Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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begab sich der unterzeichnete Präsident persönlich nach Paris, um die Frage zu regeln. Dank dem Eingreifen zweier angesehener Mitglieder der J C A entschloß sich das Zentralkomifee der Alliance zu einer Vereinbarung, in der es zustimmte, daß Herr Faitlowitsch als Vertreter des italienischen Komitees an der Mission teilnehme, hingegen die Forderung stellte, daß er „unter der Order" des Herrn Nahoum stehen sollte, der von der Alliance zum Chef der Mission ernannt worden war. Es war . nicht ausgeschlossen, daß das italienische Komitee aus Liebe zum Frieden diesem Vorschlag zugestimmt hätte, wenn Herr Faitlowitsch die ihm zugemutete untergeordnete Stellung angenommen hätte. Da er. aber dies entschieden ablehnte, faßte das italienische Komitee in Erwägung, daß ihm auf diese Weise jede Möglichkeit, einen Einfluß auf das Hilfswerk zu üben, und jede Kontrolle über den Bericht der Mission genommen war, und in der Oberzeugung, daß ohne die Mithilfe des Herrn Faitlowitsch die Mission niemals den erwünschten Erfolg haben können in seiner Sitzung vom 25. Dezember 1907 den Beschluß, auf jede Beteiligung an der Mission der Alliance zu verzichten. Gleichzeitig behielt sich das Komitee vor, bei der J C A dahin vorstellig zu werden, daß sie die dem italienischen Komitee zugesicherte Subvention, der ursprünglichen Bestimmung gemäß, zur Verwendung bringen werde, nämlich zugunsten der Gründung einer jüdischen Schule für die Falaschas in Erythräa. Das Komitee wird ferner andere Mittel suchen, um sein Ziel zu erreichen, und wird zu diesem Zwecke die Unterstützung der anderen großen jüdischen Organisationen der ganzen Welt erbitten. Dr. Margulies, Präsident. Adv. Moise Finzi, Sekretär. Adv. Raphaele Ottolenghi, Schatzmeister. Von Herrn Dr. I. Faitlowitsch geht uns dazu noch die nachstehende Zuschrift zu: „Der Aufsatz „Die Falaschas" im Februarheft der Zeitschrift „Ost'und West, Organ der Deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance lsra61ite Universelle", enthält eine Reihe aus dem Berichte des Zentralkomitees der A. I. U. entnommenen Unrichtigkeiten, die ich zur Wahrung meiner eigenen Ehre und zur Klarstellung des tatsächlichen Sachverhaltes hiermit zu berichtigen mich veranlaßt sehe. Ich ersuche Sie höflichst, die nachstehende Erklärung in Ihrem gesch. Blatte zum Abdruck zu bringen: 1. Der Artikel*behauptet, daß meine „Forschungen sich, auf den Besuch einiger Falaschadörfer beschränken mußten." Demgegenüber stelle ich fest daß ich länger als ein Jahr die beiden Landschaften Tigre und Amhara bereist und darin die von Falaschas bewohnten Provinzen Lasta, Yedzu, Boghemeder, Dembea, Waghera,' Semien, Tsegadie, Walkait besucht habe. . 2. Der Artikel behauptet, daß ich „die Provinz Gaudau nicht besuchen konnte, in der zurzeit die größte Anzahl jüdischer Falaschas sich befindet. Diese .Behauptung ist vollkommen zutreffend. In. der Provinz „Gaudau" bin ich allerdings nicht gewesen, denn eine solche Provinz existiert nicht. Sollte, wie ich vermute, Gondar gemeint sein, so würde auch das von einer vollständigen Unkenntnis der Verhältnisse zeugen, da Gondar hur eine Stadt und in der Provinz Dembea gelegen ist. Diese Provinz birgt in der Tat (neben Wagehera und Semien) die größte Zahl der Falaschas; darum habe ich mich auch in dieser Provinz und in der Hauptstadt Gondar mehrere Monate aufgehalten. Als lebendige Zeugen meines dortigen Aufenthalts habe ich die in dem Artikel erwähnten beiden jungen Falaschas mitgebracht, die aus der Provinz Dembea stammen. 3. Der Artikel behauptet, daß die „zwei jüdischen Leute" „in der orientalischen Schule (der Alliance) aufgenommen wurden und sich sehr schnell mit der europäischen Kultur befreundeten." Der Artikel verschweigt, daß die Aufnahme seitens der Alliance ursprünglich entschieden verweigert wurde und erst nach Intervention von hoch angesehener Seite erfolgt ist. Es entspricht nicht den Tatsachen, daß die beiden Falaschas die ihnen vollständig unbekannte hebräische Sprache in dieser Schule erlernten. Von ihrer Ankunft, im Herbst 1905 bis Mai 1906 erhielten sie überhaupt keinen Unterricht, und auch dann, auf Grund meiner Vorstellungen nach persönlicher Verwendung des hochverehrten Präsidenten der Alliance nur eine Stunde wöchentlichen Unterrichts im Hebräischen. Der Artikel verschweigt ferner, daß der eine der beiden Falaschas sich seit dem Januar 1907 in Florenz befindet und daß auch der'andere seit Herbst 1907 die Allianceschule verlassen hat Da ich mich für die beiden jungen Leute verantwortlich fühlte, konnte ich' es mit meinem Gewissen nicht länger vereinbaren, daß die religiöse Anschauung, die sie mitbrachten, durch die Erziehung in jener Schule und durch die ihnen zugänglich gemachte Lektüre untergraben wurde. 4. Ich erachte es um der Wahrheit willen für geboten» ferner zu erklären, daß die Alliance sich niemals aus freien Stücken für die Falaschas interessiert hat Bereits die Mission meines verehrten Lehrers Joseph Halevy -wurde erst auf Anregung von anderer Seite ausgerüstet Tatsache ist ferner, daß auch ich nur durch Halevy veranlaßt wurde, die Reise zu unternehmen, daß mir die Mittel hierzu nicht von der Alliance, sondern auf Verwendung des edlen Grand Rabbin Zadoc Kahn. s. A. von Herrn Baron Edmund de Rothschild gewährt wurden. Allerdings ist. mir bei meiner Abreise von Paris durch den Geschäftsführer der Alliance zugesichert worden, daß mir ein für meine Reise bereits votierter Betrag unmittelbar nach meiner Ankunft in Massaua zugehen solle; aber auf meine wiederholten Anfragen erhielt ich zunächst gar keine, später eine ausweichende Antwort Den Kommentar zu diesem seltsamen Verhalten der Alliance gab mir nach meiner Rückkehr die wiederholte, und entschiedene Erklärung des Geschäftsführers: ich dürfe mich versichert halten, daß in dieser Generation die Alliance sich nie und nimmer für die Falaschas interessieren werde. Diesem Prinzip ist die Alliance seit meiner Rückkehr bis zum Beginn des Jahres 1907 treu geblieben. Wenn sie seitdem ihre Haltung geändert hat, so geschah es unter dem Druck der öffentlichen Meinung, die durch meine Propaganda — ich nehme dieses Verdienst für mich in Anspruch — auf die Lage des Falaschas aufmerksam wurde und eine Hilfsaktion entschieden verlangte. Nur mit schwerem Widerstreben habe ich mich zu dieser Flucht in die Öffentlichkeit entschlossen, die mir aber, um einer Mißdeutung meines Schweigens vorzubeugen, durch die Darstellung in dem amtlichen Organ der Alliance aufgezwungen wurde. Berlin, 12. Februar 1908. Dr. Jacques Faitlowitsch. Spät kommt ihr ... Vom Ausschuß des Verbandes der Deutschen Juden geht uns folgende Mitteilung zu: „Der Verband der Dtutscheh Juden ist seit langer Zeit damit befaßt, die Verhältnisse der Juden in der Provinz Posen und deren Beeinflussung durch die Polenpolitik zu bearbeiten. Die Sammlung des hierzu erforderlichen Materials wird noch eine geraume Zeit in Anspruch nehmen, weil, insbesondere für die früheren Jahrzehnte, irgendwelche Vorarbeiten nicht vorhanden sind und die zur Prüfung der Frage heranzuziehenden Ziffern kaum, oder doch nur mit großen Schwierigkeiten zu beschaffen sind." Bekanntlich hat sich in den letzten Wochen in der deutschjüdischen Presse eine lebhafte Kontraverse entsponnen über die Untätigkeit des vielgerühmten Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in. Sachen des Verhältnisses der preußischen Politik zu den Juden in den' polnisch-preußischen Provinzen. Es war dem Zentralverein vorgeworfen worden, daß er zwar viel Energie auf die Verfolgung irgendwelcher verächtlicher und unschädlicher antisemitischer Winkelblätter und Postkartenrüpeleien verschwende, daß er aber da, wo es gelte, die vitalsten Interessen der deutschen Juden gegenüber Maßnahmen der Regierung zu schützen, absolut — um nicht zu sagen: prinzipiell, *— versage.- Insbesondere wurde dem Verein vorgeworfen, daß er keinerlei Schritte getan habe, um die Öffentlichkeit über die regierungsseitig vorgenommene planmäßige Verdrängung der Juden aus den polnischen Provinzen. Preußens zu informieren, die nicht nur im Widerspruch zu der staatsrechtlich gewährleisteten Gleichberechtigung der Konfessionen stehen, sondern auch der von derselben Regierung energisch betriebenen Politik des Schutzes des Deutschtums ins Gesicht schlage, sintemalen die Juden immer noch die stärksten Träger deutscher Kultur gewesen seien. Nun erscheint plötzlich der Verband der deutschen Juden auf dem Plan und bemüht sich, den Nachweis zu erbringen, daß er jedenfalls nicht geschlafen habe und „sich seit langer Zeit damit befasse, die Verhältnisse usw. zu bearbeiten." Schade nur, daß man bisher von dieser lobenswerten Tätigkeit des Verbandes nichts vernommen Jiat, und .schade, daß diese Erklärung erst kommt, nachdem die unhöflicßen Anfragen in der Presse erfolgt sind. Schade aber auch ist es, daß noch eine geraume Zeit vergehen wird, bis der Verband sein Material zusammen hat Inzwischen ist die Polenvorlage im preußischen Landtage längst erledigt und das ganze Resultat wird vielleicht darin bestehen, daß das Material des Verbandes auf einem demnächstigen Judentag — unter Ausschluß der Diskussion vorgetragen wird. . Die Erklärung des Verbandes der deutschen Juden, die etwas reichlich post festum kommt kann nichts an der Tatsache ändern, daß die deutschen Juden auch bei dieser tatsächlich und prinzipiell so wichtigen Frage wieder einmal ohne geeignete Vertreter dastanden. Sollte vielleicht für" das auffallende Versagen der beiden Verbände in dieser wichtigen Frage die Rücksicht auf die „Blockpolitik" maßgebend sein, die von den 'liberalen Führern der deutschen Juden verlangt daß der Regierung keine unnötigen Schwierigkeiten bereitet werden.