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Die Welt · 1897-06-18 · 3 (18.6.1897) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
3 (18.6.1897)
Article
Antisemitische Caricaturen
Date
1897-06-18
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. S. FIrHMt Seite lS. hasten und die den Feinden, Spöttern und Berzerrern willkommene Angriffspunkte geben. Man muß den Caricaturenzeichnern der Zukunft das Feld verringern, ihnen ihre besten Motive wegnehmen, indem man sie aus dem jüdischen Lebens ausmerzt. Der Witz, der sich gegen den Mauschel richtet, wird vor dem Juden verstummen. Und wir wünschten, daß bald alle Caricaturen von Israel nur mehr historisches Jntereffe hätten! Die Bücherwelt. Wir entnehmen einer Schrift von Dr. Martin Berendt. „Die Verjüngung des Liberalismus" die nachfolgende Stelle, in welcher der Verfasser darlegen will, auf welche Weise der dem Volke tief eingewurzelte Judenhaß von der Reaction als Sturmbock gegen den Liberalismus verwendet wurde: „In der That war dies Mittel (das Wachrufen des Antisemitismus) im Sinne dieser Politik, wenn man von seiner Verderblichkeit für das allgemeine Staatswohl absah, ein Meisterstück. Man gab einerseits dem Haß des Volkes gegen den Liberalismus, der doch ein für das Volksempfinden etwas zu unbestimmter und weitschichtiger Begriff war, eine ganz bestimmte Zielscheibe, gab eine für das Volk viel faßbarere, einfachere Parole aus, leitete den Haß in ein Bett, das schon längst gegraben, welches wohl zeitweilig verschüttet war, aber jeden Augenblick wieder aufge'rissen werden konnte, aus dem der uralte Haß leicht wieder in ursprünglicher Wildheit emporzüngelte. .. Es kam dabei auf eine recht wirksame Aufhetzung der Massen gegen die Juden an, wobei wiederum jede Ehrlichkeit und Gerechtigkeit bei Seite gesetzt werden mußte, wieder ein Gemälde von den Juden entworfen wurde, das grau in grau gehalten, alle ihre Fehler schonungslos aufdeckte und übertrieb, ihre Tugenden und Vorzüge aber klüglich unterschlug. Und wie sich in einem kranken Organismus leicht alle bösen Säfte in einem Krankheitsherd sammeln, so flössen jetzt in dieser, zunächst nur aus politischer Berechnung inszenirten und gut gespielten Komödie allmälig alle kranken Seiten des deutschen Volkslebens, wie durch eine dämonische Macht angezogen, zusammen. Die neu erwachte Herrschsucht des orthodoxen Pfaffenthums, das in dieser reactionären Aera seinen Weizen blühen sah, mit seiner Proselytensucht und starrsinnigen konfessionellen Unduldsamkeit; ein allmälig groß gewordener, engherziger und beschränkter nationaler Dünkel; der Uebermuth der adeligen Kreise, denen die ganze Judenhetze als eine Art interessanten Sports galt; und schließlich der in unverantwortlicher Weise aufgehetzte gemeine Neid der Menge, die in den Händen der Juden zum Th eil ein großes Vermögen angesammelt sah und nun, ihrer plumpen Logik folgend, den, welchem in der Volkswirthschaft ein Vortheil zugefallen war, für den allein Schuldigen ansah und in nicht minder plumper Logik alles Unheil beseitigt zu haben glaubte, wenn sie die Ursache ihres Aergers kurzer Hand roh zerstörte, flössen in dieses Bett zusammen." Uriel Acosta Erzählung von I. Zangwill. Erster Theil. Gabriel da Costa. (2. Fortsetzung.) IV. Am Morgen hatte sich die Begeisterung der Nacht ein wenig gelegt, obwohl nur ein paar Stunden Schlaf dazwischen lagen. „Woher kam die Offenbarung Moses?" blitzte es durch seinen Geist, kaum daß sich seine Augen der sonnenbeschienenen Welt geöffnet hatten. Er stieß den vorspringenden Erker seines Schlafzimmers auf, um die balsamische, salzgeschwängerte Luft einzulassen, und betrachtete nachdenklich die weiße Stadt, die sich zu dem schimmernden Flusse hinabzog. Hatte Gott sich thatsächlich auf dem Berge Sinai geoffenbart? Aber dieser neue Zweifel wurde von dem abermaligen Argwohn verbannt, der, nachdem er seine Träume mit nebelhaften Verzerrungen gestört hatte, jetzt im hellen Tageslicht wieder emporsprang. Ja, sein Geplapper über Dom Diego hatte den lustigen alten Arzt ins Verderben gestürzt. Nach einigen Tagen zunehmender Unruhe und da er nicht im Stande war, von dem Mönche eine beftiedigende Auskunft zu erhalten, suchte er den Secretär der Inquisition in seinem Amtszimmer in einem Dominikanerkloster auf. Der Secretär rieb sich beim Anblick seines beredten Gesichtes die Hände. „Ah, was für neue Füchse hast Du aufgespürt?" Diese Bewillkommnung traf ihn wie ein Messerstich. „Gar keine," antwortete er, während seine Stimme und seine Glieder bebten. „Ich wollte blos erfahren, ob ich an Dom Diego's Verhaftung die Schuld trage." „Die Schuld?" wiederholte der Secretär und schaute ihn scheel an. „Du bist dafür zu loben." „Nein, es ist meine Schuld," wiederholte Gabriel fest. „Vielleicht habe ich das Gespräch falsch verstanden oder falsch wiedergegeben; es ist ein kärglicher Beweis, um daraufhin einen Mann einzukerkern. Hoffentlich habt Ihr mehr Beweise gefunden." „Ei, Du hast Fra Jose blos auf die Spur gebracht. Wir wollten Dich nicht einmal bemühen, vor dem Tribunal zu erscheinen." „Und ist er wirklich ein Jude?" „Seiner Steifnackigkeit nach zu schließen, ein Jude wie er im Buche steht. Aber es ward nicht ganz bewiesen — der Fuchs ist ein schlaues Thier. Er hat bereits die drei ersten Verhöre gehabt; aber er will nicht gestehen und Buße thun. Heute Morgens versuchen wir andere Mittel." „Die Folter?" fragte Gabriel erbleichend. Der Secretär nickte. „Aber wenn er unschuldig ist?" „Sei ohne Sorge — er wird beim ersten Zwacken gestehen. Komm', runzle nicht so die Stirne; willst Du Dich vergewissern, daß Du dem Himmel gedient hast? Du sollst sein Geständniß hören — zur Belohnung für Deinen Eifer." „Er wird glauben, daß ich gekommen bin, um mich zu weiden-" „Da ist eine Maske für Dich." Gabriel nahm sie zögernd, angewidert, aber noch stärker angezogen, und nach einer fieberischen halben Stunde des Wartens befand er sich mit dem Secretär, dem Jnquisitionsrichter, dem Arzte und einem anderen Maskirten in einem unterirdischen, von Hängelampen schwach erhellten Gewölbe. Auf der einen Seite befanden sich die massiven, mit verrosteten Nägeln beschlagenen Thüren lustloser Zellen; auf der rauhen, mit Spinngeweben bedeckten Wand gegenüber, an der eine eiserne Leiter lehnte, waren in verschiedener Höhe eiserne Ringe befestigt. In einer Ecke stand eine Daumenschraube und in der Mitte ein kleiner Schreibtisch, an dem sich der Richter niederließ. Der Secretär sperrte eine Kellerthür auf und durch die Löcher seiner Maske erblickte Gabriel die traurige Gestalt des dicken Arztes. Er kauerte in einer Zelle, die beinahe zu eng war, um sich darin umzudrehen. „Tritt hervor, Dom Abraham de Balthasar," sagte der Richter, in ein Papier blickend. Die Augen des Arztes blinzelten wegen des stärkeren Lichtes, aber er rührte sich nicht. „Ich heiße Dom Diego," sagte er. „Dein Taufname hat für uns nicht mehr Bedeutung als für Dich. Vielleicht hätte ich sagen sollen: Dom Jsak. Tritt vor!" Der Arzt richtete sich trotzig in die Höhe. „Eine schöne Behandlung für einen treuen Sohn der heiligen Kirche, der seinem allergetreuesten und katholischen Herrscher auf der Universität gedient hat," brummte er. „Wer klagt mich des Judaisirens an? Stellt mich dem Schurken gegenüber!" „Das ist gegen unser Gesetz," sagte der Secretär. „Laßt mich die besonderen Beschuldigungen hören. Lest mir die Anklagepunkte vor." „Im Audienzsaal. Sogleich." „Gestehe, gestehe!" rief der Richter ärgerlich. „Ein Geständniß erfordert eine Sünde. Ich habe keine begangen, als jene, die ich dem Priester gebeichtet habe. Aber ich kenne meinen Ankläger — es ist Gabriel da Costa, ein nüchterner, eifriger, junger Sennor, der kein Ohr für einen Scherz hat, der nicht verstand, daß ich das Marktweib neckte, weil jene stinkenden Ketzer seinen ganzen Vorrath aufgekauft hatten. Ich bin nicht mehr Jude als da Costa selbst." Aber noch während er sprach, wußte Gabriel, daß sie beide Juden waren — er und der Gefangene. „Du Heuchler!" rief er unwillkürlich. „Ha!" sagte der Secretär und seine Augen glänzten triumphirend.

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