Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-01-31 · 5 (31.1.1908) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
5 (31.1.1908)
Date
1908-01-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316302--50236-3377224
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE EKELT KÖLN AM RHEIN, KABOUNGEBRING ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XII. JAHRG. KÖLN, 31. Januar 1908 p-nr& öbnn'e* B2t? n"D No. 5. * STATISTIK Schon mehreremal wurde in zionistischen Kreisen der Gedanke angeregt, einen Zionistenkataster zu bearbeiten. Die Idee ist gut und verdient verwirklicht zu werden. Jede wohlorganisierte Partei empfindet das Bedürfnis, ihre Kräfte und . die verfügbaren Mittel zu kennen. Wenn sie „die Häupter ihrer Teuren zählt", so ist es nicht pure Zahlenneugierde, sondern weise Umsicht. Zu den redlichsten, zweckmäßigsten Bemühungen dieser Kategorie gehört auch eine statistische Enquete, die neulich seitens der zionistischen Organisation in Deutschland eingeleitet worden ist. Man kann Nachforschungen dieser Art nicht genug einer gründlichen Beantwortung seitens der Öffentlichkeit empfehlen. Es muß aber gesagt werden, daß ziffermäßige Darstellungen nur für die Zwecke der Verwaltung einen gewissen Wert haben. Das soll nicht überschätzt werden. ..Verwalten ist ein prosaisches Ding, aber ein notwendiges Ding.* Doch ist der Zionismus seinem ganzen Wesen nach kaum geignet, in statistische Umfassungen, gebannt zu werden. Die Ziffern, so beredt sie auch sein^ mögen, können uns nur einen Teil zionistischer Funktionen, nicht aber den Geist, enthüllen. Dazu sind noch ganz andere Enqueten notwendig: unmittelbare, lebendige Beobachtung. Ganz so wie ein- Bau, so prächtig auch seine Fassade sein mag, vor allen Dingen auf tiefen und festen Grundsäulen ruhen muß, und ganz so wie die Sicherheit eines Schiffes von seiner lebenden Bemannung abhängig ist, so bildet auch in einer Partei die ideale Überzeugungskraft des einzelnen die Macht der Organisation. Die klug ausgedachten Regulative, die mit juristischer Schärfe verfaßten Statuten und die schneidig ergriffenen Maßregeln sind fatalerweise zu einem Mißeuolg verurteilt, wenn sie nicht dem Enthusiasmus und der tiefen Überzeugung der einzelnen begegnen. Eine Zionistengruppe, vom jüdischen Geist durchdrungen, geflissentlich bemüht, die Macht der Tradition sich nutzbar zu machen, einsichtig und politisch genügend geschult, um unter den lokalen Verhältnissen und Beziehungen die richtigen Wege einzuschlagen und die entsprechenden Methoden zu wählen, eine Gruppe, die aus ihren kulturellen Kräften und in ihrer Tüchtigkeit das Selbstvertrauen und das Vertrauen zu ihren Führern schöpft —, eine solche Gruppe von Wissenden und Begeisterten ist imstande, Wunder zu schaffen. Schauen wir, anderseits, auf eine Einheit, wie wir sie leider zu oft sehen, wo neun Zehntel der Mitglieder nicht mehr zu den Versammlungen erscheinen, weil für sie das Geistige, das Wurzelecht-Historische und Unwandelbare nur eine Parteiparole war, die nunmehr abgebraucht worden ist wie eine Münze, die zuviel von Hand zu Hand gegangen ist; die die Parteiblätter langweilig finden und die höchstens den Schekel zahlen, oder auch nur zum Teil zahlen, — eine solche Gruppe ist ein Klümpchen ohne inneren Zusammenhang. Sie kann unmöglich die Geduldproben bestehen, sie kann sich unmöglich dem Bann der unvermeidlichen Müdigkeiten und Erschlaffungen entziehen, weil die Voraussetzungen: das starke und lebendige Volksbewußtsein, die tiefbegründete, unerschütterlich auf Lehre, Tradition, jüdischer Welt- und Lebensanschauung beruhende zionistische Überzeugung fehlen. Da hilft keine Organisation und keine Disziplin, die nur aus Vertrauen und aus Überzeugung geschaffen werden können. Man muß also von der Form zum Inhalt kommen. — Die Statistik kann mit ihren harten, kalten und scharfen Augen auf dem Gebiete der Bureaukratie oder der Industrie alles entdecken. Das Leben und Weben der Volksseele, die Imponderabilien der Ekstasen und der Verstimmungen, der Werdegang eines regenerierten nationalen Judentums, das in den feinsten Verschlingungen sich jetzt entwickelt, — sie entziehen sich dem Kriterium der Ziffern. Wir sind auch in dieser Beziehung noch gar nicht so w'eit, um schon die Notwendigkeit einer Umklammerung des Gegebenen einzusehen. Die Zeit zum Ernten ist noch weit; vor allem ist es die Zeit zum Säen, in der wir leben. So viel als möglich zusammenhängende Lehrkurse, so viel als möglich Vorträge, suggestive Versammlungen, Literatur. Erziehung — jüdisches Licht, mehr und mehr Licht! Das Resultat wird sich schon ergeben. Also für oberflächliche Funktionen so viel Nachforschungen^ als möglich, — ist ja die Statistik ein Verwaltungslnstrument. Aber für die innere, gestaltende

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.