diese Tatsache sichert uns mehr als alle Statutenänderung vor der Möglichkeit außerpalästinischer Experimente des J- C* Da aber die Geldmittel des J. C. T. nur sehr langsam zunehme so ist es klar, daß hier der Entwicklnng auch der A. P. C. in a sehbarer Zeit eine Grenze gezogen ist, wenn es nicht gelingt, duf Placierung größerer Posten A.P. C-Aktien im Publikum und eventa« spätere Einführung an der Londoner Börse unserem palästinensisch Institut eine breitere Basis zu geben. Dr. H. G. Heynia