Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 6 (7.2.1908)
- Date
- 1908-02-07
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Innern,, alle Rechte, die im Reich den Christen zustehen, .und unterliegennicht einer Beschränkung ihres Wohn rechts, falls der Glaubenswechsel nach den von der evangelischen Kirche festgestellten Regeln und unter Wahrung des Art. 24 des Paßgesetzes erfolgt ist, nach welchem Artikel die Frauen der zum Christentum übergetretenen Juden ebenfalls Christinnen werden müssen, widrigenfalls die Ehe geschieden werden muß. Neue industrielle Unternehmungen in Palästina Unser Korrespondent schreibt uns aus Saloniki: Die Zeitung „Ikdam" berichtet folgendes:- Soeben wurde ein Firman erlassen, laut dessen es nunmehr gestattet ist, den Jordan *!s Kraftquelle für den'Betrieb elektrischer Licht- und Kraftanlagen zu verwenden. Die Vorbereitungen dazu sind bereits getroffen. Außerdem wird beabsichtigt, folgende Unternehmungen zu gründen.: Zunächst will man ' den Jordan, der etwa eine Stunde von Jericho entfernt fließt, durch einen Kanal mit dieser Stadt verbinden und die umliegenden Ländereien bewässern. ' Auch hat sich . eine Gesellschaft gegründet, um den Schiffsverkehr auf dem Toten Meer, der jetzt von wenigen kleinen Segelbooten betrieben wird, zu reoiganisieren und modernisieren. Angeblich plant man einige Dampfboote dafür zu verwenden. (?) Zwischen Jaffa und dem 12 Stunden entfernt liegenden Gaza soll ein Automobilverkehr zum Zwecke der Getreidebeförderung eingerichtet werden. Die Odja. ein Fluß in der Nähe Jaffas, will man mittels Kanalisation mit dieser Stadt verbinden, um auf diese Weise Wasser für die Bewässerung der Orangerien und gewerbliche Zwecke zu gewinnen. Dieses würde für die Besitzer des fruchtbaren Bodens hei Jaffa von entscheidendem Vorteil sein, da sie bisher von ihrem Besitz mangels Wasser nur wenig Gebrauch machen konnten. Der Chacnam Jacob'Meir ist hier eingetroffen und mit großen Ehren empfangen worden. .Der erste Eindruck, den der neue Chacham überall gemacht hat war ekijdurchaus befriedigenden. Er hat sich sofort das' volle Vertrauen der gesamten Bevölkerung wie auch der' Beamten zu erwerben gewußt. Die Gesellschaft Agudath Netaim Wir sind in der Lage, nachstehend einen kurzen Bericht über die Tätigkeit' der Gesellschaft Agudath Netaim im ersten Jahre ihres Bestehens zu geben. ' Zweck der Gesellschaft ist, die jüdische Siedelung in Palästina zu vergrößern und die Einrichtung und Verwaltung von landwirtschaftlichen Unternehmungen solcher Eigentümer, die noch nicht selbst in Palästina ieben -können oder wollen, vorzunehmen, wie auch derartige Betriebe auf kaufmännischer Basis zu führen. - Den Vorstand der Gesellschaft, bilden zurzeit die Herren: Ingenieur N. Wilbuschewitsch, Direktor der Gesellschaft Athid, J. Levy, Direktor der Anglo .Palestine Company in Jerusalem, Agronom A. Eisenberg, Direktor der Gesellschaft Menucha Wenachla, Rechowoth, und Ch. M. Michelin. Die Gesellschaft hat 100 Aktien zu je 10000 Franken ausgegeben,, die in Jahresraten von 1000 Francs einzuzahlen sind. 25 dieser Aktien sind in Palästina selbst untergebracht worden, 5 weitere außerhalb Palästinas. Insgesamt sind bisher-75 000 Francs eingezahlt. Bis jetzt hat die Gesellschaft folgende Ländereien gekauft: bei Cäsarea 1350 Dunam für 26000 Frcs., in Chederah 350 Dunam zu 7000 Frcs., in Rechowoth 850 Dunam zu 30000 Frcs., insgesamt also 2550 Dunam zu 63000 Francs. Hiervon sind 1250 Dunam für Orangepflanzungen und 1300 Dunam für verschiedenartige Pflanzungen bestimmt. In den Jahren 1905 und 1906 pflanzte die Gesellschaft einen größeren. Orangenhain bei Cäsarea auf einem Gebiete von ca. 150 Dunam. . 100 davon gehören der Gesellschaft und der Rest Privatpersonen. In derselben Gegend und bei Chederah sollen in diesem Winter weitere 80 Dunam mit Orangen bepflanzt werden. In Rechowoth hat die Gesellschaft ungefähr 100 Dunam mit Mandeln bepflanzt und 80 Dunam mit Rizinus. In diesem Winter sollen wertere 500 Dunam mit Oliven und Mandeln bepflanzt werden. Privatpersonen haben der Gesellschaft die Pflanzung von 150 Dunam Orangen und 100 Dunam Mandeln und Oliven übertragen im Gesamtanlagewerte von Frcs. 100000.—" Ein Drittel dieser Summe ist von den Eigentümern gleich bar bezahlt worden, der Rest wird in Raten je nach den Erfordernissen der Pflanzung nachgezahlt. In Rechowoth kostet die Orangenkultur pro Dunam 800 bis 1000 Frcs., während bei Cäsarea, wo das Gelände gut bewässert ist, die Anpflanzungskosten nur ca. 600 Frcs. pro Dunam betragen. Diese Summe enthält alle Kosten von der eisten Pflanzung bis zur ersten Frucht, also für eine Dauer von 5 bis 6 Jahren. Mandelpflanzungen erfordern' bis zur Frucht ungefähr 6 oder 7 Jahre und kosten 1000 Frcs. pro Dunam. Dagegen kosten Ölbäume, die 8 bis 9 Jahre bis zur ersten Frucht erfordern, nur 120 Frcs. pro Dunam. Den jährlichen Ertrag einer Orangenpflanzung kann man auf ungefähr 200 Frcs. pro Dunam schätzen, der einer Mandelpflanzung beträgt 12 bis 15 Frcs. pro Dunam, Ölbäume bringen 15 bis 20 Frcs. pro Dunam jährlich. Die Gesellschaft wird jedenfalls ganz gut prosperieren.. Schon jetzt erscheint es nicht mehr ausgeschlossen, daß Privatpersonen durch ihre Vermittlung Landwirtschaft in Palästina mit sehr gutem Erfolge betreiben, ohne selbst in Palästina ansässig zu sein. Amerika Vom Mieterstreik In New-York hat der Mieterstreik einen bemerkenswerten Erfolg erzielt. Die Mieten sind ganz beträchtlich gesunken, und es hält schwer, selbst'zu ermäßigten Preisen Mieter zu finden. Der Streik hat nämlich zur Folge gehabt, daß die Juden in großen Massen in die entlegeneren Vorstädte ziehen, wo die Mieten natürlich bedeutend billiger sind. Dieser Zug aufs Land ist auch im sozialen Interesse wärmstens zu begrüßen und erscheint geeignet, der Übervölkerung des Eastends' ein Ziel zu setzen. Im Zusammenhang mit der Streikbewegung steht der Plan einer Ausstellung, die die Nachteile des ungeheuren Bevölkerungszuwachses New-Yorks der Öffentlichkeit vor Augen führen soll. Die Ausstellung wird im März eröffnet werden und ein umfassendes Bild der Lebensbedingungen und Gewohnheiten der Masse der New- Yorker Bevölkerung geben. Namhafte jüdische Korporationen haben den Plan ihrer aktiven Unterstützung zugesagt. Die Streikbewegung ergreift inzwischen immer mehr Städte, so wird jetzt aus Boston gemeldet, daß die Bewohner des Eastends dort gleichfalls in einen Mieterstreik eingetreten sind. Zur Einwanderung nach den Sudstaaten Der „Jews and Courier" in Charleston, Südcarolina, veröffentlicht einen interessanten Bericht eines Herrn August Cohn aus Columbia, worin dieser sich über die Frage der Heranziehung fremder Arbeitskräfte zur Verwendung in den Baumwollmühlen der Südstaaten der Union ausspricht. Im verflossenen Jahre herrschte dort eine lebhafte Nachfrage nach Arbeit, und der Bedarf konnte aus den Südstaaten und den benachbarten Provinzen nicht gedeckt werden. Man importierte infolgedessen eine größere Anzahl belgischer Arbeiter. Der Verfasser stellt aber fest, daß der Versuch nicht als sonderlich gelungen bezeichnet werden kann. Mit jüdischen Einwanderern dürften nach Meinung des Veifassers die Schwierigkeiten noch bedeutend größer sein. Juden seien nicht gewohnt, in Mühlen zu arbeiten, und jeder Mutter Sohn' glaube, der Möglichkeiten, sein Glück zu machen, dadurch beraubt worden zu sein, daß man ihn in eine Stadt des Südens statt nach New-York gebracht habe, der Stätte und Quelle aller wahren" Glücksmöglichkeiten. Er fühlte sich in den ihm fremden Arbeiten wie ein Fisch im Trockenen. Gewiß sei einfache und ständige Arbeit außerhalb des aufregenden und verwirrenden Lärms gut für ihn, aber die Organisation existierte noch nicht, der es gelungen wäre, den jüdischen Einwanderer in einen Arbeiter zu verwandeln, der bereit ist, fern von einem jüdischen Zentrum tätig zu sein. Die Bestattung der Thorarollen in Kolomea Die ganze Bevölkerung der kleinen galizischen Stadt war in 'Aufruhr. In der jüdischen Synagoge waren in der Nacht von Freitag auf Samstag sämtliche elf Thorarollen durch ein zufällig entstandenes Feuer bis auf kleine Reste verbrannt. Als Samstagmorgen der „Schames" die Tür der Synagoge öffnete, prallte er entsetzt zurück, denn der qualmige Rauch raubte ihm den Atem; er lief schleunigst, die Wache zu verständigen. Die Feuerwehrleute leisteten getreulich ihre Pflicht, erschienen im Nu, löschten den Brand, retteten was noch von den ehrwürdigen Thorarollen übrig geblieben ist und übergaben sie den Gemeindeältesten. Das Ereignis machte auf die ansässige Judenschaft einen gewaltigen Eindruck. Ein leises Gefühl der Scham, daß man den heiligen Glaubenshort nicht rettete, wühlte in den" Gemütern. Es war noch in frischem Andenken die heldenhafte Tat eines christlichen Geistlichen, der, als ein Tempelbrand in derselben Stadt ausgebrochen war, mit Gefährdungseines Lebens die heiiigenThorarollen herausrettete. Nach ^ltem jüdischen Brauch beschloß man die verkohlten Thorarollen feierlich zu bestatten. Sonntagmittag fluteten Scharen von Juden zur Synagoge, um ihrer Bibel das letzte Geleite zu geben. Die Zeremonie der Aufbahrung nahm ihren regelrechten Verlauf.