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Die Welt · 1908-05-01 · 17 (1.5.1908) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
17 (1.5.1908)
Date
1908-05-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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12 DIE 3qKE LT ' Hinter ihnen kommt die „Infanterie" — die Fußsoldaten, vor der Brust die Warenkästchen, die angefüllt sind mit allen möglichen Kostbarkeiten: Hemdknöpfen, Manschettenknöpfen, Ringen, Messern, Scheeren, „feuervergoldetem" Schmuck u. dgl. An Sie schließt sich die „leichte Kavallerie", die Husaren, Dragoner oder Kosaken — die jungen „Peddler" im Alter von acht bis achtzehn Jahren, die keine Wagen besitzen und keine Kästen, die ihr Warenlager in den Händen tragen, z.B.: Bündchen Meerrettich, Schnittlauch, ein halbes Dutzend Taschentücher, ein Päckchen Streichhölzer, ein halbes Dutzend Kerzen, und so weiter billiges Zeug. Zwei, drei noch schlaftrunkene Polizisten kommen trägen Schritts von der Station und beziehen gähnend den „Posten" auf dem Schlachtfeld. Es beginnt zu "wogen und zu rauschen. Artillerie, Infanterie und Kavallerie fangen an, sich zur großen Bataille zu rüsten. Die Hauptsache ist, wie bei allen Schlachten, sich zunächst eine gute Position zu sichern. Die Kavallerie postiert sich der Länge nach zubeiden Seiten der Straße. Die Infanterie besetzt die Seitengänge und die „leichte Kavallerie" sucht die Ecken zu gewinnen. Bei diesen Vorbereitungen zur Schlacht geschieht es nicht selten, daß ein „Bürgerkrieg" ausbricht, in der Armee im allgemeinen, unter den „Artilleristen" im besonderen. Man zankt sich, und oft entbrennt eine regelrechte Schlägerei um der Position willen. „Itzke, rück ab mit deinem Wagen — laß mir auch ein Stückchen Platz — hörst du?" „Kriech in die Erde hinein", antwortet Itzke kalt wie Eiscreme. „So — na, dann will ich dir zeigen, wer „älter" ist!" Und eine breite Ohrfeige fliegt hinüber und eine noch breitere fliegt im nächsten Augenblick zurück. Ha-ha-ha! lacht die ganze Armee im Chor. Die beiden fassen sich bei Bart und Schläfenlocken und zerren sich, und dann sausen geballte Fäuste auf und nieder. Bald erhalten beide Seiten „Sekundanten", und der Bürgerkrieg wird allgemein . . . Jetzt hören auch die Polizisten auf zu gähnen. Sie haben schon eine „Arbeit". „Jemmy, sieh doch mal die beiden Kampfhähne!" sagt der eine. „Heiliger Moses!" . . . Tod und Teufel!" . . . Na, man los!" versetzt lachend der andere. Sie werfen sich ins Gewühl, wo es am dichtesten ist, ein Hieb mit dem Stock nach rechts, ein Hieb nach links, — und der Bürgerkrieg ist beendet. Aber der „Feind", die Käufer, zeigt sich noch nicht auf dem Schlachtfeld. Er ruht noch in seinem „Lager". Die Armee wird ungeduldig und beginnt den Feind mit Kriegssignalen zu reizen. Ein wildes Orchester. Ein Chaos von Melodien. „Gläser! Kelche! Weingläser! Untertassen!" singt einer mit dünnem Bariton. — „Strümpfe! Strümpfe! Reine Wolle, importierte! Kauft! Kauft!" gröhlt ein zweiter' in heiserem Baß. „Geschichten! Lieder! Eine Geschichte von einer sezierten Prinzessin! Das Lied vom einsamen Schloß! Haggadah mit Bildern! Eine ganze Kollektion neue Gebetbücher!" kreischt ein Heldentenor nach rechts und links. . No. 11 „Hemdknöpfe! Manschettenknöpfe, echt Gold! Das neueste Patent!" trillert ein jugendlicher Sopran. „Pessachgebäck! Ingwergebäck! Kuchen! Mohnkipfel! Eine Delikatesse, zergeht im Mund wie; Chokolade!" krächzt eine Alte. „Sechs Kerzen für einen Nickel! Strumpfbänder!^ Schuhbänder! Frischgeriebener Meerrettig! Streich^ hölzer! Kauft! Kauft! Gebt was zu lösen!" quitschteri; von "allen Seiten Mezzosoprane. ... < Manchmal ist überhaupt nichts zu unterscheiden!! Man hört Viertel-, Achtelwörter, zerhackte Sätze. Das'; klingt, als schrie der eine: „Pe! Pe! Pe!", ein zweiter „Ho!j Ho! Ho!", ein dritter „Prrr! Prrr! Prrr!" — und ihr: wißt nicht und könnt nicht wissen, was sie wollen und^ was sie zu verkaufen haben. Es wird dunkler auf dem Schlachtfeld, und beginnt ein dünner, kalter Regen zu fallen, noch unter-; mischt mit etwas Schnee. Von Minute zu Minute wird; der Regen dichter und. heftiger. Die jungen Verkäuferl fangen vor Kälte zu zittern an. Ihre kindlichen Ge-j sichter werden noch blasser und ihre Lippen blau vom; nassen Frost. Sie können nicht mehr schreien, sie! sind schon heiser. Aber sie strengen ihre Lungen nochmehr an und stoßen heiser ihre Rufe aus. Sie müssen^ schreien, weil jetzt die eigentliche Schlacht erst ein-1 setzt. Die Hauptmasse des „Feindes" ist da. Jetzt heißt es: Siegen oder fallen! . . . Der „Feind" ist da. Regiment nach Regiment ist!; aufgezogen. Auch der Feind hat verschiedene Arten} von Truppen. Allen voran zieht die „Artillerie" auf — die armen Weiber mit den großen Körben, die den' „halben Pessach" auf einmal aufnehmen sollen. Da4 hinter die „Infanterie" — die guten Hauswirte, die hier| „Okkasionskäufe" suchen, und die sich einreden, den^ Einkauf besser zu verstehen als ihre Ehehälften. Später! kommt dann die „leichte Kavallerie", die jungen, dürren! Dämchen in eleganten Kleidern und in Brillant-J schmuck. Auch manches junge Fräulein kommt, das,1 an den Rollwagen vorübergehend, verächtlich die Nase] rümpft. Aber man kann sich doch nicht helfen. Nicht* immer „erlauben es die Umstände", in den vornehmen] Kaufhäusern der Stadt einzukaufen. . . J Und es rauscht und braust und siedet an allerti Ecken und Enden. Vor Pessach ist Hester-Street diel große Pulsader der Eastseite. Sie arbeitet wie diel Niagarafälle. Sie hebt ihre rauschenden Wellen hoch] empor und läßt sie gischtschäumend nach rechts undj links niedersprühen. . Die Schlacht ist in vollem Gange. | „Ein halbes Dutzend Löffel für zehn Cent! Kauft| kauft! meine schöne Madame!" 'j „Oho! Warum so teuer? Bei Siegel and Cooper* kriegt man bessere für zehn Cent. . ." :| „Glaswaren, Pessachbecher, echt geschliffen Glas.^ Billig, billig, kauft, Madamchen!" . | „Wie teuer?" _ J| „Vierzig Cent ein Dutzend! Kostet mich alle: achtunddreißig!" „Das soll geschliffenes Glas sein? Nie gewesen!y „Soll ich so gewiß übers Jahr Pessach erlebenj Nicht erleben soll fch den Seder, wenn das kein ge schliffen Glas ist! Seht doch nur her, Madame! IH seid doch gewiß eine Kennerin!"

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