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Die Welt · 1908-01-24 · 4 (24.1.1908) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
4 (24.1.1908)
Date
1908-01-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Aus alten Chroniken Es galt — und gilt teilweise auch jetzt — als eine Tatsache, daß Juden das historische Volk sind, ein Volk der geschichtsmäßigen Auffassung des Lebens. Wie lautete doch die Antithese — Hellenen — Volk der Naturauffassung, Juden — das Volk der Geschichte. Mag diese Bestimmung in ihrem ganzen Umfange richtig sein oder nicht, — eines ist verwunderlich. Wie kommt es, daß die Juden trotz ihres Wurzeins in der Geschichte so wenig Geschichte treiben? Man zähle die jüdischen Geschichtsschreiber von Namen und Bedeutung, man vergleiche einmal die Liste der jüdischen Geschichtsforscher mit der der jüdischen Naturforscher, Mathematiker, und man wird über die ungemein geringe, dürftige Zahl der jüdischen Leistungen auf diesem — ihnen scheinbar so vertrauten Gebiete — staunen. Nicht einmal ihre eigene Geschichte haben sie ergründet. Auch dieses Feld überlassen sie andern. Die Zeit der „Wissenschaft des Judentums" ist offenbar vorbei. Zunz, Geiger, Jost, Graetz waren die ersten, die bahnbrechenden jüdischen Historiographien des Judentums. — aber auch die letzten. Jetzt sind es die Nichtjuden, die uns über unsere Geschichte belehren. Bei Holtzman. Schürer, bei E. Mayer finden wir die Fortsetzung dessen, wonach wir so lange dursteten, — eine wissenschaftliche Ergründung des Judentums, — und zwar in erhöhtem Maße. Denn schließlich Zunz und Geiger, — um die hervorragendsten zu nennen, haben ja mit antiquierten Mitteln gearbeitet. Die Geschichtswissenschaft hat auch in ihrer Methodologie neue Gesichtspunkte gewonnen. Und diese Methoden gilt es, der Vergangenheit des Judentums zuzuwenden. Aber für die christlichen Forscher hört die jüdische Geschichte mit der Zerstörung des jüdischen Sonderstaates auf. In die weiten Irrungen und Verschlingungen der jüdischen Geschichte vermögen sie nicht einzudringen. Wer kann sich in diesem Ozean von Leben zurechtfinden? Fürwahr, — es gehört vielleicht mehr als Sachkenntnis, mehr als wissenschaftliche Schulung dazu. Auch nicht Liebe für den Gegenstand, nicht Verständnis für die seelischen Erlebnisse des Volkes sind hinreichend. Eine eigene Methode, ein neuer Weg muß angebahnt werden. Um das „Gesetz" des jüdischen Lebens —und das ist nicht das antike, sondern gerade das okzidentale, das Diasporaleben — zu ergründen, um die Einheitlichkeit in den Mannigfaltigkeiten zu finden, muß man eine eigene Geschichtsmethode anwenden. Die Geschichte der andern Völker hat es mit einem Komplex von Tatsachen zu tun, die Geschichte der Juden mit mehreren, heterogenen. Es handelt sich vor allem darum, die verschiedenen Geschichtstypen, wie sie sich im Laufe der Geschichte herausgearbeitet haben, festzustellen. Erst dann wird man den Grundtypus, das Zugrundeliegende suchen dürfen ... Wir müssen also in der Geschichte der Juden den exakten Weg einschlagen. Vom einzelnen zur Allgemeinheit. Eine Geschichte der Familien, der Verbände, der Gemeinden, der Sekten, ein Nachspüren aller Wandlungen, Schicksale und Verflechtungen der jüdischen Einzelgruppen kann allein die Methode sein. Denn wir haben eben keine nach immanenten Entwicklungsgesetzen lebende Allgemeinheit. Ich freue mich jedesmal, wenn ich Einzeldarstellungen, MiniatiTrarbeit dieser Art finde'. Nicht weil sie etwa ein interessanter Lesestoff wären, — in der Tat, die Chronik einer Gemeinde oder der Stammbaum einer Familie ist nicht allzu spannend, — aber weil ich in ihnen wichtige Bausteine sehe für das zukünftige Gebäude der jüdischen Geschichte. Wenn die Kärrner ihre Arbeit getan haben werden. — dann wird sicher auch der Baumeister kommen ... Neulich kam mir ein derartiges Werk unter die Hände, eine Monographie über die Familie Gomperz von Professor David Kaufmann und Dr. Max Freudental. (Zur Geschichte jüdischer Familien. III, Frankfurt a. M. J. Kaufmann 1907.) Der verstorbene Professor Kaufmann hatte die glückliche, ich möchte fast sagen, die künstlerische Idee, Dokumente'hervorragender jüdischer Familien an den Tag zu fördern. Wir haben ihm unter anderm auch die auch an sich interessanten Memoiren der Glückel von Hameln zuverdanken. Natürlich — aus den Dokumenten und Archiven erfahren wir die Schicksale einzelner, begnadeter, hervorragender Familien. Es sind einzelne Lichtpunkte in einer großen, undifferenzierten, dunkeln Masse. Aber ist es nicht immer so? Die große Masse lebt und leidet und verschwindet in dem Abgrund der Zeiten,— schweigend. Und auch einzelne werden zu Wortträgern der stummen > Welt. Aber die Memoiren haben für uns noch ein anderes Interesse. Sie geben uns, so zu sagen, die Psychogenese der - jüdischen Talente, lassen uns in die Entwicklung der jüdischen Kulturkräfte einen tiefen Einblick tun. Woltmann z. B. durchstöberte ' die Archive Europas, vertiefte sich in die Familiendokumente der großen Männer aller Völker, um für seine Theorie — die Germanentheorie — Belege zu finden. Uns wird von $o manchen Rassentheoretikern die schöpferische Veranlagung abgesprochen. An uns wäre es, durch den Beweis vom Gegenteil diese „Konstatierungen" zu widerlegen. Wer die Geschichte der Kultur etwas näher kennt, der weiß, welchen Anteil jüdische Rassigkeit am Schaffen der europäischen Welt genommen hat. Aber das Material ist nicht gesichtet, es liegt zerstreut und kann deshalb auch nicht in einen kausalen Zusammenhang gebracht, zu einer „Gegentheorie" erhoben werden. In der obenerwähnten Geschichte der Familie Gomperz ist ein derartiger Versuch gemacht worden. Ich will nicht sagen, daß er gut gemacht worden ist. Ich will auch nicht behaupten, daß die Familie Gomperz ein eminentes Interesse für uns hat. Es ist eine Familie von Talent, nicht von schöpferischen Menschen. Die letzten Sprößlinge — und die am meisten bekannten — dieser Familie, Theodor Gomperz und sein Sohn Heinrich, sind begabte Menschen, tüchtige Gelehrte, geachtete Forscher, aber keine führenden Geister, keine von denen, die etwas Hervorragendes geleistet haben oder leisten konnten. Aber immerhin — es ist die Geschichte einer begabten Familie, die vom 16. Jahrhundert im Leben des deutschen Judentums einen gewissen Platz eingenommen hat, einer Patrizierfamilie im besten Sinne des Wortes. Ich werde es nicht einmal versuchen, die Geschichte dieser weit verzweigten Familie, deren Ursprung in Emmerich, deren Schicksale aber mit so vielen Städten Deutschlands, Hollands, Österreich-Ungarns und Englands verbunden sind, zu rekapitulieren. Es ist wie die Geschichte einer jeden Familie, jeden Verbandes. Ein Steigen und ein Sinken, ein

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