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Die Welt · 1908-01-31 · 5 (31.1.1908) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
5 (31.1.1908)
Date
1908-01-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
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6 — ' ■ --DIE3j Der Parteifonds in Rußland (Mahnworte eines russischen Zionisten) Das Zentralkomitee der zionistischen Organisation in Rußland hat in seiner letzten, in Berlin abgehaltenen Sitzung, laut dem in der „Welt" veröffentlichten Berichte, den Beschluß gefaßt, nunmehr eine energische Aktion zugunsten des Parteifonds einzuleiten, und zwar, •wie uns mitgeteilt wird, „ohne Rücksicht auf andere Sammlungen für unsere anderen Institutionen". Ein höchst erfreulicher Beschluß, — vorausgesetzt, daß er durchgeführt und nicht auf dem Papier stehen bleiben wird. Denn in der Tat ist es die höchste Zeit, daß auch wir russische Zionisten uns an der Sanierung der Finanzverhältnisse unserer- Organisation kräftig beteiligen und endlich einmal darangehen, der von uns selbst eingesetzten Parteileitung die Mittel in die Hände zu geben, um" die von allen Seiten so laut geforderte praktische Tätigkeit in und für Palästina entfalten zu können. Nun ist es mit uns russischen Zionisten eine eigene Sache: auf allen Konferenzen und Kongressen sind wir gewöhnlich die eifrigsten. Nörgler und Kritiker, wir hören gar nicht auf, über die Untätigkeit unserer obern Instanzen die schäumendsten Tiraden zu halten, und kommen gewöhnlich mit ganzen Waggonladungen von Wünschen, Projekten, Anträgen und Entwürfen. Wir sind aber auch sehr freigebig bei der Bewilligung von Subventionen und Unterstützungen aller Art und machen nachher der Leitung die bittersten Vorwürfe, wenn sie die bei früheren ähnlichen Anlässen bewilligten Summen nicht ausbezahlt hat/ So sind wir russische Zionisten in unsern Vorträgen, Artikeln, Broschüren, Debatten und Beschlüssen. Wenn es aber nachher dazu kommt, die nötigen finanziellen Mittel zusammenzubringen, dann stehen wir lange nicht auf der Höhe unserer Pflichterfüllung der Partei gegenüber und sind in der Tat — mir als russischem Zionisten sei dieses Wort gestattet — die saumseligsten Zahler der verschiedenen Parteibeiträge. Seit Jahr und Tag ist es eine feststehende traurige Tatsache, daß wir in Rußland sogar 'mit der Einkassierung und Ablieferung der Schekelgelder niemals zur rechten Zeit fertig zu werden vermögen, und es bedarf wiederholter Mahnungen und aller möglichen Zirkulare, um sogar diesen minimalen Beitrag, mit dem doch alle Rechte der Parteimitgliedschaft erworben . werden, gleichsam herauszupressen. Nun ist es allerdings richtig, daß uns in Rußland einserseits eine jede planmäßige Propaganda und Agitation bei den dort herrschenden politischen Zuständen außerordentlich erschwert wird und daß das Gros unserer Anhänger in diesem Lande nicht denjenigen Grad des Wohlstandes aufweist, dessen unsere westeuropäischen und amerikanischen Gesinnungsgenossen sich .glücklicherweise erfreuen können. Dafür besitzen wir aber in Rußland zwei andere „Eigenschaften", wenn ich es so nennen darf: erstens stoßen wir da unter den elenden und darbenden jüdischen Massen, die den ganzen grenzenlösen üammer 'ihrer Golusexfstenz am eigenen Leibe verspüren, auf eine in Westeuropa völlig unbekannte unmittelbare und unverfälschte Begeisterung für die große Botschaft des erlösenden Zionismus, und zweitens stelle^ wir russische Zionisten die große Mehrheit dar, wir sind die eigentliche Masse. Was aber eine begeisterte und für die Verwirklichung £ELTv —^-—No. 5 ihres Ideals sich einsetzende Masse vermag, ist viel mehr, als die größte finanzielle Leistungsfähigkeit einzelner zu vollbringen imstande ist. Von allen großen politischen Parteien Westeuropas erfreut sich bei uns in Rußland, auch -in zionistischen Kreisen, die - deutsche Sozialdemokratie der größten Hochachtung, nicht etwa wegen ihres Zukunftstaates, sondern wegen der eisernen Disziplin und vor allen Dingen wegen der beispiellosen Opferfreudigkeit ihrer Mitglieder, die es ermöglicht, daß ihr Parteivorstand nicht nur über ein gut geschultes und gefügiges Menschenmaterial, sondern auch über eine stets volle Kasse verfügen kann. . Während die bürgerlichen Parteien, die sich aus den wohlhabendsten und reichsten Bevölkerungsklassen rekrutieren, stets über ihren Mangel' an Geldmitteln klagen, bringt es die Partei der besitzlosen Proletarier fertig, über ein jährliches Budget von Millionen zu verfügen, und noch nie hat ein diesbezüglicher Aufruf der Parteileitung in außerordentlichen Fällen wie bei Streiks, Wahlkämpfen u. dgl. die Wirkung verfehlt; die Parteikasse immer und immer wieder zu füllen. Und es ist in der Tat etwas Selbstverständliches, daß eine jede Partei vor allen" Dingen verpflichtet ist, ihrem Vorstande die Mittel zu einer glatten und regulären Erledigung der ihm anvertrauten Parteigeschäfte zur Verfügung zu stellen, ebenso wie es die Staatsangehörigen ihren Regierungen gegenüber tun müssen. Nur wir Zionisten haben uns die einfache Wahrheit noch nicht angeeignet, daß wir erst dann von unserer Leitung etwas fordern können, wenn wir ihr gegenüber unsere Pflicht " getan haben, und daß . man mit der schönsten Doktrin, den herrlichsten oratorischen Leistungen und den weitgehendsten Beschlüssen allein noch keinen einzigen Dunam Land in Palästina erwerben und keine einzige Familie daselbst ansiedeln kann. Und wiederum sind es wir russische Zionisten. denen man diese banale Wahrheit nicht oft genug vorhalten und einprägen kann. Hören wir doch einmal damit auf, uns hinter der elenden materiellen Lage unserer jüdischen Massen zu verschanzen und durch diese gewiß nicht hinwegzuleugnende Tatsache allein unsere Nachlässigkeit im Sammeln zu Parteizwecken zu erklären suchen. Gewiß muß die materielle Unterstützung der Partei seitens des einzelnen Zionisten in Rußland kleiner ausfallen als diejenige bei unsern viel reicheren und in geordneteren Verhältnissen lebenden westeuropäischen Gesinnungsgenossen, aber da wir doch hinter uns so begeisterungsfähige und so zahlreiche Massen haben, so sollten wir es uns zur Ehre anrechnen, für alle unsere Parteiinstitutionen stets die größten Summen zu sammeln und immer mit gutem Beispiele als die eifrigsten und pünktlichsten Geldsammler voranzugehen. Daß man auch in Rußland sogar in den schlimmsten Zeiten recht ansehnliche Summen zu sammeln vermag, beweist geradezu als klassisches Beispiel das Odessaer Palästina-Komitee. Diese alte ehrwürdige Institution der russischen Chowewe-Zion war in den letzten Jahren immer tiefer und tiefer gesunken und brachte es schließlich im Jahre 1906 zu einem Budget von nur 19000 Rubeln. Natürlich war man schon mit der sehr bequemen, weil zu .nichts verpflichtenden Erklärung bei der Hand, die politischen Zustände und die trostlose wirtschaftliche Lage seien schuld an dem nunmehr unabwendbaren Verfall des Komitees. Da wurde auf einmal in der Generalversammlung des Komitees im

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