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Die Welt · 1908-01-24 · 4 (24.1.1908) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
4 (24.1.1908)
Date
1908-01-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE ELT KÖLN AM RHEIN, KAROl.INGERRING 6%/ ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XII. JAHRG. KÖLN, 24. Januar 1908 pmrfc ö'jnrVc* l>3IP_n"2 ZUR BELEHRUNG Die amerikanische „nationalliberale Liga für das Einwanderungswesen" lenkt unsere Aufmerksamkeit auf folgende höchst interessante Erscheinung. Die Washingtoner Zentralregierung der Vereinigten Staaten hat an sämtliche Einwanderungsbehörden neue Weisungen bezüglich der ankommenden Finnen gesandt. -In Finnland — heißt es —herrsche Hungersnot, und die Mehrheit des finnischen Volkes sei schwer bedrängt. Man könne — heißt es weiter — die Beschränkungsgesetze diesen Unglücklichen gegenüber nicht geltend machen. Ja — und die Juden? Ist doch Finnland ein Paradies im Vergleich mit dem „Ansiedlungsrayon"! Helsingfors und Berdiczew, Wyborg und Mohilew — ein Blick auf diese Städtebilder genügt, den ungeheuren Gegensatz zu bemerken. Hie Sicherheit, Ordnung, ein festgefügter wirtschaftlicher Aufbau, gesunde Zustände, — dort ein Chaos voll Konflikte und Spannungen. Reibungen und Widerstände, Elend und Drangsal. Keine akute, sondern eine ständige, nie entweichende Hungersnot. xVian lese die Armutsstatistik Odessas — 80°/o Proletarier, die meisten arbeitslos. In Warschau beabsichtigt man eine jüdische Provinzialversammlung einzuberufen, um über die Mittel und Wege einer Notstandsaktion zu beraten. In Wilna, in Minsk, in Witebsk, in Hornel und Dwinsk sind die Armenunterstützungskassen leer und werden von Tausenden belagert. So ist die Lage in den großen Städten, — in den kleinern Städtchen und Flecken gähnt der Abgrund der Armut, von der man sich in kulturellen Verhältnissen keinen richtigen Begriff machen kann. Schwelgt nicht Finnland, mit dieser Misere verglichen, in einem blühenden Wohlstande? Mag der finnische Bauer noch so wenig von dem Ertrag seines Bodens einheimsen, er besitzt doch ein Stück Boden, in dem er festgewurzelt dasteht. Er hat eine Grundlage, er fühlt sich heimisch, die Zeiten sind schlecht, aber sie können wieder besser werden,- Arm, existenzlos ist nur der Jude: er schwebt förmlich in der Luft! Oder ist es vielleicht die politisch-bürgerliche Lage? Fürwahr, das kleine Finnland ist nicht beneidenswert. Es hat kaum seine Konstitution erneuert, und nun lauern neue Gefahren, aber ist Finnland nicht ein Dorado im Vergleich mit dem jüdischen Jammertal? Innerhalb der Grenzen Finnlands ist der Finne Vollbürger; außerhalb dieser Grenzen, in ganz Rußland, kann er sich frei bewegen. Er genießt die unbeschränkteste Freiheit der Orts- und Berufswahl. Hätte der russische Jude nur ein Zehntel dieser Freiheiten, er würde kaum daran denken, die Häfen von New York und Philadelphia aufzusuchen, und jedenfalls nicht als „pauper immigrant". Wir wollen nicht tendenziös sein. Wir lassen die „nationalliberale Liga" sprechen. Aber es ist kaum möglich, ein Wort zu unterdrücken, das sich mit aller Gewalt aufdrängt. Die Finnen sind ein Volk und haben ein zwar kleines, aber ihr eigenes Ländchen. Ein wirkliches Volk wird von wirklichen Völkern verstanden. Es heißt: dort ist das Ländchen, es ist klein, von einer Hungersnot heimgesucht, den Leuten dort ist es eng, und sie suchen Raum und Brot. Das ist natürlich und deshalb verständlich. Aber man versteht nicht die Schattenexistenzen, die entwirklichten Volksgemeinschaften, die enterbten, die ewig herumirrenden — uns versteht man nicht! Man nennt uns bald Russen, bald Juden: um aus dieser Verlegenheit herauszukommen, verallgemeinert man uns als „destitute aliens". Man hat für uns ein „conto separato'", — und zugleich erteilt man uns den Rat, uns zu assimilieren. Gut, die armen Wanderer werden sich dieser Formel fügen. Sie kommen aus Suwalkier, Zytomirer und anderen Gouvernements, wie die Finnen aus Finnland. Nein! Das versteht kein Volk. Das sind allgemeine Russen, sagt man. Natürlich fürs Nichteingelassenwerden. Für das Leben in Rußland sind es wieder keine allgemeinen Russen. Die Entrüstung der „nationalliberalen Liga" in Amerika macht ihr alle Ehre. Leider haben wir schon lange aufgehört, uns zu wundern, kennen wir doch die Wurzeln des Übels! N. S.

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