Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 13 (27.3.1908)
- Date
- 1908-03-27
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE3§EELT : NO. 13 weise keinerlei Beschädigung erlitten haben, vorläufig untergebracht worden. Infolge des Brandes sind 5028 Menschen, ausschließlich Juden, obdachlos geworden. Aber auch Menschenleben sind zu beklagen: Greise und Kinder, die sich nicht rechtzeitig retten konnten, kamen in den Flammen um. Die Not macht sich infolge der herrschenden Teuerung um so mehr fühlbar. Massenausweisungen von Juden aus" Rumänien Die rumänische Regierung hat kürzlich die Präfekten angewiesen, die in den Ruralgemeinden angesiedelten sogenannten „Fremden", das heißt Juden, unnachsichtlich zu verfolgen und auch nicht zuzulassen, daß mit ihnen Miets- und Pachtverträge ferner eingegangen werden. Wenigstens scheint dies aus einem Rundschreiben hervorzugehen, das die Präfektur des Distriktes Jassy an die Bürgermeister der Landgemeinden gerichtet hat, und das, wenn es zur Ausführung gelangt, neuerlich Hunderte von Familien, die zum großen Teil seit Generationen in Rumänien wohnen und keine andere Heimat haben, an <ien Bettelstab bringen wird. Das vom 28. Februar datierte Schreiben, dessen Inhalt uns von vertrauenswürdiger Seite mitgeteilt wird, enthält unter anderem folgende Stellen: Hinsichtlich der effektiven Anwendung des Artikels 5 des Gesetzes über die Organisierung der Ruralgemeinden und der Erfüllung der Befehle' der Präfektur mit Bezug auf die Ansiedelung Fremder in den Landgemeinden lenke ich Ihre Aufmerksamkeit darauf, daß in Ihrer Gemeinde mehrere „Fremde" sind, welche die Bestimmungen des Gesetzes nicht erfüllen und durch eine unverzeihliche Gleichgültigkeit in der Gemeinde gedultet werden. Sie werden die Bestimmung des Gesetzes mit Bezug auf jene „Fremden", denen gesetzwidrig gestattet wurde, dauernd in der Gemeinde zu bleiben, sofort vollstrecken, und Sie werden die wider jene Fremden erlassenen Beschlüsse zur Vertreibung aus der Gemeinde sofort zum Vollzuge bringen, sobald die Frist, welche ihnen zur Regelung ihrer Interessen gewährt wurde, abgelaufen ist. Um die obigen Befehle tatsächlich ausführen zu können, werden Sie alle Fremden ersuchen, vom 1. März an keinen Miets- oder Pachtvertrag oder irgendeine Verpflichtung mit den Einwohnern der Gemeinde einzugehen (!!!), um am Tage der Vollstreckung der Beschlüsse sich nicht in der Klemme zu sehen. Amerika Washington, 10. März. Heute wurde Dr. Nathan Birnbaum von Roosevelt, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, in längerer Audienz empfangen. Der Präsident, der fließend deutsch spricht, erkundigte sich genauer nach der Mission Dr. Birnbaums im Lände und gab seiner völligen Vorurteilslosigkeit gegenüber dem jüdischen Volke Ausdruck. Marokko Das Deutsche Bureau der AHiance Israelite Universelle stellt uns folgenden Bericht des Allianceschulleiters Pisa zur Verfügung: Casablanca, 8. Mär* 1908. In der vergangenen Woche haben wir täglich 3 bis 4 aus Mzab kommende israelitische Familien, zusammen 100 Personen aufgenommen, wodurch die Gesamtzahl auf 220 gebracht worden ist. Sie kommen in demselben bedauernswerten Zustand, wie ich ihn manchesmal-geschildert habe, aus einer unwirtlich gewordenen Gegend, ihre Habe auf dem Rücken tragend. Sie werden auf Kosten der AHiance ernährt und untergebracht, und wir verteilen sie in Gruppen von 5, 6 Familien in der Stadt. 'f. Seit einigen Tagen geht dieser Einwanderungsstrom überhaupt nicht mehr zurück. Das beweist, daß ein wahrer Auszug vom Lande nach der Küste begonnen hat. Ich weiß nicht, ob unsere Glaubensgenossen sich in die anderen Häfen geflüchtet haben, aber der größte Teil kommt hierher, angezogen durch die Sicherheit, daß sie gut empfangen werden. Das Schaujagebiet ist durch Krieg und Feuersbrünste von Casablanca bis zu dem Wald von Arrar, der es im Osten begrenzt, vollständig verwüstet. Alle Israeliten, die sich hier befänden, sind zum Teil nach der Küste geflüchtet, zum Teil in das Innere, wo zahlreiche kleine Siedelungen kümmerlich ihr Leben fristen. In der Regel zeigen diese Siedelungen immer die gleiche Zusammensetzung, zwei oder drei Notable und ein Haufen armer Leute. " Is. Pisa. Das Zentralkomitee in Paris hat nach Mekues (Marokko), wo die Lage unserer Glaubensgenossen als äußerst mißlich dargestellt wird, 2000 Frcs. telegraphisch überwiesen. NOTIZEN Eine neue Ausgabe des Buches Esther Im Inselverlag in Leipzig wird demnächst eine neue Ausgabe des Buches Esther in der Lutherschen Übersetzung erscheinen, die besonders vornehm ausgestattet sein wird. Die Zeichnungen des Buches stammen von F. W. Kleukens. Das Buch, von dem nur 300 Exemplare erscheinen werden, wird auch dadurch eine biliophile Bedeutung erlangen, daß es das erste Buch sein wird, das auf der Privatpresse des Großherzogs von Hessen gedruckt werden wird. Die Bergwerke , in der Türkei Wir lesen im „L'Orient":. Der Minister der Bergwerke und Forsten hat die Ingenieure der Bergwerke in den Provinzen ersucht, ihm folgende Fragen zu beantworten: 1. Zahl und Art der Minen jeden Vilajets, die seit zehn Jahren betrieben werden. 2. Die Menge des jährlichen Ertrags, des jährlichen Exports und des im Inland verkauften Materials. 3. Die Zahl der in den Minen beschäftigten Arbeiter. 4. Die etwa vorgekommenen Unfälle, die Zahl der dabei Beschädigten. 5. Angaben über die Art der verwendeten Maschinen. 6. Die Benutzung elektrischer Kraft in den Minen. 7. Vorkehrungen für Verhütung von Unglücksfällen. Offenbar sind diese Fragen in Zusammenhang zu bringen mit der neuerdings beobachteten regeren Tätigkeit der türkischen Behörden in bezug auf Bergwerksangelegenheiten. Tätigkeitsbericht des Vereins „Theodor Herzl" (Wintersemester 1907/08) Der Verein zählte im letzten Semester 25 aktive Mitglieder. — Im Seminar, einer ständigen Institution, wurden 36 Vorträge gehalten, darunter zehn rein zionistische Themen, vier Vorträge über Palästinakunde, fünf über jüdische Literatur; dreimal wurden interne Diskussionen abgehalten. Die Vorträge und die Diskussionsabende waren durchwegs sehr gut frequentiert, und gegenüber dem Wintersemester 1906/07 ist eine Steigerung der durchschnittlichen Besucherzahl um 16 0 0 pro Abend zu konstatieren. Für den Nationalfonds wurden außer der regelmäßigen Selbstbesteuerung der Mitglieder ca. 130 Kronen zur Eintragung Dr. Pasmaniks, des Ehrenmitgliedes des „Theodor Herzl", gesammelt, ferner drei Ölbäume gespendet. Der Stand der Bibliothek beträgt 918 Bände gegen 837 im Vorjahre. Wir erhalten vom Hilfsverein der Deutschen Juden die folgende Zuschrift, aus der hervorgeht, in welch hervorragender Weise die Anglo-Palestine-Company sich um die Linderung der Hungersnot verdient gemacht hat: Als Herr Dr. Nathan in Jerusalem war, hat er in Übereinstimmung mit dem geschäftsführenden Ausschuß des Hilfsvereins der Deutschen Juden zur Linderung der bestehenden Not, sowohl der sephardischen wie der aschkenasischen Gemeinde, Beträge überwiesen. Über die Verwendung der für diese Zwecke gespendeten Gelder erhielt nunmehr der Hilfsverein der Deutschen Juden den nachstehenden Brief aus Jerusalem: „In Anbetracht der bevorstehenden Teuerung beschlossen wir, von auswärts Mehl zu beziehen und in ausreichendem Maße Weizen zu kaufen, um dem Notstand, soweit uns dies möglich, vorzubeugen. Wir trafen daher ein entsprechendes Abkommen mit der Anglo- Palestine-Company, die uns die nötigen Summen vorstreckte. Die dafür gekaufte Ware sollte zur Verfügung der Anglo-Palestine- Company stehen; wir garantierten ihr für 25 Prozent des eventuellen Verlustes. Es ist uns auf diese Weise gelungen, bis 250 000 Kilo Mehl und 63 000 Kilo Weizen im Werte von 150 000 Francs anzuschaffen. Durch dieses Verfahren hatten wir den doppelten Vorteil, daß wir das Mehl unter den Marktpreisen verkaufen konnten, der Weizen aber blieb uns für den Pessachbedarf; wäre dies nicht der Fall gewesen, so hätte sich unsere Gemeinde gezwungen gesehen, wenigstens das Zweifache für Mazzoth zu bezahlen. Der Schaden, der uns durch diesen billigen Verkauf erwuchs, konnte . nur durch die uns zugegangenen Zuwendungen und Spenden gedeckt werden. Die ganze Stadt ist uns jetzt sehr dankbar, da wir durch unser Eingreifen die Möglichkeit eines Preisaufschlages auf Lebensmittel verhindert haben. Besonders sind uns die Ärmsten unserer Stadt sehr dankbar, da sie zum Teil, wo es nötig war, Lebensmittel ganz umsonst erhielten." Der ehrwürdige Rabbiner Samuel Salant fügt dem Schreiben noch das Folgende hinzu: „Auch ich spreche Ew. Hochwohlgeboren für die große Wohltat im Namen meiner bedrückten Glaubensgenossen meinen tiefsten Dank aus."