Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 3 (18.6.1897)
- Article
- Antisemitische Caricaturen
- Date
- 1897-06-18
- Page
- 14 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 14. Nr. 3. JeurUeton Antisemitische Caricaturen. Von Rudolf Lothar. Es gibt zwei Mittel, ein Menschenkind zu erziehen, und wenn man ihm wohl will und wenn es gedeihlich heranreifen soll, wird man beide in Weisem Einklänge verwenden. Das eine Mittel heißt Tadel und es soll die schlechten Triebe des Mensch, leins bekämpfen, seine Untugenden bestrafen, seine faulen und schlimmen Gelüste ausroiten. Das andere Mittel heißt Lob. Es soll wie die Sonne auf das junge Pflänzlein wirken, soll liebevoll sein Blühen unterstützen, soll all seine guten Eigenschaften spornen und beleben. Tadel und Lob halten dem Zögling den Spiegel vor. Er mag darin bald sein Zerrbild, bald sein idcalisirtes Wesen erblicken. So struwelpeterartig würde er werden, wenn er seine Schwächen und Unarten nicht ablegte! So ein schönes, Gott und der Welt wohlgefälliges Wesen könnte er werden, wenn das Lob bei ihm auf den richtigen Boden fiele I — Auch die gewaltigste Erzieherin des Menschengeschlechtes, die Natur, handhabt diese zwei Mittel. Nur heißt ihr Tadel Vernichtung und ihr Lob heißt Sieg im Kampf um's Dasein. Und auch die Kunst vermag erziehlich zu wirken; ist sie es ja, die unsere Ideale verkörpert, sie auf den Altar stellt, uns^ zur Bewunderung und Nachahmung anspornt I Die Kunst lobt den Menschen, indem fie ihn verherrlicht, indem sie ihn zum Abbild des Göttlichen macht. Und sonnig, blüthenweckend wie das Lob des Mentors wirkt die vom Künstler geschaffene Jdealgestalt auf das Volk, das sie bewundert. Als eine Waffe des Tadels aber war dem Künstler der Witz gegeben, das Zerrbild, die Caricatur. Aristophanes, Moliere, Hogarth, haben dies wohl gewußt. Lochen macht gesund, sagt ein altes Wahrwort. Das ist auch im moralischen Sinne zu verstehen. Es gibt ein Lachen, das uns bessert, uns die Augen öffnet, uns erzieht. Nicht nur der Dichter, auch der Zeichner, dessen Griffel Menschen und Geschichte in lustiger Verzerrung zeigt, dient den erzieherischen Zwecken der Kunst und mithin der Menschheit. Indem wir eine Zeit recht verstehen wollen, dürfen wir nicht allein nach ihren Idealen fragen, also nach dem was fie lobte, sondern wir müssen auch in den Caricaturen blättern, die fie hervorgebracht, um zu sehen, was fie tadelnswerth gefunden. Wenn ein Volk von allen seinen Erziehern in eine harte Schule genommen worden ist, so ist es das Volk der Juden. Es hat seit Jahrhunderten nichts als Schelte bekommen, nichts als Tadel in allen Formen. Die Mitmenschen schwangen den Bakel, wenn es nicht just das Richtschwert war. Und den Gehetzten, Verfolgten, Geschmähten, Geschlagenen, Verklagten und Getadelten blieb nur ein Trost, allerdings ein gewichtiger. Die Natur ließ das kleine Völklein, das so hart bedrängt wurde, nicht untergehen. Sie ließ es bestehen, ja, fie ließ es sich vermehren, fie ließ es erstarken. So lobte die Natur jene Kraft im Judenthume, die es den Kampf um's Dasein bestehen ließ. Wie aber stellte sich die Kunst zum Judenthum? Es wäre darüber ein schönes und lehrreiches Buch zu schreiben. Es würde in der Gegenüberstellung von Ideal und Caricatur, von Nathan und Shylock gipfeln. Man dichtet heute keinen Nathan mehr, aber die Figur des Shylock ist heute noch so populär — int schlimmen Sinne — wie zur Zeit, als sie Shakespeare mit groteskem Behagen in die Mitte seines Lustspieles setzte. Der Jude spielt in der Caricatur eine unverwüstliche Rolle. Wenn die Caricatur gelungen ist, kommt nicht nur der Antisemitismus auf seine Rechnung, sondern auch unsere Selbsterkenntniß. Denn eine Caricatur ist gelungen, wenn fie treffend ist, wenn der Hieb sitzt, wenn die Verzerrung nichts anderes bedeutet, als die Uebertreibung eines wirklich vorhandenen Fehlers. Daß die Juden Fehler haben, die zur Caricatur herausfordern oder mindestens dazu einladen, wer wollte das leugnen? Und die Hauptfehler der Juden sind selbst wieder nur die Verzerrungen ihrer besten Eigenschaften. Der Jude ist beweglich, fleißig, fiug, selbstbewußt, trotz aller Unterdrückung. Er hat wie alle Völker, deren künstlerische Entwicklung zurückgeblieben ist oder gewaltsam unterbunden wurde, eine naive Freude am Bunten und Prächtigen. Mer seine Beweglichkeit, sein Fleiß, seine Klugheit, sein Selbstbewußtsein, seine Prachtliebe können in Formen auftreten — und sie treten darin auf — die dann im Chorus jene liebenswürdige Gesellschaft bilden, die man gemeiniglich im Lager der Freunde wie der Feinde als „jüdische Unarten" zu bezeichnen pflegt, Welch ein überreiches Feld für den CaricaturistenI Jüngst erst hat ein Franzose, Herr Charles Huard, es bebaut. Sein Caricaturenalbum »Do Israsl« (Trente zincs originaux. Sur des legendes de Jean Mably) liegt vor UNs. Huard's Manier erinnert bald an Steinlen, bald an Toulouse- Lautrec. Als einem richtigen Caricaturisten ist ihm die Contour Hauptsache. Er gibt ihren charakteristischen Zug. Seine krumme Linie hat Witz. Er hat eine kräftige Hand und wird doch selten hart — ich meine in der Technik. Und nun zu seinen Stoffen! Die alte Leier! Der Jude als Parvenü, als Blutsauger, als frecher Eindringling in der Gesellschaft, als der überschlaue Mann des Profitchens, als der Shylock im schlecht fitzenden Frack, mit Juwelen überladen. Der Vater, der von der Zinne seines Schlosses seinem Sohne die weite Landschaft zeigt mit den Worten: „Nach der Pleite kaufe ich das Alles!" Der Händler, der seinem Trödelladen die „heilige Jungstau von Orleans" zum Schilde gibt, um Adel und Clerus für sich zu haben. Da ein Stück fauler Börsenwelt, dort ein Blick in die Salons der „Mächtigen". Der stumme Refrain heißt überall: „Armes Frankreich!" Die Melodie kennen wir ja! Zwei Dinge fallen ins Auge, wenn man in diesen Zeichnungen blättert. Erstens daß die Spitze des französischen Antisemitismus sich gegen Deutschland wendet. In Frankreich ist der Judenhaß versteckter oder offener Deutschenhaß. Ja. man könnte sagen, er ist zu einem Ventil für den Deutschenhaß geworden, der als solcher längst aus der Mode gekommen ist. Der Jude in der Caricatur ist fast immer der eingewanderte, das Französische grausam radebrechende deutsche (Elsässer) Jude. Und so wie der Zionismus ist auch der Antisemitismus eine Frucht jener großen, das Ende unseres Jahrhunderts erfüllenden nationalen Bewegung, welche die Stammesgenossen vereinigt und gegen alles Fremde Front macht. Der Deutsche, der Czeche, der Slave, der Franzose und zuletzt, ganz zuletzt der Jude empfindet heute national. Und weil diese Empfindung nicht immer im Einklänge steht mit der Configuration der Völkerzusammenhänge, in denen wir stehen, so gibt es Kampf, Krieg, Empörung, Erbitterung, Haß und Zorn. Haben sich erst alle Nationen reinlich neu krystallisirt, dann wird von Krystall zu Krystall wieder brüderlichster Frieden herrschen. Die zweite Erfahrung, die wir aus Huard's Bildern schöpfen, ist die, daß der volksihümlichste Antisemitismus in Frankreich wie überall antikapitalistisch ist. Und gleichzeitig ertönt aus allen Ecken und Enden der Vorwurf, daß das Judenthum eine Hochburg des Socialismus sei! Und dieser Vorwurf hat seine Berechtigung. Die ihn aber als richtig empfinden, hören ihn mit Stolz. Gewiß hat ein starker Judenhaß den Stift des Zeichners geführt. Mt Ingrimm zeichnet er die feisten Bäuchlein, die rundlichen Gesichter seiner Modelle. Aber es wäre falsch, wenn man nur Entrüstung oder Verachtung für sein Werk hätte. Zur Erheiterung ist es bestimmt. So diene er seinem Zwecke. Dort, wo blinde Wuth den Künstler dazu verleitet, im Juden den vaterlandslosen. Frankreich ausbeutenden Eindringling zu sehen, lachen wir über seine Verblendung. Und dort, wo er, richtig schauend, die nationalen Schattenseiten Israels in Zerrbildern uns vorführt, lachen wir mit heimlichem Geloben, selbst energisch diese Schattenseiten zu bekämpfen. „Man kann mit den Juden nie streng genug sein!" sagte einmal ein antisemitischer Lehrer. Der Mann hatte so Unrecht nicht. Nur rücksichtslose Strenge, nur nie erlahmender Tadel vermag das Judenthum von jenen Auswüchsen und Gebresten zu heilen, die ihm an-