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Die Welt · 1908-03-13 · 11 (13.3.1908) · page 16

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
11 (13.3.1908)
Date
1908-03-13
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Ausgewiesenen? Nur ein geringerrTeil konnte nach Amerika und Kanada auswandern, der größte Teil lungert und hungert heute noch in den Straßen der Städte, in tiefster Armut Die Alkoholverstaatlichung war der zweite Streich. Das betreffende Gesetz wird im Laufe dieser Woche vou den beiden Kammern bestätigt werden. Einige Tausend jüdische Familien werden dadurch brotlos gemacht da es bestimmt, daß der Schankwirt und sogar die Bedienung (!) Rumänen sein müssen. Wie groß das Elend der so plötzlich expropiierten jüdischen Schankwirte und des von ihnen abhäng gen jüdischen Personals sein wird, vermag man sich vielleicht auszumalen. Der schikanösen Erschwerung der Prüfungen für die Lehrer, über die wir kurzlich berichtet haben und die es de facto einem Juden unmöglich machen wird, jemals die Lehrberechtigung zu erlangen (man verlangt bekanntlich,' daß sich der Kandidat einer Prüfung in seiner Muttersprache unterziehen muß, und behauptet daß der Jude keine Muttersprache habe!),-reiht sich würdig die geplante Rumänisierung der Lotteriekollekteure' an, die demnächst durchgeführt werden soll. Das Interessante dabei ist, daß seinerzeit, als die Lotterie geschaffen wurde, sich nirgends ein Rumäne fand, der es gewagt hätte, das Risiko des Amtes eines Kollekteurs zu übernehmen. Jetzt wo die Lotterie gesichert ist, wirft man nach bewährtem liberalem Muster die jüdischen Lotteriekollekteure hinaus. „Nur Rumänen dürfen das Gewerbe eines Kollekteurs betreiben." Und wiederum sind die Juden, die 75 °'o der Lotteriekollekteure ausmachen, auf die Straße gesetzt. In der vorigen Woche erst erklärte der Ministerpräsident Sturdza, daß in dieser Session der Kammer keinerlei Naturalisationsgesuch von „Fremden" vorgelegt werden solle. Die vorzulegenden Gesuche betreffen ausschließlich Rumänen aus Siebenbürgen, Mazedonien usw. Und dabei ist das Jahr nicht einmal zu Ende, und es ist sehr wahrscheinlich, daß die Regierung in ihrem Tatendrang nach Reformen noch eine Maßregel aushecken wird, die wiederum die Juden zu bezahlen haben. . . Zionistisches Am Sonntag tagte in Galatz der neugewählte Vorstand der rumänischen ZionSstenfederation und konstituierte sich folgendermaßen: M. Heinrich Schein, Präsident, Dr. Moscowitz-Braila' und Dr. Helfant, Vizepräsidenten, Jean Silberstein, Kassierer, M. Schwarzfeld, Revisor. •Es wurde beschlossen, die Purimtage als Schekeltage einzusetzen und einen Aufruf zur eifrigen Sammlung für Schekel und Parteifonds zu erlassen. Reges zionistisches Leben herrscht jetzt in den Städten Foscani und Jassy. In Foscani werden jeden Sonntag Vorträge gehalten. In Jassy funktioniert die Töynbeehalle gleichfalls sehr gut. Folterungen marokkanischer Juden In Böne (Algerien) trafen Ende Februar zwei Juden ein, die. aus Mekinesch in Marokko geflohen waren und von entsetzlichen Folterungen erzählten, die sich dort ereignet hatten. Der eine von ihnen, ein alter Mann, berichtete, daß er eines Tages erfahren habe, daß sein Neffe unter der Beschuldigung des Verrats verhaftet worden sei. Die Anklage war gänzlich unbegründet, aber derartige Quälereien bieten den So'daten sowohl wie den Aufständischen willkommene Gelegenheit, ihr Mütchen zu kühlen. Alle Bemühungen, den unschuldig Eingekerkerten zu befreien, waren vergebens. Nach einer oberflächlichen Untersuchung wurde er zur „Salztortur" verurteilt. Der Unglückliche wurde also auf einen öffentlichen Platz gebracht, wo ihm der Henker tiefe Einschnitte in die Hand beibrachte. Diese wurden mit Salz gefüllt .und sodann die Finger der anderen Hand mit den Nägeln in die Schnitte hineingepreßt. Sodann wurden die beiden derart verbundenen Hände in ein Säckchen aus nassem Leder gepreßt, das rings um das Handgelenk festgebunden, wurde. Infolgedessen wurden die Fingernägel der einen Hand fest in die Wunden der anderen gedrückt. . Durch das Zusammenziehenbeim Trocknen des nassen Leders sowie das Wachsen der Nägel gruben sich diese immer tiefer in die entzündeten Wunden ein und verursachten wahnsinnige Schmerzen. Um ihre Unmenschlichkeit voll zu machen, pflegten die Barbaren den Unglücklichen mit besonderer Sorgfalt, damit er recht lange am Leben bliebe. In einem unbewachten Momente zerschmetterte sich der Unglückliche den Kopf an der Wand seines Gefängnisses und machte so seinen entsetzlichen Leiden ein Ende. Das Deutsche Bureau der Alliance Israelite Universelle stellt uns nachstehenden Bericht des Allianceschulleiters Pisa zur Verfügung: Casablanca, 25. Februar 1908. Ich habe die schmerzliche Aufgabe, von einem Unglück zu melden, dessen Opfer unsere Glaubensgenossen von Mzab geworden sind. Am 17. d. Mts.- kamen die.Truppen des Generals d'Amade bei ihrem Zug gegen die Mdakras . am Fuß der Hügel nahe bei Mzab an. Der Kaid der Kasbah, Ben-Ahmed, der volkreichsten des Mzab, die die meisten Israeliten in sich schließt, erklärte den französischen Behörden seine Unterwerfung. Am Tage darauf übten die anderen Bewohner des Mzab Vergeltung, indem sie jene Kasbah ausraubten, die heiden; Jüdenviertel Stein für Stein zugrunde richteten, eine große Anzahl von Israeliten umbrachten und die übrigen wie eine Herde Vieh über die Felder wegführten. Diese Nachrichten sind'mir amtlich bestätigt worden. Nach . Auskünften von- Eingeborenen haben die meisten israelitischen Einwohner jener Kasbah, einige hundert an' der Zahl, sich nach Casablanca gewendet Eine'beträchtliche Zähl soll sich -auch nach anderen'Kasbahs geflüchtet naben. Ich empfing gestern wieder einen aus 50 Personen bestehenden Vortrupp, von deren Entblößung man sich eine Vorstellung machen kann, wenn man an das Elend denkt, an das die Bevölkerung gewohnt ist, und an die Drangsalierungen, , deren Gegenstand sie ganz besonders seit einiger Zeit bildet, sowie'an den langen Weg, der bis Casablanca zurückzulegen war. Ich habe für die Israeliten von Mzab dieselben Maßnahmen ergriffen wie für die Israeliten von Settat: Unterkunft und Unterhalt für, einige Wochen, Kleidung. Arbeitsbesorgung für die Männer und allmähliche Verteilung der Familien. Ein drittes Kontingent von Flüchtlingen aus Settat das am T6. d. Mtsangekommen ist brachte die Gesamtziffer auf 315. Wir haben sie alle gekleidet ihnen Obdach und Nahrung gegeben. Vom 21. d. Mts.. an Haben wir angefangen, sie in der Stadt zu zerstreuen, um Raum zu gewinnen für die Unglücklichen, die aus Mzab kommensollten. Ein erster Versuch, den wir mit 10 Familien machten, bewies uns, daß sie Arbeit und Wohnung finden konnten. Auf diese Weise haben wir in 4 Tagen über 50 Familien untergebracht Den Rest von. etwa 40 Familien werden wir Im Laufe dieser Woche versorgt haben. Ungefähr 10 Greise, die zu keiner Arbeit fähig sind, bleiben in der Liste für wöchentliche Unterstützungen, die von Gemeindewegen an die Armen verteilt werden. Für die Flüchtlinge von Mzab haben wir dieselben Maßnahmen getroffen. Arbeitslosigkeit in New York Unter dem Einfluß der fortdauernden Geschäftskrise in New York nimmt die Arbeitslosigkeit einen irrimer bedenklicheren Umfang an. Und es ist klar, daß sich unter den am härtesten Betroffenen die jüdische Arbeiterbevölkerung des Eastends befindet. Diejenigen Industrien, die am meisten unter der Krise leiden, sind die auf Heimarbeit beruhenden, z. B. die Zigarrenfabrikation und das Schneidergewerbe, d. h. Berufe, die zum größten Teil in jüdischen Händen liegen. Allein die Vereinigten Jüdischen Arbeitervereine zählen 3400 arbeitslose Zigarrenmacher und Schneider unter ihren Mitgliedern, und dabei ist zu bedenken, daß die Mehrzahl der jüdischen Heimarbeiter gar nicht organisiert ist. Die Bureaus der Arbeiterorganisationen sind Tag und Nacht von arbeitsuchenden Männern und Frauen angefüllt Die Zahl der Arbeitslosen im Judenviertel New Yorks schätzen amerikanische Zeitungen auf die ungeheure Zahl von 75 000. Das Elend ist ganz entsetzlich, und es ist. vorläufig kein Ende abzuse'hen. Unter der Aliensact Zu welchen Ungeheuerlichkeiten die neuerdings geübte strengere Handhabung des englischen Fremdengesetzes führt, beweist ein Fall, der sich bei der jüngsten Verhandlung des Fremdengerichtshofes in Grimsby abspielte. Itzig Wolffenberg, ein Fleischer aus Sasswin, Kreis Kowno in Rußland, kam verflossenen Freitag mitsamt seiner Frau, einer fünfzehnjährigen Tochter und einem fünfjährigen Sohne an, um seinen Schwiegersohn zu besuchen, der in Edinburgh wohnt Die Familie führte über £ 40.— (das gesetzliche Mindestmaß Vermögen) mit sich. Obwohl nun die Familie bestimmt erklärte, daß sie lediglich besuchsweise nach Schottland kommen wolle und die Absicht habe, nur ihre Verwandten zu sehen, die sie seit fünf Jahren nicht gesprochen hatte, und daß sie alle nach einigen Wochen zurückkehren würden, wurden sie nicht zugelassen. Es nutzte ihnen auch der Nachweis nicht, daß sie schon mit Rücksicht auf ihr Geschäft, das sie in Rußland betreiben und das sie für die Dauer ihrer Abwesenheit einem Verwandten übertragen hatten, gezwungen seien, bald zurückzufahren; es nutzte auch nichts der Umstand, daß tatsächlich nicht einmal ein gesetzlicher Grund vorlag, der ihre Zurückweisung gestattet hätte, auch wenn sie hätten bleiben wollen. Die Richter erklärten, daß begründeter Verdacht bestehe, daß die Ankömmlinge in Edinburgh wohnen bleiben wollten, was nicht zulässig sei. Und so wurde es diesen Armen im freien England untersagt, ihre Tochter und Schwester nach fünfjähriger Trennung zu begrüßen, und unverrichteter Dinge mußte die ganze Familienach Rußland zurückkehren.

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